Start Magazin Geschichte/n Historische Aufarbeitung wird sichtbar

Historische Aufarbeitung wird sichtbar

In Zeiten des Wiedererstarkens des Faschismus auf der Welt treiben Schülerinnen und Schüler die Erinnerungskultur voran. Seit etwa eineinhalb Jahren recherchieren sieben Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Haus Overbach zu den jüdischen Menschen, die im Jülich des dritten Reichs ermordet und vertrieben wurden. Am 29. Januar verlegen sie ab 10 Uhr vormittags gemeinsam mit dem Initiator des Projekts Gunter Demnig die ersten Stolpersteine der Stadt. Sechs weitere Jülicher Schulen und das Würselener Heilig Geist Gymnasium arbeiten aktuell entweder an einem eigenen Rechercheprojekt oder stecken in den Vorbereitungen.

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Die "Recherche-Gruppe" am Gymnasium Haus Overbach. Foto: Björn Honings
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Zwei jüdischen Familien wird im Zuge dieser ersten Verlegung von sieben der Individualdenkmäler in Form der Stolpersteine gedacht werden. Die Familien Voss und Horn wohnten in der Kölnstraße und in der Markstraße, bevor das Nazi Regime ihre Existenz vernichtete. Im Zuge dessen werden Angehörige der Familie Voss aus den USA und Israel anreisen, um der Verlegung beizuwohnen. Ebenso reist der Düsseldorfer Rabbiner Benzion Dov Kaplan an. Der Rotary Club und eine Vertretung des Gymnasiums Overbach werden zudem anwesend sein und nach Möglichkeit ebenso Delegationen der anderen involvierten Schulen. Die Jülicher Bürgerschaft sei eingeladen dem Gedenken beizuwohnen, so der ehemalige Präsident des Jülicher Rotary Clubs und Initiator der Zusammenarbeit, Dr. Rudolph Hannot.

Die Leistung der historischen Aufarbeitung vollbrachten Charlotte Lehrach, Alisa Breuer, Lena Niesen, Anna Kleines, Judith Zwaygard, Jonas Thielen und Finja Kronholz über die letzten 18 Monate in ihrer Freizeit mit großzügiger Unterstützung von Susanne Richter, Leiterin des Jülicher Stadtarchivs. Über die Toten zu recherchieren, solle ihnen ihre Würde zurückgeben, so Charlotte Lehrach im Gespräch. Die Namen der Täter, die sie in Dokumenten gefunden hätten, sagten ihr als nicht-Jülicherin sehr wenig, doch gehe sie heute mit anderen Augen durch die Stadt. Jonas Thielen erklärte zudem, wie bewegend es gewesen sei, zusätzlich zur Behandlung der Shoa im Geschichtsunterricht zunächst konkrete Namen von Opfern des faschistischen Terrors und dann auch deren persönliche Geschichte kennenzulernen und die Gesichter der Menschen zu sehen. Die zukünftige zentrale Lage der Stolpersteine sei zwar erfreulich, erklärte Marco Maria Emunds, Geschichtslehrer des Barmener Gymnasiums, doch sei sie nicht das entscheidende Auswahlkriterium gewesen. Vielmehr hätten sich die Schülerinnen und Schüler bewusst entschieden, das Schicksal einer ermordeten und einer zur Flucht gezwungenen Familie zu wählen.

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Rudolph Hannot leitete in seiner Funktion als Präsident des Rotary Clubs den Kontakt zu dem Künstler Gunter Demnig in die Wege, dessen Bemühungen um die Sichtbarkeit der zerstörten Leben und das Verantwortungsbewusstsein der Nachfolgegenerationen seit 1992 bereits mehr als 100.000 der kleinen messingfarbenen Denkmäler in mehr als 30 europäischen und nicht-europäischen Ländern hervorgebracht haben. In Jülich könnten nach aktuellem Recherchestand zwischen ein- und zweihundert Stolpersteine verlegt werden. Die genaue Anzahl stelle sich allerdings erst im Rahmen der zukünftigen Recherchen heraus, da der letzte Wohnort vor der Vertreibung oder Deportation des Menschen entscheidend sei.

Das Jülicher Projekt ist zu einer schulübergreifenden Sache mit teils unterschiedlichen Herangehensweisen geworden. Im Rahmen eines Zeitzeugengesprächs ist so am heilig Geist Gymnasiums in Würselen ein Podcast entstanden und die Jülicher Sekundarschule wird ein selbst produziertes Graphic Novel veröffentlichen. Darüber hinaus ist das junge Rechercheteam in die Jülicher Innenstadt gegangen, um die Menschen danach zu befragen, ob ihnen beispielsweise die Vergangenheit der Villa Buth als Zwischenstation zum Holocaust bekannt sei. Das Mädchengymnasium Jülich forscht nach spezifisch nach ehemaligen Schülerinnnen die Opfer des deutschen Faschismus wurden. Bisher gibt es noch keine bestehenden Kanäle der Vernetzung zwischen den einzelnen Schulen, doch wisse man durch persönliche Bekanntheit auch in Overbach etwa von dem Podcast, so Judith Zwaygard. Über eine langfristige Vernetzung innerhalb der Schülerschaften würde sie sich sehr freuen, bekräftigte Susanne Richter, die auch den eifrigen jungen Menschen der anderen Schulen tatkräftig mit Literatur und Anleitung unter die Arme greift.

Am Vorabend der Stolpersteinverlegung wird Gunter Demnig beim Mittwochsclub von Jülicher Geschichtsverein und Museum Zitadelle Jülich am 28. Januar um 18.30 Uhr einen frei zugänglichen Vortrag in der Schlosskappelle halten.

Mehr unter Chronologie Stolpersteine


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