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Zeitreise

Zeitreise durch Römerzeit, Mittelalter und Neuzeit. HERZOG-Praktikantin Judith Volkmer war dabei, als die Entdeckungen, die im Zuge der Bauarbeiten an Marktplatz, Kölnstraße und Beierstraße präsentiert wurden.

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Foto Judith Volker
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Zwischen Aperol-Gläsern in der Sonne, dem Plätschern vor der Pasqualini-Statue und dem Stimmengewirr zwischen Marktständen und Cafés am Marktplatz pulsiert das Leben in der Jülicher Innenstadt. Entlang der Kölnstraße und der Baierstraße wird gegessen, eingekauft und gelacht. Gleichzeitig liegt nur wenige Zentimeter unter dem modernen Pflaster die Vergangenheit und damit Jülichs lange Geschichte.

Im Rahmen des Mittwochclubs lud der Geschichtsverein Jülich zum Vortrag “Drei Jahre Baubegleitung, 2000 Jahre Geschichte: Neue archäologische Funde im Zuge der Jülicher Markt und Kirchplatzsanierung” ein. Horst Husmann und Toni Runkel beleuchteten anhand von eindrucksvollen Funden und Entdeckungen gemeinsam 2000 Jahre Geschichte, von Römerzeit über Mittelalter zur Neuzeit hinweg. Die Entdeckungen wurden im Zuge der Neugestaltung und Kanal Sanierung von Markt- und Kirchplatz, sowie Köln- und Baier Straße gemacht und zeigen, wie eng Gegenwart und Vergangenheit in Jülich miteinander verbunden sind. Horst Husmann und Toni Runkel nahmen dabei die Besucher auf eine Zeitreise durch die Epochen und gelebten vergangenen Leben in Jülich mit.

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Los ging es mit der Römerzeit: So fanden die Archäologen von der Kastellmauer über Fundamente und Sockelsteine bis hin zu einem Ofen zahlreiche Beispiele aus der römischen Besiedlung.

Einige Abschnitte der spätrömischen Kastellmauer waren schon bekannt. Nun wurden während den Bauarbeiten drei weitere Punkte freigelegt. Kastellmauern dienten im römischen Reich als befestigte Umfassungsmauern von römischen Kastellen und als Grenzbefestigungen. Sie bestanden aus mehreren überlappten Lagen von Bruchsteinen wie zum Beispiel Sandstein, Quarzstein, Basalt und Kalziten. Die neuen Abschnitte der Mauer ziehen sich entlang der Stiftsherrenstraße hinter der Propsteikirche, sowie durch die Kölnstraße und Baierstraße. Dabei ist besonders auffällig, dass die Kastellmauer in einem Abschnitt eine leichte Krümmung aufweist. Dies ist ungewöhnlich, da die Römer in der Regel geradlinig bauten. Zudem wurde ein großer Riss in der Mauer festgestellt. Laut RWTH Aachen könnte dieser auf ein historisches Erdbeben zurückzuführen sein, auch wenn dies nicht eindeutig belegt ist. Auffällig ist außerdem, dass die Kastellmauer an einigen Stellen etwas breiter ist, als an anderen, was darauf hindeutet, dass sie möglicherweise nachträglich erweitert wurde. Besonders gut erhalten ist ein Abschnitt der Kastellmauer an der Stiftsherrenstraße, der unter der leichten Erhebung bei der Propsteikirche liegt. An der Mauer wurden ebenfalls eine Art Basis aus Spolien gefunden, die wahrscheinlich dazu dienten, die Richtung der Mauer vorzugeben. Dabei handelt es sich um etwas größere Steine mit Inschriften. Einer dieser wurde mit der Inschrift “O” gefunden, was auf einen Jupiterstein hindeute. Wahrscheinlich war auf dem Stein insgesamt mal die Aufschrift “ I O M” zu sehen. Es wurden in Jülich schon einmal Jupiterfragmente nahe der Propsteikirche gefunden.

Hauptsächlich auf dem Marktplatz, an der Propsteikirche und vor der Apotheke wurden Fundamente und Sockelsteine gefunden. Ähnliche Steine wurden in Jülich schon häufiger entdeckt. Darüber hinaus wurden in einer Grube auf dem Marktplatz, wo jetzt die Statue des Baumeisters Pasqualini steht, römische Ziegel der 30. Legien gefunden. Zusätzlich gab es einen etwas amüsanteren Fund eines Dachziegels, auf dem Hundepfoten zu sehen sind. Solche Abdrücke entstanden, wenn die Ziegel zum Trocknen in der Sonne ausgelegt wurden und die Tiere oder zum Beispiel auch Kinder darüber liefen, bevor die Ziegel in Ton gebrannt wurden. Der Ziegel veranschaulicht somit einen eingefrorenen Moment aus dem Alltag der Menschen so vieler Jahre vor uns. In der Grube wurde darüber hinaus eine Goldmünze “Solidus” aus dem 5. Jahrhundert, die unter der Herrschaft des weströmischen Kaisers Flavius Honorius geprägt wurde, gefunden. Dabei handelt es sich um den einzigen Goldfund, der bis jetzt bei den Bauarbeiten auftauchte. Trotz ihres robusten und widerstandsfähigen Äußeren sei die kleine Münze recht fragil, so die Fachleute.

