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Schlange stehen für die Forschung

Wenn Massen in Bewegung geraten und daraus schließlich ein Unglück resultiert, ist schnell von "Massenpanik" die Rede. Warum der Ausdruck irreführend ist, weiß Dr. Maik Boltes, der die Dynamik von Menschenmengen erforscht.

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Drängeln und Schlange stehen für die Forschung. Foto: Marc Strunz-Michels
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Die Katastrophe bei der Loveparade in Duisburg vor 16 Jahren, das tragische Unglück im Hillsborough-Stadion im englischen Sheffield 1989, die Tragödie im belgischen Heysel, ebenfalls in einem Fußballstadion – die Liste der Unglücke, die meist mit der Überschrift „Massenpanik“ tituliert werden, ist leider lang.

Ein Ausdruck, der falsch oder doch zumindest irreführend ist. Das findet jedenfalls Dr. Maik Boltes, der sich am Forschungszentrum Jülich mit der Dynamik von Menschenmengen auseinandersetzt, und erklärt das auch gleich. Aus seiner Sicht suggeriert der Begriff Massenpanik nämlich, dass Menschenmassen in Panik geraten und dadurch erst die Katastrophe auslösen. Damit würde die Verantwortung für ihr eigenes Unglück quasi den Opfern zugeschoben. Dabei liege es an den Umständen wie etwa der Infrastruktur.

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Boltes beschreibt die Phänomene, die schließlich zu einer Katastrophe mit Toten und Verletzten führen können, ebenso sachlich wie anschaulich. Wenn es – aus welchem Grund auch immer – in einem umgrenzten Raum zu eng wird und sich sehr viele Menschen gleichzeitig in die gleiche Richtung bewegen, möglicherweise aber in unterschiedlichem Tempo, wird früher oder später ein Einzelner stolpern und stürzen. Aufgrund der Enge könne dann niemand mehr dem Gestürzten aufhelfen. Die Folge ist eine Kettenreaktion, bei der die Menschen übereinander fallen. Auch komme es vor, dass Menschen schlicht den Bodenkontakt verlören, hochgehoben würden und, bildlich gesprochen, wie durch einen Flaschenhals aus der Masse herausgedrückt würden. Panik könne dann möglicherweise, aber nicht zwingend die Folge solcher Ereignisse sein.

„Zivile Sicherheitsforschung“ lautet die offizielle Bezeichnung dessen, womit sich Boltes und sein Team am Institute for Advanced Simulation, kurz IAS genannt, befassen. Die Bewegung einer Masse – ob diese nun aus Menschen, Tieren, unbelebten Objekten wie Steinen oder Flüssigkeiten besteht – unterliegt physikalischen Gesetzen. Welche Parameter im Einzelnen speziell die Bewegung großer Menschengruppen beeinflussen, und vor allem wie sich diese messen und letztlich steuern lassen, erforscht Maik Boltes schon seit Jahren. Dass es dabei immer noch Neues zu entdecken gibt, erstaunt so manchen Laien. „Meine Eltern fragen immer mal wieder, ob wir nicht endlich alles herausgefunden haben“, schmunzelt Boltes und versichert gleichzeitig, dass es noch eine ganze Menge zu lernen gibt. So wird beispielsweise erforscht, welchen Einfluss typisch menschliche Bewegungsmuster auf die Dynamik der gesamten Masse haben, welche Rolle unterschiedliche Körpergrößen spielen und wie entscheidend der Abstand zwischen den einzelnen Personen etwa in der Schlange am Einlass ist.

Um die vielen offenen Fragen zu beantworten, arbeitet das Team um Maik Boltes zum einen mit Simulationen mittels Hochleistungscomputern, setzt aber auch auf Experimente mit großen Menschengruppen. Dabei arbeitet das Jülicher Team mit der Bergischen Universität in Wuppertal zusammen und ist dabei auch immer wieder weltweit unterwegs.
Mithilfe seiner Forschung will das Team auch dazu beitragen, den Komfort in Fahrzeugen zu erhöhen, den reibungslosen Ablauf von Großveranstaltungen wie Welt- und Europameisterschaften zu verbessern und vor allem die Sicherheit der jeweiligen Teilnehmenden zu gewährleisten. Deswegen stehen Freiwillige Schlange mit genau vorgegebenen Abständen zu Vorderfrau und Hintermann, lassen sich mit Sensoren ausstatten und tragen Markierungen auf dem Kopf, die den Forschenden ermöglichen, ihre Bewegungen nachzuvollziehen. Unterschiedliche Formen der „Verkehrsführung“, also etwa Absperrgitter, welche die Menschen in Schlangenlinien zum Flughafenschalter leiten, werden dabei ebenso getestet wie verschieden breite Eingangstüren. Dichte, Geschwindigkeit und der sogenannte spezifische Fluss der Menge werden mittels physikalischer Formeln berechnet. Doch neben den schlichten Zahlen spielen weitere Faktoren eine Rolle, weswegen das Team um Mathematiker Boltes interdisziplinär besetzt ist und sich unter anderem auch den sozialpsychologischen Aspekten menschlichen Verhaltens widmet. Immer wieder wird die Expertise des Forschungsteams von den Organisatoren solcher Großveranstaltungen in Anspruch genommen. So ist beispielsweise die UEFA EURO 2024 beratend begleitet worden.

Mehr zur Forschung gibt es auf der Seite des Instituts zum Nachlesen.

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Britta Sylvester
Klönschnacktee mit der Muttermilch aufgesogen und inzwischen beim rheinische Kölsch angekommen. Übt sich in der schreibenden Zunft seit Studententagen zwischen Tagespresse und Fachpublikationen und… wichtig: ließ das JüLicht mit leuchten.

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