Start Hintergrund „Erinnerung keine Nebensache“

„Erinnerung keine Nebensache“

Rede von Rabbi Benzion Kaplan der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf anlässlich der Verlegung der Stolpersteine in Jülich.

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Rabbi Benzion Kaplan. Foto: Dorothée Schenk
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Sehr geehrter Herr Bürgermeister Axel Fuchs, sehr geehrte Mitglieder des Stadtrates, sehr geehrter Herr Dr. Rudolf Hannot, sehr geehrter Herr Langen, sehr geehrte Mitglieder des Rotary Clubs Jülich, sehr geehrte Frau Susanne Richter vom Stadtarchiv, liebe Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Haus Overbach, gemeinsam mit Ihren Lehrern Herrn Marco Emunds und Herrn Joen Heyming, sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der beteiligten Schulen, der Kirchen, des Integrationsrates, des LVR sowie der Presse, vor allem aber: liebe Angehörige der Familien Voss und Potter, und aller Familien, deren Namen heute und in den kommenden Jahren wieder sichtbar werden.

Wir stehen heute hier, am 29. Januar 2026, an einem Ort, der im Alltag leicht übersehen wird. Gerade deshalb ist dieser Moment so stark. Ein Stolperstein zwingt niemanden zu großen Worten. Er stellt keine Bühne auf. Er liegt still da und sagt dennoch: Hier hat ein Mensch gelebt. Hier war ein Zuhause. Hier begann ein Weg, der durch Hass und Gewalt zerstört wurde.
Im Judentum ist Erinnerung keine Nebensache. Sie ist Auftrag. In der Tora heißt es: „Sachor“ und „Lo tischkach“, erinnere dich und vergiss nicht.

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Erinnerung ist nicht nur Rückblick. Sie ist Verantwortung. Wer erinnert, schützt die Würde der Opfer. Wer erinnert, widerspricht der Entmenschlichung. Wer erinnert, baut eine innere Grenze gegen Gleichgültigkeit.

Viele fragen: Darf man Namen im Boden verlegen. Diese Frage ist verständlich und verdient Respekt. Und doch kann gerade diese Form etwas sehr Wahrhaftiges ausdrücken. Der Stein liegt dort, wo das Leben war. Nicht im Museum, nicht weit weg, sondern mitten in der Stadt, mitten auf dem Weg. Er erinnert uns daran, dass das Unrecht nicht abstrakt war, sondern konkret.
Es betraf Nachbarn, Klassenkameraden, Geschäftspartner, Menschen, die hier gelacht haben, gearbeitet haben, gehofft haben. Und wenn wir uns heute bücken, um zu lesen, dann bücken wir uns nicht vor dem Boden, sondern vor einem Namen. Vor einem Leben. Vor einer Geschichte.

Dass Jülich heute die ersten Stolpersteine verlegt, ist ein bedeutender Schritt. Nicht nur, weil ein Projekt beginnt, sondern weil eine Haltung sichtbar wird. Eine Stadt sagt: Wir übernehmen Verantwortung für unsere Geschichte. Und sie sagt es nicht alleine. Sie tut es gemeinsam mit jungen Menschen.

Ich möchte ausdrücklich die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Haus Overbach würdigen. Sie haben recherchiert, gelesen, gefragt, gesucht, und das nicht als Schulstoff, sondern als Dienst an der Wahrheit. Wer sich als junger Mensch so mit dem Schicksal von Verfolgten beschäftigt, lernt etwas, das kein Lehrbuch ersetzen kann: dass Ausgrenzung immer mit Worten beginnt, mit Witzen, mit Etiketten, mit Schweigen der Mehrheit. Und dass Mut oft ganz leise anfängt, mit dem Entschluss, nicht wegzusehen.

Ich danke auch den Lehrern, die dieses Engagement möglich gemacht haben, und Frau Richter vom Stadtarchiv, deren Arbeit ein Fundament dafür ist, dass Erinnerung nicht vage bleibt, sondern präzise. Denn Wahrheit braucht Quellen, Namen, Daten, Geschichten. Nur so wird aus „damals“ ein „hier“.

Und ich danke den Familienangehörigen, die heute aus der Ferne nach Jülich gekommen sind. Ihre Anwesenheit gibt diesem Moment ein Gesicht und ein Herz. Sie zeigt: Die Geschichte ist nicht vorbei. Sie lebt weiter in Kindern und Enkeln, in Erinnerungen, in Fragen, manchmal auch in Wunden.

Dass Sie hier sind, ist für die Stadt und für alle Anwesenden ein Geschenk und zugleich eine Verpflichtung. Erinnerungskultur ist immer auch persönlich. Manche Familien wünschen einen Stein, manche nicht. Beides verdient Respekt. Es gibt keinen einzigen Weg, mit Verlust umzugehen. Aber es gibt eine gemeinsame Pflicht der Gesellschaft: dass niemand ausgelöscht wird, ein zweites Mal durch Vergessen.

Als Rabbiner stehe ich hier auch im Namen jüdischen Lebens heute. Wir sind wieder da.Nicht als Schatten der Vergangenheit, sondern als lebendige Gemeinschaft.Und dennoch tragen wir die Namen der Ermordeten mit uns. Jeder Name ist eine ganze Welt. In der jüdischen Tradition sagt man: Wer ein Leben zerstört, zerstört eine Welt. Und wer ein Leben ehrt, ehrt eine Welt. Möge dieser erste Schritt in Jülich ein Anfang sein, der weitergeht. Stein für Stein, Name für Name. Nicht um Schuld zu verwalten, sondern um Menschlichkeit zu stärken. Nicht um in Trauer stecken zu bleiben, sondern um wach zu bleiben.
Wach gegenüber Antisemitismus. Wach gegenüber Rassismus. Wach gegenüber jeder Form von Verachtung des Anderen.

Zum Artikel „Steine mitten im Leben“


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