Um es gleich vorweg zu nehmen: Den Höhepunkt des Nachmittags werden die Gäste des Schauspiels sicher so schnell nicht vergessen: Es wurde brennend heiß, als Korinna Schmitz sich beim Bügeln im Homeoffice unter lebensnahem Stöhnen ganz ihrem Telefon-Sex Kunden widmete. Und der wollte keine schnelle Nummer. Ganz zum Leidwesen von Korinnas Ehemann Willi, der beherzt irgendwann selbst zum Hörer griff. Doch in punkto Leidenschaft und Phantasie über Fesselspiele konnte Willi nicht punkten. Umso mehr erlebte Kirchberg was an schauspielerischem Talent in Korinna Schmitz so schlummert, die zumindest verbal alle Hüllen fallen ließ.
Ein wenig diskutiert hätten sie schon, ob man das den Dorfbewohnern so präsentieren könne, verriet Willi Schwarzkopf anschließend. Doch ein neues Vorstandsteam setzte an diesem Nachmittag gleich mehrere Standards neu – auch beim Einstand: Ein Sketch gleich zu Beginn – und alle waren mitten im Geschehen: Als Geschäftsführerin löste Korinna Schmitz ihre langjährige Vorgängerin Elisabeth Wolff ab. Erster Vorsitzender ist Thomas Czichowski, zweiter Vorsitzender Willi Schwarzkopf. Um die Kasse kümmern sich Daniela Reinhard und Karin Delonge-Mundt, die auch souverän das Programm moderierte.
Gleich im ersten Akt bekam man Appetit auf die gute alte Kirchberger Zeit, denn bei der „Kommelion“ von der leeve Jung (Jonah Loevenich) durfte die Butter noch fingerdick aufs Brot geschmiert werden – schließlich könne man sich das ja leisten. Dick auftragen ist eben bei einer Kommunion dörflicher Standard – auch bei Kleidung und Deko. Das fand jedenfalls „Brita“ Eberhardt, die trotzdem ganz ungeniert das Buffet in die mitgebrachten Vorratsdosen lud – für schlechte Zeiten.
Kirchberger sind nämlich vor alle eines: praktisch veranlagt. Der „leeve Kommelions-Jung, dem man wegen seiner Größe die Stuhlbeine abgesägt hatte, damit die Höhe passte, fand das alles aber gar nicht lustig – von wegen „der schönste Dach in sinem Leeve“, wie alle im Chor beteuerten. Vor allem nicht, da er zur Kommunion ein Silbertablett von Oma bekam und nicht wie gewünscht ein „Tablet“.
Die neue Generation hat eben schon das „Denglisch“ verinnerlicht – wie Jürgen Minkenberg in der Episode „Os Modersproch“ kritisierte. Und das führt halt zu Missverständnissen. Da werde „sich in die Auge luure“ zum „Face-to-Face“ und die „Hühnerfrikadell“ zum „Double Chicken Burger“.
Trotzdem zeigte die junge Generation in Gestalt von Jonah Loevenich, dass auch junge Leute noch mit Mundart zu begeistern sind. Bei Oma Veronika zu Hause werde oft geübt, verriet diese. Und auch in diesem Abend ließ sich Veronika Loevenich nicht lumpen und gab dem zugezogenen „Ortsbürgermeister“ aus der Großstadt – treffend gespielt von Ortsvorsteher Ralf Palaß (der eigentlich nicht Zugezogener aus der Großstadt ist) – Nachhilfe in Kirchberger Platt. Was eine „Schrappnell“ sei, die im Dorf – „henger dat Kruffes“ wohne, dass schrieve sich mit drei iii schreibe und Verschtejeld „Fersengeld“ bedeutet – ein Begriff, den er als Ortsvorsteher sicher mal brauche. Genauso wie den „Stetswink“ – den Rückenwind.
Recht schnell wurde allerdings klar: Auch Essen hat einen festen Platz in der Mundart. Dass „Stiefe Ries mit Ziernekniss“ – Milchreis mit Zimt bedeutet, war die Quiz-Frage ans Publikum. Dass das bildlich ausgedrückt doch eher der Knös zwischen den Zehen bedeutet, war aber schnell vergessen, denn die Liste der anderen typisch rheinischen Leckereien, die Ralf als Grundwortschatz Kirchberger Mundart lernen sollte, ließ dem Publikum sicher das Wasser im Munde zusammenlaufen. Essen, das ist ja auch irgendwie Mundart.
Nicht zu vergessen: Wer gut isst, muss auch gut trinken und auch das ist Kirchberger Kulturgut: Wenn der Pastor sein Auto nach mehreren Schnäpschen auf der „Kommelion“ vom lieben Herrgott steuern lässt und sich der alleinstehende Handwerker Jürgen abends „bei Hacky“ aus Verzweiflung über die Kirchberger „Wiever“, darunter auch Marget Vaßen als Lenchen, einen heben geht, dann sind alle plötzlich mitten in der guten alten Kirchberger Zeit angekommen: als es noch die Dorfkneipe vom „Hacky“ gab, wo die Männer sich abends den Frust des Alltags schön trinken konnten. Und Frauen beim Bügeln auch mal ungestört stöhnen konnten.
Dazu gab es Hematleeder von den beiden Dorfmusikanten Michael & Frank sowie einen Gastbeitrag von Georg Thevessen vom Arbeitskreis der Jülicher Mundartfreunde, der über die Freuden eines Opas las. Zum Abschluss gabs das Kirchberjer Leed und ein vom Publikum frenetisch geschunkeltes Kölsches Lied „en unserm Veedel“. Da war der Funke des Gemeinschaftsgefühls längst übergesprungen.
Zum Ausklang wurden dann nach so viel Leckereien in Mundart auch die Mägen des Publikums gefüllt, mit Süppchen und dem einen oder anderen Kaltgetränk. Dazu gabs genug Zeit zum „Kalle“ über den neuesten Klatsch im Dorf.
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