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Festansprache zum Neujahrsempfang 2026

Prof. Dr. Astrid Lambrecht, Vorstandsvorsitzende des Forschungszentrums Jülich hielt zum Neujahrsempfang der Stadt Jülich, der gemeinsam mit dem Stadtmarketing Jülich e.V. ausgerichtet wird, die Festansprache.

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Prof. Astrid Lambrecht. Foto: Dorothée Schenk
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Sehr geehrter Herr Bürgermeister Fuchs, lieber Axel,
Sehr geehrte Damen und Herren,

Nicht nur als Vorstandsvorsitzende des Forschungszentrums, sondern auch als Wahl-Jülicherin ist es mir eine große Freude und Ehre, heute Abend hier zu Ihnen sprechen zu dürfen.

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Der Stadtmarketing-Preis steht für Engagement, Kreativität und Verantwortung für unsere Stadt. Er würdigt Menschen, Institutionen und Initiativen, die Jülich mit Ideen, Tatkraft und Herz prägen und weiterentwickeln.

Jülich ist eine Stadt mit Geschichte – und mit Zukunft. Eine Stadt, die immer wieder bewiesen hat, dass Wandel nicht nur Herausforderung ist, sondern eben auch Chance. Genau darum geht es beim Stadtmarketingpreis: um positive Kräfte, die unsere Stadt sichtbar machen, sie stärken und ihr Profil als historische Festungs- und moderne Forschungsstadt schärfen – nach innen wie nach außen.

Als Vorsitzende des Forschungszentrums Jülich darf ich heute die Perspektive einer Institution einbringen, die seit Jahrzehnten eng mit dieser Stadt und der gesamten Region verbunden ist. Wir sind selbst stolze Träger des Stadtmarketingpreises. Wir sind in Jülich und im Rheinischen Revier verwurzelt – und zugleich tragen wir den Namen Jülich als internationale Spitzenforschungseinrichtung in die Welt. Auch wenn das bei internationalen Partnern manchmal eine sprachliche Herausforderung ist.

Gerne möchte ich die Gelegenheit nutzen, Ihnen einen aktuellen Einblick „hinter die Kulissen“ des Forschungszentrums Jülich zu gewähren. Doch dabei soll es nicht bleiben. Ich möchte diese Rede nutzen, um auf die Rolle der Forschung in unserer Gesellschaft einzugehen.

Unsere Einrichtung hat einen tiefgreifenden Wandel durchlaufen: Weg von der Gründungsmission der Kernforschung, hin zu Forschung für eine nachhaltige Zukunft. Das Forschungszentrum Jülich steht heute für Forschung zu den großen Fragen unserer Zeit. Es steht für die Transformation in den Bereichen Information, Energie und Bioökonomie: von künstlicher Intelligenz und energiesparendem Rechnen bis hin zur Energiewende und dem Übergang zu einer biobasierten Kreislaufwirtschaft.

Dabei decken wir das gesamte Spektrum der Forschung ab: Moderne, zukunftsgewandte Wissenschaft bewegt sich in einem Kontinuum zwischen Grundlagenforschung, anwendungsnaher Forschung und Innovation. Exzellente Grundlagenforschung von heute ist die Voraussetzung für die Innovationen von morgen.

Mir ist es ein Anliegen, zu verdeutlichen, dass Forschung wirksam wird und warum in Forschung investiert werden muss – auch in Zeiten knapper Haushalte und wirtschaftlicher Herausforderungen. Dies gilt nicht nur für uns hier in Jülich, sondern für ganz Deutschland und Europa.

Ich komme gerade von einer Delegationsreise nach China und Singapur zurück. Dort wurde uns noch einmal deutlich vor Augen geführt, wie Forschung und Innovation als zentrale Wachstumsmotoren genutzt werden, um mit hoher Geschwindigkeit und Umsetzungsorientierung strategisch gesteuert gesellschaftlich und wirtschaftlich Wirkung zu entfalten.