In der Nähe der Kastellmauer in der Stiftsherrenstraße wurde darüber hinaus ein römischer Ofen mit einem ziemlich rostigen Boden gefunden. Die Archäologen vermuten, dass es damals Töpfereien in dieser Straße gab. Eine genauere Untersuchung war nicht möglich, da die Archäologen nur im Rahmen der Bauarbeiten agieren durften. Dasselbe galt für den Befund eines Gebäudeumrisses aus der Römerzeit, das leicht schräg mitten in der Baierstraße entdeckt wurde.

Weiter ging die Reise ins Mittelalter.

Vor allem die Funde aus dem Mittelalter geben einen eindrücklichen Einblick in die damalige Nutzung des heutigen Markt- und Kirchplatzes. Im Mittelalter, oder auch der Zeit der Grafen, existierten die heutige Köln- und Düsseldorferstraße nicht. Ebenfalls aus dem Mittelalter stammen der Brunnen, weitere Teile der alten Stadtmauer, Hausgrundrisse und einen riesiger Friedhof, der sogar herzogliche Verbindungen aufwies.

So würde man es kaum glauben, aber was heute ein belebter Stadtraum ist, war einst ein Ort des Todes und der Bestattung: Direkt im Umfeld der Propsteikirche legten die Bauarbeiten nämlich einen ausgedehnten Friedhof frei. Die Gräber lagen teils nur 30 bis 40 Zentimeter unter der Oberfläche. Es handelt sich dabei nicht nur um ein paar einzelne Menschenknochen sowie erhaltene Skelette, sondern um zahlreiche dieser, denn Knochen wurden auch noch in zwei Metern Tiefe während der Bauarbeiten freigelegt. Der Friedhof setzte genau auf den römischen Überbleibseln auf. Während der Bauarbeiten wurden insgesamt sieben Lagen an Bestattungen festgestellt. Den Beginn des Friedhofs konnte man nicht genau ermitteln, desseh Ende allerdings schon und es stand sogar in Verbindung zu einem herzoglichen Herrscher. Karl-Theodor Pfalzgraf und Kurfürst von der Pfalz sowie Herzog von Jülich-Berg war nicht nur der letzte Herzog von Jülich, sondern setzte auch dem Friedhof sein Ende, denn: Jülich stank. Durch das längere Bestehen des Friedhofs entstand wohl ein bestialischer Verwesungsgeruch, der sich in der ganzen Umgebung des heutigen Kirchplatzes ausbreitete. Aus diesem Grund entschied sich der Herzog dazu, die Bestattungen an diesem Ort zu beenden.

Die Skelette wurden nicht in geordneten Reihen bestattet, so lässt sich laut Toni Runkel vermuten, dass einfach immer dort bestattet wurde, wo gerade Platz war. An manchen Stellen wurden zum Beispiel mehrere Oberschenkelknochen und an einer anderen Stelle drei Schädel gefunden. Hier bestand kurz die Theorie, dass es sich um enthauptete Schädel handeln könnte, diese Theorie wurde jedoch wieder verworfen. Anzumerken ist, dass es sich häufig ebenfalls um verlagerte Knochen handeln kann, die zum Beispiel im Laufe der Zeit aufgewühlt wurden sind. Auf Anfrage hin wurde verraten, dass die meisten Skelette in Jülich wiederbestattet wurden. Dabei wurden Proben entnommen, wobei es sich meistens um Kieferproben handelt. Dadurch kann bei Interesse an den Skeletten weiter geforscht werden. Die gesamte Anzahl der nachgewiesenen Skelette während der Bauarbeiten liegt bei 116.

Dabei wurden 63 Prozent der Skelette, also circa 73 Skelette, in Westsüdwest- und Ostnordost-Richtung entdeckt. In West-Ost-Richtung wurden 20 Prozent der Skelette gefunden, während es in Westnordwest- und Ostsüdost-Richtung nur acht Prozent und in Südwest- und Nordost-Richtung nur neun Prozent waren. Die meisten Todesursachen der Menschen, die man auf Anblick hin feststellen konnte, lagen bei Krankheiten wie Osteoporose und Karies. Allerdings wurden auch Verletzungen, zum Beispiel im Gesicht, festgestellt.

