Start Hintergrund „Mit Schweigen fing es auch damals an“

„Mit Schweigen fing es auch damals an“

Rede von Sarah Basic, Vorstandsvorsitzende der iranisch-jüdischen Hochschulgruppe der Hochschule Düsseldorf und aktiver Teil der jüdischen Gemeinde in Düsseldorf, anlässlich der Stolpersteinverlegung in Jülich.

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Sarah Basic. Foto: Dorothée Schenk
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Heute stehen wir hier, vor einem Haus, das auf den ersten Blick nichts Außergewöhnliches hat. Kölnstraße 30. Ein Bürgersteig, eine Hauswand, der Alltag, der hier weitergeht.

Und doch ist dieser Ort kein gewöhnlicher Ort. Denn hier haben Philipp Horn und Rosa Horn gelebt. Hier haben sie gewohnt und gearbeitet. Hier war ihr Zuhause.

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Philipp Horn war Kaufmann (wie wir eben gehört haben). In seinem Geschäft wurde Oberbekleidung verkauft. Kleidung für Menschen aus dieser Stadt. Er besaß dieses Haus, er besaß Grundstücke, er war Teil dieser Gesellschaft. Mitten in Jülich.
Mit Nachbarn. Mit Kunden. Mit Menschen, die sie kannten. Mit Menschen, die ihnen vertrauten, Freunden.

Und genau deshalb ist es so wichtig, heute über sie zu sprechen. Nicht nur über ihren Tod, sondern über ihr Leben – und über das, was ihnen hier genommen wurde.

Auf den Stolpersteinen steht:
deportiert
ermordet
Treblinka.

Und ja, Philipp und Rosa Horn wurden in Treblinka ermordet. Dort endete ihr Leben. Aber dort begann nicht das Verbrechen.

Die eigentliche Grausamkeit begann viel früher. Sie begann nicht laut. Sie begann schleichend. Sie begann hier, in dieser Stadt. Sie begann, als aus Mitbürgern „die Juden“ wurden. Als man anfing zu tuscheln. Als man leiser sprach, wenn sie vorbeigingen. Als man sich abwandte, nicht weil man hasste, sondern weil Wegsehen einfacher war.

Sie begann, als Philipp Horn gezwungen wurde, sein Eigentum zu verkaufen. Grundstücke, die über Jahre aufgebaut worden waren.
Grundstücke, die Sicherheit bedeuteten. Grundstücke, die plötzlich nicht mehr ihm gehören durften.

Sie begann, als dieses Haus nicht mehr Schutz war, sondern ein Ort auf Zeit. Als klar wurde: Ihr dürft bleiben – aber nicht mehr lange. Als Nachbarn zusahen. Als vertraute Gesichter schwiegen.

Philipp und Rosa Horn lebten noch bis März 1941 hier. Man kann sich vorstellen, wie sich dieser Alltag angefühlt haben muss.
In einem Haus zu leben, das einem nicht mehr gehört. Zu wissen, dass jeder Tag der letzte sein könnte. Zu spüren, dass man geduldet ist – nicht mehr willkommen.

Und dann die Zwangsumsiedlung.
Die Villa Buth.
Ein schönes Wort für etwas, das nichts Schönes hatte. Ein Ort der Kontrolle. Ein Ort des Wartens. Ein Ort, an dem Hoffnung langsam verschwindet.

1942 die Deportation nach Theresienstadt. Und wenig später nach Treblinka. Dorthin, Wo Philipp und Rosa Horn ermordet wurden,
weil sie Juden waren.

Aber noch einmal:
Das Töten begann nicht dort.
Es begann hier. Mit dem Wegsehen. Mit dem Schweigen. Mit der Normalisierung von Ausgrenzung.

Und genau deshalb liegen diese Stolpersteine hier. Nicht irgendwo. Nicht auf einem Friedhof. Sondern mitten im Alltag.

Man stolpert über sie, wenn man einkaufen geht. Wenn man zur Arbeit läuft. Wenn man gedankenverloren unterwegs ist.

Sie zwingen uns, kurz innezuhalten. Den gewohnten Schritt zu unterbrechen. Für einen Moment nicht einfach weiterzugehen wie zuvor. Diese Steine sagen nicht: Schau, wie schlimm es war. Sie fragen:

Was tust du heute?
Wo schaust du weg?
Wo bleibst du still?
Und wo wäre es notwendig, den eigenen Standpunkt neu zu justieren?

Denn Antisemitismus ist nicht verschwunden. Er hat nur seine Form geändert. Er tarnt sich als Kritik, als Witz, als Meinung.

Und wieder wird weggesehen. Wieder wird relativiert. Wieder heißt es: So ist das doch nicht gemeint. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen. Das ist „nur legitime Israelkritik“

Und wir sagen: Nie wieder ist jetzt. So schnell gesagt. So schnell geteilt. Nie wieder, während jetzt ist und wir jetzt wieder mittendrin sind.

Denn für viele bedeutet dieses Jetzt: die Kippa unter der Mütze. der Davidstern unter der Kleidung. Es bedeutet, abzuwägen, wem man sagt, dass man jüdisch ist. Es bedeutet, antisemitische Kommentare zu hören – und zu merken, dass kaum jemand widerspricht. Es bedeutet, an Universitäten zu sitzen und festzustellen, dass Unterstützung oft ausbleibt. Dass geschwiegen wird. Dass weggesehen wird.

Mit Schweigen fing es auch damals an. Dass geschwiegen wird. Dass weggesehen wird. Mit Schweigen fing es auch damals an.
Und aus dieser Erfahrung ist eine Konsequenz gezogen worden. Dass jüdisches Leben nie wieder schutzlos sein darf. Dass es einen Ort gibt, an den wir gehen können, wenn Schweigen wieder gefährlich wird.

Israel ist dieser Ort. Ein lanu Eretz Acheret.
Ein Land, das auch existiert, damit jüdische Existenz nicht vom Wegsehen anderer abhängt. Viele meiner Freunde sind bereits gegangen, weil sie es nicht mehr ertragen haben, sich zu verstecken. Und auch ich weiß nicht, ob ich in einem Jahr noch hier stehen werde. Aber es darf keine Lösung sein, dass jüdische Menschen Deutschland verlassen müssen. Die Konsequenz aus diesen Geschichten darf nicht Flucht sein, sondern Verantwortung.

Hier.
Jetzt.

Ich möchte deshalb heute auch danken. Der Schulklasse, die dieses Projekt begleitet hat. Den jungen Menschen, die sich mit diesen Namen beschäftigt haben und recherchiert haben. Die nicht weggesehen haben. Die Verantwortung übernommen haben.
Denn Erinnerung lebt nur, wenn sie weitergegeben wird. Und jüdisches Leben kann nur dort bestehen, wo Menschen bereit sind, hinzusehen – auch wenn es unbequem ist. Und dazu habt ihr mit der Umsetzung dieses Projekts beigetragen.

Philipp und Rosa Horn hatten keine Kinder. Aber sie haben heute Stimmen. In uns. In diesen Steinen. In jedem Schritt, der hier bewusst getan wird.

Mögen diese Stolpersteine uns nicht nur erinnern. Mögen sie uns wach halten. Und mögen wir begreifen: Unrecht beginnt im Kleinen. Aber Verantwortung auch. Hier. Heute. Jetzt.

Zum Artikel „Steine mitten im Leben“


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