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Den Menschen mit vielen Brillen sehen

Dr. Eva-Maria Lukei berichtet über ihren ungewöhnlichen Berufsweg und die Arbeit in der Geriatrie.

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Nah am Menschen: Dr. Eva-Maria Lukei hat einen ungewöhnlichen Berufsweg hinter sich. Seit Anfang des Jahres ist sie Oberärztin der Geriatrie und interdisziplinären Altersmedizin im Krankenhaus Jülich. Foto: C. Lammertz
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Es schließt sich ein Kreis. So lässt sich wohl beschreiben, was Dr. Eva-Maria Lukei in die Geriatrie geführt hat. Und sicher ist: Es war ein ungewöhnlicher Weg. Zu ihm gehören Stationen in Kliniken, auch eine Zeit in einer Praxis, Erfahrungen in mehreren Fachbereichen – so wie bei vielen anderen ärztlichen Kolleginnen und Kollegen auch. Zu ihrem Weg gehört aber auch eine Zeit fernab der Medizin. Dr. Eva-Maria Lukei hat dem Abschluss in Humanmedizin ein zweites Studium folgen lassen: Katholische Theologie. Und lange Zeit sah es so aus, als habe sie in der Seelsorge ihre Bestimmung fürs Leben gefunden hätte. Heute ist die 58-Jährige Oberärztin in der Geriatrie und interdisziplinären Altersmedizin des Krankenhauses Jülich. Im Gespräch mit Christoph Lammertz erklärt sie, wie es dazu kam und was ihr als Geriaterin in Jülich wichtig ist.

Frau Dr. Lukei, Medizin, dann Theologie und schließlich wieder Medizin – das ist ein außergewöhnlicher Berufsweg.
Dr. Eva-Maria Lukei: Nach meinem Studium der Humanmedizin habe ich mich nicht in der ärztlichen Tätigkeit gesehen. Für mich war damals klar, dass meine Berufung doch eine andere ist, als ich nach dem Abitur gedacht habe. Also habe ich gleich ein Theologie-Studium angeschlossen und dann lange als Pastoralreferentin im Erzbistum Köln gearbeitet. Letztlich habe ich aber keine dauerhafte Perspektive in diesem Beruf gesehen – auch wenn ich unglaublich wertvolle Erfahrungen machen durfte.

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Wie ging es dann weiter?
Dr. Eva-Maria Lukei: Ich bin über einen Auffrischungskurs zurück in die Medizin und habe mich als Fachgebiet für die Neurologie entschieden. Während der Facharztausbildung war ich auch ein Jahr lang in der Psychiatrie in einem Kölner Krankenhaus tätig. Das ebnete mir den Weg in die LVR-Klinik in Langenfeld und in die dortige Gerontopsychatrie, wo ich für gut zehn Jahre auf einer geschlossenen Station mit schwer demenzkranken Patienten gearbeitet habe.

Das ist eine sehr große Herausforderung.
Dr. Eva-Maria Lukei: Ja, und so ist für mich auch irgendwann der Punkt gekommen, an dem ich gesagt habe: Ich kann das nicht mehr machen. Zum einen, weil die therapeutischen Möglichkeiten für diese Patienten leider sehr begrenzt sind. Zum anderen, weil man mit der Arbeit auf dieser Station in einer ganz anderen Welt war, die mit der, in der wir sonst leben, sehr wenig zu tun hat. Mehr als zehn Jahre in dieser Welt ist schon eine sehr lange Zeit.

Aber die älteren Patientinnen und Patienten haben Sie nicht losgelassen.
Dr. Eva-Maria Lukei: Ich bin recht schnell auf die Geriatrie als ein Fachgebiet gekommen, das für mich sehr gut passen würde. Ich kann dort mein Interesse für die Arbeit mit Senioren unterbringen, die große Bandbreite des Fachgebiets gefällt mir. Und Kenntnisse in der Psychiatrie sind sicher auch von Vorteil.

Darf man sagen, dass sie mit Ihren ärztlichen Erfahrungen und den Jahren in der Seelsorge prädestiniert sind für die Arbeit in der Geriatrie?
Dr. Eva-Maria Lukei: Ich kann sagen, dass ich insgesamt sehr vielseitig interessiert und Neuem gegenüber sehr aufgeschlossen bin. Meine Fähigkeiten liegen eher in der Breite als in der Tiefe. Ich denke, dass das für die Arbeit auf einer geriatrischen Station nicht so verkehrt ist. Denn Ziel der Geriatrie ist es, den Menschen sehr umfassend und mit vielen Brillen sehen zu können. Meine Erfahrungen haben mich sicher darin geprägt, genau zu überlegen, was Menschen brauchen.

Was brauchen Ihre Patientinnen und Patienten?
Dr. Eva-Maria Lukei: Mir ist wichtig, dass wir ganz für unsere Patientinnen und Patienten in der Jülicher Geriatrie da sind. Wenn sie zum Beispiel nach der orthopädischen Versorgung eines Oberschenkelhalsbruchs oder nach einer akuten internistischen Behandlung zu uns kommen, dann wollen wir mit vielen therapeutischen Kolleginnen und Kollegen erreichen, dass sie wieder in einen möglichst selbstständigen Alltag zurückkehren können. Dabei orientieren wir uns selbstverständlich an den Behandlungsschemata und Leitlinien. Aber eine gute und umfassende Betreuung darf aus meiner Sicht immer auch ein bisschen mehr sein.

Können Sie uns ein Beispiel nennen?
Dr. Eva-Maria Lukei: Ein Schwerpunkt in der Altersmedizin ist die Aktivierung der Patienten. Unsere Physiotherapeutinnen und -therapeuten leisten da eine hervorragende Arbeit. Das „bisschen Mehr“ ist in diesem Fall, dass ich meine Patientinnen und Patienten immer wieder dazu anhalte, darüber hinaus noch eigenständig zu trainieren, auch wenn sie noch die meiste Zeit im Bett liegen. Muskeln verkümmern leider rasend schnell. Nach zehn Tagen Bettlägerigkeit kann ein Mensch bis zu zwei Kilo Muskelmasse verloren haben. Das meiste davon in den Beinen. Das kann fatale Folgen haben, wenn der Alltag wieder gemeistert werden muss. Deshalb zeige ich den Patienten Übungen, die sie leicht ausführen können, und motiviere sie immer wieder, die Krankenhauszeit nicht nur passiv über sich ergehen zu lassen.
Ein anderes Beispiel ist, dass wir uns vielleicht ein bisschen mehr als andere die Zeit nehmen, um auch einmal intensiver zu sprechen – mit den Patienten, aber auch mit den Angehörigen, zum Beispiel über das Thema Demenz. Das ist ein Thema, das mit sehr vielen Unsicherheiten und Ängsten verbunden ist. Deshalb ist es für mich selbstverständlich, hier mehr zu geben als die Leitlinien vorsehen.


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