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Esst mehr Gemüse!

Mehr Gemüse und Obst statt Weizen und Zucker essen – klingt nach den Forderungen moderner Ernährungsmedizin. Ist es aber nicht, sondern die Aufforderung auf einem Plakat der US-Armee aus dem 1. Weltkrieg. Die „guten“ Lebensmittel Fleisch, Weizen, Zucker und Fett sollten nämlich den Soldaten vorbehalten bleiben. War wohl nichts mit dem Thema gesunde Ernährung.

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Foto: Archiv/Henrike Körber
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Was gut hundert Jahre alte Werbeplakate mit dem heimischen Gemüsegarten zu tun haben, erzählte Eva Behrens-Hommel. Die „leidenschaftliche Gärtnerin“ beleuchtete in einem Vortrag besondere und eher unbekannte Aspekte des Gärtnerns: „Victory Gardening“, frei übersetzt „Gärtnern für den Sieg“, lautete die Überschrift.

Eine Überschrift, die offenbar neugierig machte. Das monatliche Kulturcafé im Dietrich-Bonhoeffer-Haus war bis auf den letzten Platz besetzt. Behrens-Hommel verriet schmunzelnd nicht nur, dass gute 1300 Quadratmeter Grün sie manchmal durchaus übermannen würden, sondern spannte auch einen gekonnten Bogen vom kriegsbedingten „Victory Gardening“ über die „Grabeflächen“ des Ruhrgebiets vorbei an dem bekannten Phänomen Schrebergartenkolonie hin zu neuen Entwicklungen wie Permakultur und Guerilla Gardening.

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Anfang des 19. Jahrhunderts mit den ersten sozialreformatorischen Bestrebungen seien Gärten politisch geworden, so Behrens-Hommel. In der benachbarten Kaiserstadt etwa war es der „Aachener Verein zur Beförderung der Arbeitsamkeit“, der die Anlage von Gärten für „jedermann“ forderte.

Hinzu kam die Heimatbewegung, die mit der „Fiktion unverdorbenen Landlebens“ nicht nur die Landwirtschaft, sondern auch das Ideal der Selbstversorgung romantisierte. Ein Ansatz, den die Nationalsozialisten weit später für ihre „Blut und Boden-Ideologie“ missbrauchten.

Ebenfalls sozialreformatorischen Bemühungen zuzuordnen waren die sogenannten „Gartenstädte“. „Fahren Sie mal nach Dresden!“, forderte Eva Behrens-Hommel ihr Publikum auf. Das gezeigte Bild von einer üppig grünen kreisrunden Anlage rief denn auch begeisterte „Oohs“ bei den Cafégästen hervor.

Die Idee hinter der Gartenstadt war allerdings weniger, für einen optisch gelungenen Anblick zu sorgen. Hier ging es darum, genossenschaftlich zu wohnen, gemeinsam im Garten zu arbeiten, die Erträge zu teilen und – geradezu umstürzlerisch fürs Deutsche Kaiserreich um die Wende des 20. Jahrhunderts – sich selbst zu verwalten. Diese neumodische Idee stammte übrigens genau wie das Victory Gardening aus dem englischsprachigen Raum.

Eine ziemlich deutsche Erfindung, wenn auch ursprünglich anders gemeint, ist der Schrebergarten. Der Leipziger Orthopäde Dr. Moritz Schreber hatte die körperliche Beweglichkeit von Kindern und Jugendlichen seiner Heimatstadt im Sinn und sorgte für die Anlage von Gärten ausgestattet mit „Sportgeräten“. Nachdem diese nicht so gut ankamen wie erhofft, wurde schließlich doch Obst und Gemüse angebaut – die Geburtsstunde des Schrebergartens.

Nah verwandt mit dem Schreber- ist der Kleingarten. Dessen Ursprünge liegen allerdings in den sprunghaft wachsenden Industriegebieten Deutschlands, vor allem in der Bergbauregion an der Ruhr. Industrialisierung und Landflucht zwangen die steigende Bevölkerung in enge, dunkle, feuchte Mietskasernen.

Keine guten Bedingungen, um gesund zu bleiben. „Aber“, erläuterte Behrens-Hommel den schlichten ökonomischen Grund, „nur ein gesunder Arbeiter ist ein guter Arbeiter.“ Anders formuliert: Die Fabrik- und Grubenbesitzer im Ruhrpott hatten ein ganz eigenes Interesse daran, dass ihre Arbeiter Obst und Gemüse für den Eigenbedarf anpflanzen konnten und stellten ihnen Kleingärten zur Verfügung.

Aus Industriellensicht mit positivem Nebeneffekt: „Wer abends im Garten ackerte, hatte keine Zeit, in der Kneipe zu sitzen und Umsturzpläne zu schmieden“, konstatierte die Referentin lakonisch.

Spätestens mit den amerikanischen, kanadischen oder britischen Aufrufen, die eigenen Soldaten mit Schaufel und Spaten zu unterstützen, wurde die politische Komponente hinterm Grün unübersehbar. „Sow the seeds of victory – sähe die Saat des Sieges!“, lautete etwa der Aufruf auf einem der Plakate, die Eva Behrens-Hommel ausgegraben hatte.

Hinter der simplen Forderung standen die Regierungsüberlegungen, dass auf diese Weise zum einen die Bevölkerung sich selbst ernähren könne und zum anderen die in Kriegszeiten immer schwächelnde Landwirtschaft entlastet würde. Ein erfolgreiches Konzept: Nicht nur US-Präsident Woodrow Wilson und seine Frau ließen Schafe vor dem Weißen Haus weiden, Millionen von Amerikanern gruben in Parks und Hinterhöfen fleißig um.

Für den ersten Weltkrieg fehlen zwar Zahlen, im zweiten Weltkrieg hat die Statistik die stolze Zahl von 18 Millionen Gärten ermittelt. Ein Phänomen, das sich übrigens auch auf der anderen Seite des späteren Eisernen Vorhangs beobachten ließ.

Jahrzehnte später griff auch First Lady Michelle Obama zu Hacke und Schaufel und ließ auf dem Rasen des Weißen Hauses Küchen- und Rosengarten anlegen. Eine der ersten Amtshandlungen Donald Trumps war es dann, die liebevoll gehegten Pflanzen herausreißen und die Fläche betonieren zu lassen.

Ein Sinnbild für den letzten Abschnitt des Vortrags, der sich unter dem Oberbegriff „Climate Victory Gardening“ den Bemühungen widmete, auch im Kleinen Umwelt, Natur und Klima zum Sieg zu verhelfen. Ob nun Dachbegrünung oder wildes Gärtnern in der Stadt, die Botschaft des „Klimagärtnerns“ ist einfach: Jeder kann etwas tun.

Beispiele für diese These lieferte auch das anschließende Cafégespräch in großer Runde einige. Hier zeigte sich abschließend noch einmal, dass das ungewöhnliche Thema des „Siegesgärtnerns“ offenbar einen Nerv getroffen hatte und auch aktuelle Anknüpfungspunkte bot.

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Klönschnacktee mit der Muttermilch aufgesogen und inzwischen beim rheinischen Kölsch angekommen. Übt sich in der schreibenden Zunft seit Studententagen zwischen Tagespresse und Fachpublikationen und… wichtig: ließ das JüLicht mit leuchten.

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