Start Magazin Kunst & Design Bewegt – Ein seltsames Verb, bewegen.

Bewegt – Ein seltsames Verb, bewegen.

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Van Goghs Sternennacht
Van Goghs Sternennacht
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Sportcabrios z.B. können mich bewegen, wobei es aber völlig offen bleibt, ob ich darin sitze und fahre, oder ob mich das Design begeistert. Denn Design, die maximale Durchdringung von Form und Funktion, kann mich begeistern, auch wenn ich mich sonst eher in französischen Kleintransportern bewegt habe.

Autofahren zählt nicht zu meinen großen Leidenschaften, aber es gibt Ausnahmen. Z.B. Ende Mai, morgens um halb vier, die Ausfallstraße

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in Richtung Aachen zu nehmen. Im Rückspiegel steigt bereits das Licht. In den Straßenschluchten von Köln ist es noch Nacht, aber hier auf der offenen Chaussee löscht der Morgen schon die Straßenlaternen, ich fahre in die längsten Tage des Jahres. Letzte Nachtschwärmer queren die Piste, durch geöffnete Fenster dringt schon vereinzelt das Schnarren, Tuten und Läuten von Weckern, Montag.

Ein Schulterblick nach hinten durch das Trenngitter in den Laderaum: Ruck- und Schlafsack, Camping Gas für den Kaffee, Wäschekisten. Hinter der Grenze werde ich mir einen Parkplatz unter Bäumen suchen und Kaffee kochen. Dann wird es hier dreispurig unbewegt sein. Ich trete aufs Gas, die A4.

Wohin die Reise geht? Südfrankreich, das Gebiet um Arles, ein dicker Bildband liegt auf dem Beifahrersitz: The complete Vincent van Gogh.

Wieso van Gogh? Er ist der erste, der Bewegung nicht gemalt hat, sondern sie stattfinden ließ. Energieströme, Aufmärsche von Farbe, das Vor und Zurück von Schlachtenreihen, direkt aus der Farbtube auf die Leinwände gedrückt. Rot und Orange berennen die violett und oliv befestigten Stellungen, Burgunder und Sepia schanzen gegen Weiß und Gelb. Die Leinwand ist eine Arena. Hinter mir klettert die Sonne über die Höhenzüge des Bergischen und brennt ein Loch in den Rückspiegel, mein Haar feuerrot, Nase, Jochbeine, Stirn rosa, die Augenhöhlen Indigo. Abfahrt A 61. Im Süden werden die Schatten eher Ultramarin sein, Nase und Stirn apricot und die Sonne gelb. Alles ist bewegt, Licht und Schatten tanzen ineinander, in strengem Reglement. Kreuz Bliesheim, ich schwenke auf Luxemburg.

Man müsste seine Bilder scannen und in ein EEG geben, vielleicht würde das seine Krankheit bestätigen. Epilepsie, die heilige Krankheit, wie die Griechen sie nannten. Alexander der Große, Julius Cäsar und Martin Luther sollen an ihr gelitten haben. Alle miteinander waren sie große Weltbeweger. Van Goghs nächtlichen Himmel über der Rhone, diese sich unablässig formierenden und wieder auflösende Rotationen. Wie Spiralnebel. Doch das Wort war zu der Zeit noch unbekannt. Er war Niederländer, er kannte das ständige Anrollen der Dünung. Dort unten das unbewegte Mittelmeer. Er projiziert seine eigene Bewegtheit in den Himmel. Die „Sternennacht“ ist ein permanentes Werden und Vergehen über zuckenden Zypressen. Alles ist Eins, miteinander verbunden. Ein Umstand, den die Quantenphysik schon 40 Jahre später bestätigen sollte.

Bewegt sein oder bewegt werden, intro- oder extrovertiert,  Charakterzüge, die später die von van Gogh herbeigesehnte Freundschaft mit Paul Gauguin haben scheitern lassen. Van Gogh war von allem bewegt. Gauguin hingegen hatte ein Defizit und musste sich immerzu bewegen, bis er schließlich in der Südsee landete, wo er dann völlig unbewegte Bilder malte.

Die Sauer, Echternach, die Basilika in der Flussschleife. Ich parke. Am Markt das Cafe´de la poste, hinter Arkaden von Rundbögen. Ich werde mir meinen Kaffee servieren lassen.

Die Schankstube ist randvoll und eine Front blaubetuchter Hinterteile schirmt die Theke ab, Frühstückspause, Rauchschwaden. Köpfe drehen sich zu mir. Dunkelhaarige, kleine Männer mit expressiven Brauen, so wie Gustav Gründgens als Mephisto, nur nicht so dünndrahtig. Rund, phlegmatisch, alemannisches Terrain. Man trinkt Kaffee und Quetsch, Pflaumenbrand. Ich bestelle das gleiche.

Bewegung, Mobilität ist Zeitgeist. Und sie bewegt sich doch, soll Galilei Galileo gemurmelt haben, als er den Gerichtssaal verließ, um in den Kerker zu gehen. Das machte ihn ziemlich unbeweglich, aber er hat einiges in Bewegung gesetzt. Das Fernrohr ist das Ende der geozentrischen Weltsicht. Die Glaubensspaltung setzte ein. Van Gogh ist nur als Protestant denkbar. Sich ein Stück Ohr abschneiden, um es den Geringsten unter den Menschen, einer Prostituierten, zu bringen. Das Bewerten beginnt, das Mitfühlen schwindet und damit auch das Gefühl für sich selbst.

Die lateinische Liturgie ist ein unverständlicher Singsang gewesen, weihrauchschwanger, ein Wiegen im Schoß der Kirche. Das geht mit der Bibelübersetzung zu Ende. Jetzt wird von der Kanzel gewettert. Erkenntnis, Leistung, Selbstverantwortung. Van Gogh verkörpert wie kaum ein anderer das ganze Glück und Unglück der Individuation. Aber um mich herum ist noch alles romanisch und morgens um zehn Uhr Quetsch, das ist eine Gnade.

Im neuen, heliozentrischen Weltbild wird der Mensch zur Eintagsfliege im Kosmos und eine zunehmende Betriebsamkeit setzt ein, so als müsse man diese Einsicht damit kompensieren. Als die innere Bewegtheit zu einem unstillbaren Rasen wurde, feuerte sich van Gogh mit einer Pistole eine Kugel in die Brust. Der Schuss war nicht tödlich. Heute hätte er ohne weiteres operiert werden können. So lebte er noch einige Tage. Er hatte keine großen Schmerzen. Er saß unentwegt auf dem Bett und rauchte. Das ist bezeugt worden. Äußerlich und wohl zum ersten Mal auch innerlich unbewegt. Noch für ein paar Stunden im Leben und vom Leben freigestellt, kam endlich Frieden über ihn.

Im Nebenzimmer steht ein grün bespannter Tisch. Billard, kein Pool, Carambolage. Die niedrige Lampe lässt den trüben Schatten des Tisches wie die Silhouette eines Meeressäugers über Tisch und Boden gleiten, die Lichtwellen stoßen gegen Decken und Wände, der Rauch dreht Spiralen, auf dem grünen Tuch der Queue, die weißen und die rote Kugel. Draußen wogt die bewegte Welt, die Arkaden tanzen unter einem rotierenden Himmel. Ich bestelle mir Quetsch mit Kaffee.


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