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Vom Trost im Trüben

Dieter Laue hält Kurs im tiefsten Nebel

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Vom Trost im Trüben | Grafik: HZG
Nacht und Nebel, dass Undurchschaubare | Grafik: HZG
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Negerschlacht im Tunnel nannte der Münchner Komiker Carl Valentin ein Rechteck, das er aus schwarzer Pappe schnitt und dann als Bild gerahmt in eine Ausstellung hängte. Damit machte er einen Scherz, aber auch die Grenzen bildnerischer Darstellung deutlich: Dunkles im Dunkeln geht nicht. Ebenso wenig geht das ineinander Wabern von weißen Schwaden winzig kleiner Wassertröpfchen, das sich zwischen uns und die Welt stellt, der Nebel.

Nacht und Nebel. Als Doppel sind sie sprichwörtlich und stehen für das Undurchschaubare, auch im übertragenen Sinne. So sind sie gerade im Kriminal- und Gruselgenre unverzichtbar. Etwa wenn die Schwaden um die Gaslaternen ziehen und den Lichtschein in nebelige Säcke hüllen und plötzlich, im Aufreißen der Schleier direkt vor uns, die grausige Gestalt von Christopher Lee alias des Grafen Dracula gegen den Vollmond aufragt. Da kommt Stimmung auf.

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Aber auch der Romantiker Caspar David Friedrich macht gerne Gebrauch davon. Denn wem die Welt ohnehin nicht gefällt, dem ist es recht, wenn der Nebel darüber geht wie der Schwamm über die Schultafel und die ganze Algebra der Gewissheiten in tropfweiße Wolken verwandelt. Der Nebel steht also gegen das Realitätsprinzip. Aber wenn sich auf der Autobahn 50 Fahrzeuge in ihm verkeilen, dann wird er zu einem maßgeblichen Teil der Realität.

Als Westfale komme ich aus dem Land der Spökenkiekerei, also jener Fähigkeit, hinter jedem Nebelstreif einen Erlkönig zu sehen. Westfalen bildet den Eintritt in die Nebelländer, das eigentliche Germanien, wo nichts Römisches und kein mediterranes Licht hat Fuß fassen können und der Nebelspalter Erasmus von Rotterdam sah im Germanischen vor allem auch das Manische. Und der Trost im Trüben findet sich in benebelnden Getränken aus Gerste und Hopfen, lunare Stoffe, manchmal durch Nachtschatten oder Bilsenkraut gesteigert, um damit richtig im Trüben fischen zu können.

Richard Wagner zieht davon alle Register, das Raunen der Nornen, das Verschwinden im Venusberg, das Versenken des Goldes im nächtlichen Strom. Seine Opern gleichen dem Flechtwerk auf den Runensteinen, ein aus den Spalten des Unterbewussten hervor quellendes Gekröse aus Walküren, Riesen und Gnomen, die unrettbar durch das nordische Weltenrätsel irren. Das ist schon recht neblig.

Nun leiden Nebelbewohner zwangsläufig an eingeschränktem Gesichtskreis, den sie aber durch Gesichte kompensieren. So Horst Janssen, Oldenburger, der auf der Hochzeitsreise den Klabautermann vor Cuxhaven in der Elbmündung sichtete und seitdem seine Gesichte in allen Phasen der Verwüstung am eigenen Gesicht darstellt. Übrigens ganz in der Tradition von Rembrandt (Holländer), Beckmann (Niedersachse) oder Corinth (Ostpreuße) und den unzähligen Konterfeis mit der Fragestellung, was denn nun daran wahrhaftig sei und was Trug? Motto: Wer bin ich und wenn ja, wie viele?

Wir tappen also im Nebel. Rechts herum geht es nach Skandinavien, Hamlet philosophiert mit dem Totenkopf und Edvard Munch lässt seinen Schrei erschallen, jene angstvolle Grimasse, die sich unter dem eigenen Heulen die Ohren zuhält. Oder es geht in das Keltische, wo der Golfstrom auf die kalten Nordgewässer trifft und die Nebel steigen lässt. Dunstwände, aus denen William Turners Lokomotiven hervorrasen oder Dampfschiffe unter ungutem Morgenrot ihre letzte Fahrt antreten. Aus Nebeln kommend Nebel erzeugend – den quellenden Dampf aus ihren Schloten – geht die Fahrt die walisische Küste hinauf.

Vorbei an den Whiskey-Nebeln von Dylan Thomas oder Richard Burton. Letzterer wahlweise benebelt von Single Malt oder gemeinsam einsam mit Liz Taylor an Double Malt. Dann hinüber zur grünen Insel und ab in die Delirien des Joyce oder Beckett und ihren in den Nebeln der menschlichen Existenz umher tappenden Bloom oder Malloy. Nebel, gegen die Sean Scully seine mächtigen Dreiklänge setzt. Mauer große Bilder aus farbig über- und untermalten Längs- und Querstreifen, Klänge wie Nebelhörner, die tutend von der irischen See herüber dröhnen.

Arme Nebelländer, hinter dem Drachenfels wird es leichter. Die Bauweise der Häuser, die Sitten, die Speisen. Die Farben bekommen Schmelz und selbst die Nebel sind hier vom Sonnenlicht ganz Riesling golden und ohne diese Loden schwere Düsterkeit. In den Flusstälern ist es schon fast mediterran, Wälder von Steineichen und Maronen und Duft von vergorenen Trauben. Christo ist eindeutig ein Südländer. Zwar nutzt auch er Verhüllungen, aber er spielt damit weniger den Nebel als die Eva, die es versteht, durch Verdecken und Verstecken ein sonniges Fluidum zu erzeugen und Phantasien zu wecken. Und Ingeborg Bachmann schenkte uns die Maxime: nichts Schöneres unter der Sonne, als unter der Sonne.

Aber nicht alles von der Sonne Beschienene muss nun auch erfreuen, da ließe man manches doch lieber im Dunklen und das wabernde Weiß gäbe zumindest den Raum für die eigene Regie in Illusion und Traum. Nicht alle Landschaftsbilder entstehen vor der Landschaft und jeder Breitengrad dreht sich in die Nacht. Sogar die weissagende Priesterin des Sonnengottes Apollon, die Pythia, saß über einer Spalte, aus der Nebel stiegen, die nicht nur die Augen trübten, sondern auch den Verstand, so dass sie mehr als andere sehen konnte. Der alte Streit um Nebel und Nacht oder das Klare und Sonnenhafte und um den höheren Rang des Gottes Dionysos oder des Gottes Apollon, des Nordens oder des Südens, er bleibt unentschieden

Man hat lange gerätselt, wie die Wikinger, die Grönland besiedelten, in diesen Nebelwelten navigieren konnten und erst kürzlich hat man dort ein Mineral entdeckt, dass das Licht derart fokussiert, dass man damit auch im tiefsten Nebel den Stand der Sonne bestimmen kann, den Doppelspat. Ich ziehe da ein Glas Riesling vor, dessen bauchige Rundung das Licht wie in einer Schusterkugel sammelt und gebündelt wieder abstrahlt. Goldenes Licht, ich lenke es auf jeden beliebigen Gegenstand um ihn zu erhellen und halte den Kurs im tiefsten Nebel. Ahoi.

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Dieter Laue
Dieter ist hauptberuflich Künstler. Laue malt seine Bilder nicht, sondern er komponiert und improvisiert wie ein Jazzmusiker. Sein freier Gedankenfluss bring die Leser an die verschiedensten Orte der Kunstgeschichte(n). Er lässt Bilder entstehen, wo vorher keine waren. In Bild und Schrift.

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