Es gibt in jüngster Zeit eine komplexe und anhaltende Debatte über den Faschismus in der Türkei. Während dieses Nato-Land formal eine Republik mit einem Mehrparteiensystem ist, beschreiben Kritiker, Wissenschaftler und Menschenrechtsorganisationen das politische System zunehmend als autoritär.
Zwei Filme im Berlinale Wettbewerb haben die Türkei unter diesem Aspekt im Fokus:
1. „Gelbe Briefe“ ist der neue Spielfilm von dem 1984 in Berlin geborenen deutschen Filmemacher
İlker Çatak. Sein Film „Das Lehrerzimmer“ (Oscar-Nominierung 2024) lief im Juni 2023 im Kuba-Kino. Das Werk in türkischer Sprache wurde mit türkischen Schauspielern in Deutschland gedreht, wobei Berlin und Hamburg als Drehorte für Ankara und Istanbul herhielten. Als Schüler hatten wir Furcht vor blauen Briefen. Auch die in der Türkei versandten gelben Briefe bedeuten in der Regel nichts Gutes. Sie enthalten Dokumente, die rechtlich verbindlich zugestellt werden müssen, wie Mahnbescheide, Gerichtsbeschlüsse, Anklageschriften oder behördliche Anordnungen.
Derya (Özgü Namal) und Aziz (Tansu Biçer), ein gefeiertes dem Theater verschriebenes Ehepaar aus Ankara, führen mit ihrer 13-jährigen Tochter ein erfülltes Künstlerleben. Durch die Premiere ihres neuen Theaterstücks geraten sie so plötzlich wie unerwartet ins Visier des türkischen Staates und verlieren ihre Arbeit und ihre Wohnung. Sie finden vorübergehend Unterschlupf in Istanbul bei seiner Mutter. Sohn Aziz hält an seinen Überzeugungen fest und hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Derya sucht nach einem Ausweg, der sie finanziell unabhängig macht. Der äußere Druck belastet und spaltet die Familie. Die unterschiedliche Treue gegenüber den eigenen Wertvorstellungen schafft Distanz innerhalb der Familie und gefährdet die gemeinsamen Zukunft.

Die fadenscheinige Begründung der Suspendierung und die Absetzung des Theaterstückes von Azis mit seiner Frau in der Hauptrolle kurz nach der gefeierten Premiere sind zermürbend. Bald schon muss sie ihre Arbeit am Theater gänzlich aufgeben. Das rote X an der Bürotür ist ein Stigma, das zu sozialer Ausgrenzung, Diskriminierung und Entwertung führt. Die Anklage gegen Aziz, seine Studierenden zu Demos gegen den Präsidenten aufgefordert zu haben, ist an den Haaren herbeigezogen. Im Vergleich zu ihren Freunden wirkt das Künstlerpaar geradezu angepasst. Sie gehen nie demonstrieren, haben sich in ihrem jeweiligen Gebiet ein privilegiertes Leben aufgebaut und wollen in Ruhe ihre Arbeit tun. Eine Chronik eines zerstörten Lebens, staatlich „gefördert“.
2. Kurtuluş
Kurtuluş ist ein türkischer männlicher und weiblicher Vorname sowie Familienname mit der Bedeutung „Befreiung, Erlösung, Heil“. In einem abgelegenen Dorf in den türkischen Bergen findet mit der Rückkehr eines verbannten Clans eine alte Fehde ihre Fortsetzung. Während schwelende Ressentiments erneut aufflammen, wird Mesut, der Bruder des Anführers im Dorf, von beklemmenden Visionen heimgesucht. Er deutet sie als göttliche Warnungen und beginnt, die Führungsrolle seines Bruders infrage zu stellen. Religiöse Überzeugungen, persönliche Neurosen, Machtkämpfe und Spannungen innerhalb der Gemeinschaft führen zu Blutvergießen. Der Film entstand als Kooperationsprojekt der Türkei, Frankreichs, der Niederlande, Griechenlands, Schwedens und Saudi-Arabiens und hatte am 15. Februar 2026 auf der Berlinale seine Weltpremiere.

Der 1974 im Taurusgebirge geborene Regisseur Emin Alper hat diesen Film in Mardin gedreht. Er ist bekannt dafür, dass er sich lange Zeit nimmt für die Suche nach der best möglichen Location. In diesem Fall hat die Suche zwei Jahre gedauert. Er hat das Drehbuch den Gegebenheiten des Ortes angepasst. Die ausgewählte traumhafte Landschaft steht in starkem Kontrast zu den Machenschaften, die diesen besonderen Fleck der Erde mit Blut tränken. Emir hat einen Mikrokosmos der Gewalt geschaffen, der als Modell für alle Auseinandersetzungen und Kriege der Welt steht, in denen eine einzelne neurotische Person an der Macht Millionen von Menschen in den Tod stürzt. Der Film ist bislang mein Favorit für den Goldenen Bären.
Die Aufzeichnung des Berlinale-Fotocalls und die anschließende Pressekonferenz zu Kurtuluş stehen im Netz.



