Ohne die systemischen Unterschiede zwischen Europa und Asien kleinreden zu wollen, wurde dabei erneut deutlich, dass wir uns eine zentrale Frage stellen müssen: Wie können auch wir es schaffen, exzellente Wissenschaft noch schneller und noch effektiver in wirtschaftliche Stärke und gesellschaftlichen Fortschritt zu verwandeln?

In Deutschland, in NRW, und eben auch hier in Jülich verfügen wir über alles, was notwendig ist, um aus wissenschaftlicher Exzellenz wirtschaftliche Wertschöpfung zu generieren: eine einzigartige Forschungslandschaft, industrielle Kompetenz und hervorragende Voraussetzungen diese Kräfte durch Zusammenarbeit zu bündeln. Ich stelle allerdings in Frage, ob wir diese Möglichkeiten schon voll ausschöpfen.
Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind hinlänglich bekannt: Im globalen Wettbewerb reicht es nicht aus, lediglich die besten Ideen zu entwickeln. Entscheidend ist, wer es schafft, diese Ideen am schnellsten in marktfähige Innovationen zu verwandeln. Unsere Region wird den Strukturwandel nur dann erfolgreich meistern und langfristig im nationalen und globalen Wettbewerb bestehen können wenn uns das gelingt.

Das Schicksal der Photovoltaik ist hier ein lehrreiches Beispiel: Europäische Forschung hat diese Technologie maßgeblich geprägt, doch die Wertschöpfung fand letztlich anderswo statt. Heute stehen wir mit Technologien wie Perowskit-Solarzellen erneut an der Schwelle zu globalen Märkten. Diesmal müssen wir diese Märkte selbst besetzen.

Wir müssen dafür sorgen, dass bei uns in Deutschland die guten Ideen entstehen und auch hier zu erfolgreichen, innovativen Produkten gemacht werden. Und NRW ist der Ort, an dem diese Wertschöpfung gelingen kann.

Der entscheidende Hebel liegt in der Geschwindigkeit und Entschlossenheit, mit der wir den Transfer gestalten. Es geht nicht um mangelnde Kreativität, sondern darum, dass wir zu oft zwischen der ersten Skizze am Reißbrett und dem marktreifen Produkt an Schwung verlieren. Das ist aus meiner Sicht keine Frage des Könnens, sondern hat verschiedene Gründe: lange bürokratische Prozesse, und auch mangelnde Zuversicht und fehlende Risikobereitschaft.
Hier können Jülich und das Rheinische Revier eine Vorreiterolle einnehmen: wir können zeigen, wie wir aus exzellenter Wissenschaft wirtschaftliche Kraft generieren.
Das möchte ich Ihnen nun an einigen Beispielen aus dem Forschungszentrum Jülich veranschaulichen.

Wasserstoff-Modellregion Rheinisches Revier:
Im Helmholtz-Cluster für nachhaltige Wasserstoffwirtschaft gestalten wir gemeinsam mit Partnern aus Industrie und Kommunen über Demonstrator-Vorhaben die Energieversorgung der Zukunft. Wir wollen im Rheinischen Revier eine vollständige Wasserstoff-Wertschöpfungskette etablieren – von der Erzeugung über den Transport bis zur industriellen Nutzung. Ein zentrales Projekt ist die zunehmend wasserstoffbasierte Wärme- und Energieversorgung des Hermann-Josef-Krankenhaus in Erkelenz. Gemeinsam mit der Robert Bosch GmbH und Hydrogenious LOHC NRW, machen wir so die Versorgung dieser kritischen Infrastruktur klimafreundlicher und kostengünstiger.

Bioökonomie-Revier:
Gemeinsam mit Partnern aus der Papier- und Verpackungsindustrie entwickeln wir im Faserinnovationszentrum Zerkall und der Modellpapierfabrik Düren nicht-fossile, klimaneutrale Fasern zur Herstellung von Papier, Verpackungen, Textilien und Baustoffen. Hier wird vom Anbau geeigneter Pflanzen bis hin zum Engineering der Anlage die gesamte Wertschöpfungskette mitgedacht. Durch solche Innovationen wollen wir traditionellen Industrien helfen, sich zukunftsfähig aufzustellen – und helfen uns Arbeitsplätze in der Region zu sichern.

Mit JUPITER und unseren anderen Supercomputern leisten wir hier aus dem beschaulichen Jülich heraus einen wichtigen Beitrag zur digitalen und technologischen Souveränität Europas.

Als schnellster Supercomputer Europas und viertschnellster der Welt ist er in der Lage, mehr als eine Trillion Rechenoperationen pro Sekunde zu erbringen. Das nennt man Exaflop! Um Ihnen das zu veranschaulichen: eine einfache Rechenaufgabe wie 3+4=7 wird von einem Menschen in ungefähr einer Sekunde gelöst. Auf der Welt gibt es ca. 10 Mrd. Menschen. Wenn die gesamte Erdbevölkerung 4 Jahre 24 Stunden am Tag jede Sekunde solche einfachen Aufgaben rechnen würde, könnte JUPITER die gleiche Anzahl an Berechnungen in einer Sekunde bewältigen.

Diese Rechenpower und KI Kompetenz stellen wir über die JUPITER AI Factory und das KI-Servicezentrum West AI Unternehmen aus Jülich, aus der Region, aber auch aus ganz Deutschland zur Verfügung. So kommt KI in die Anwendung und so gelingt digitale Transformation.

JUPITER ist ein wichtiger Schritt für Europas digitale Souveränität. In ihm sind 300 km Kabel verschaltet. Das entspricht der Entfernung von Jülich nach Hannover. Doch was ihn einzigartig macht, ist seine herausragende Energieeffizienz. Er ist der weltweit energieeffizienteste Supercomputer seiner Leistungsklasse. In einer Zeit, in der Digitalisierung und KI immer mehr Energie erfordern, beweisen wir mit JUPITER, wie der Weg zu ressourcenschonendem Rechnen gelingen kann.

Zum Thema energieschonendes Rechnen möchte ich Ihnen nun noch kurz einen echten Blick in die Werkstatt – oder besser gesagt in das Labor gewähren.

Neben traditionellen Rechenarchitekturen die wie JUPITER arbeiten wir auch an ganz neuen, innovativen Ansätzen: Computer Chips die vom Gehirn inspiriert sind. Denn die Natur ist der beste Ingenieur: kein Rechensystem ist so effektiv und energiesparend wie das menschliche Gehirn.
Statt klassischer Prozessoren, die Schritt für Schritt Befehle abarbeiten, versuchen diese sogennanten neuromorphe Systeme so zu arbeiten, wie Neuronen und Synapsen im Gehirn: parallel, ereignisgetrieben und extrem energieeffizient.
Diese Technologie kann helfen, Energie zu sparen, intelligente Sensoren zu entwickeln oder autonome Systeme sicherer zu machen. Dass an solchen Ansätzen in Jülich geforscht wird, zeigt, wofür unsere Stadt steht: für Innovation mit Verantwortung – und für Forschung, die nicht abstrakt bleibt, sondern Lösungen für die Herausforderungen unserer Zeit entwickelt.

Meine Damen und Herren,

Henry Ford soll gesagt haben: „Wenn alle zusammen nach vorne schauen, kommt der Erfolg von selbst.“

wenn wir über die Zukunft Jülichs sprechen, dann geht es um Zusammenarbeit, um Offenheit und um den Mut, Neues zu wagen. Wissenschaft kann dabei eine starke, positive Kraft sein – aber nur im Dialog mit der Stadt und ihren Menschen.
Das Forschungszentrum Jülich wird auch in Zukunft Verantwortung übernehmen: als Arbeitgeber, als Innovationsmotor, als Partner der Region und als Teil dieser Stadtgemeinschaft.
Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten, dass Jülich weiterhin ein Ort bleibt, an dem man gerne lebt, arbeitet und Zukunft gestaltet.


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