Auch in den Erdschichten ließ sich der Friedhof sehr gut herauskristallisieren. Die Jahrzehnte alte Friedhoferde war dunkler und dadurch gut erkennbar. So zeigte Toni Runkel ein Bild, auf dem man die Knochenreste in der aufgetrennten Erde wirklich herausstechend sah. Es verdeutlichte besonders, um wie viele Knochen es sich dabei wirklich handelte und dass diese zum Teil wirklich im Durcheinander vergraben wurden. Ein weiteres Bild stellte noch einmal dar, wie schade es ist, dass die Archäologen nur in Ausrichtung der Bauarbeiten arbeiten und forschen konnten. Auf dem Bild waren nämlich nur die Beine eines Skelettes zu sehen, die aus der Erde ragten, wo nicht gegraben wurde. Aus diesem Grund konnten die Archäologen sich bei diesem Skelett auch nur mit den Beinen auseinandersetzen.

Es gab drei ungewöhnliche Bestattungen, die besonders auffielen. So waren einige Erwachsene mit ihren Kindern zusammen beerdigt, wobei die Kinder in zwei Fällen zwischen den Beinen der Erwachsenen platziert wurden. Es wurden insgesamt zwölf Prozent tote Kinder, 19 Prozent eher Jugendliche und 69 Prozent eher erwachsenen Skelette gefunden. Beigaben hatten die Bestatteten meist nicht, wobei trotzdem eine Ausnahme gefunden wurde: Ein Opus Dei-Anhänger mit einem christlichen Lamm.

So eindrücklich der Friedhof und die zahlreichen Skelette auch sind, erzählen sie nur einen Teil dessen, was zur Zeit des Mittelalters in Jülich alles stattfand. So fanden die Archäologen bei den Bauarbeiten in der Kölnstraße zusätzlich einen Brunnen. Diesen konnten sie aufgrund der Tiefe der Bauarbeiten nicht näher als bis zu 1,20 Meter betrachten. Der Brunnen steht unterirdisch vor dem Schuhgeschäft “Rosenbaum”. Auf dem Bild wirkt dieser sehr robust, er wurde aber eher als “zerfallend” beschrieben. Zudem ist der Brunnen auch unter der Erde bis in die Tiefe mit Baukies gefüllt.

Spannend anzumerken ist hier, dass all die größeren gebäudeähnlichen Funde auch jetzt noch da stehen, wo sie gefunden wurden. Unter der Erde, unter dem neu gepflasterten Markt, Platz und Straßen. Laut Horst Husmann ist das Ziel natürlich die Funde zu erhalten. Die Aufgabe der Archäologen war es hier aber, nur zu dokumentieren, da sie den Bauprozess nicht aufhalten durften. Die Funde wurden unter der Erde abgesichert und dann wurde ganz normal weitergearbeitet. Die kleineren Funde wurden erhalten.

Es wurden darüber hinaus Grundrisse beziehungsweise Streifenfundamente aus Naturstein von zwei Räumen auf dem Marktplatz gefunden. Diese stammen circa aus dem 15. oder 16. Jahrhundert, also noch vor pasqualinischer Zeit. Zudem wurde in der Kölnstraße ein weiterer Abschnitt der mittelalterlichen Stadtmauer entdeckt. Sogar eine Art Rundbogen wurde vor dem heutigen “Genussladen” hervorgehoben.

Abschließend blickten die Archäologen in die Neuzeit.

Eine anschauliche Überleitung vom Mittelalter in die Neuzeit bildet der Glockenturm, ein Türmchen vor der Propsteikirche aus dem Mittelalter. Dieser wurde in Kriegszeiten zerstört, seine Bodenumrisse wurden nun von den Archäologen wiedergefunden. Außerdem befand sich in der Marktstraße nahezu am “Elektrofachmarkt Krieger”, bis zum zweiten Weltkrieg in Angrenzung zur Stifsherrenstraße, also eher in Richtung des Innenhofs ein L-förmiges Gebäude namens “Kirchplatz Nr. 2,3,4”. Dieses brannte 1947 ab und die Archäologen konnten auch hier entsprechende Bodenfunde nachweisen. Im Bereich der Kölnstraße und des Marktplatzes wurden zudem an mehreren Stellen alte Pflasterböden entdeckt. Dort wo heute Restaurants und Cafés Gäste anlocken, stand einst eine Jesuitenkirche. Westlich vom heutigen “Extrablatt” ließ sie sich verzeichnen. Die Jesuitenkirche wurde im Jahre 1756 bis 1772 erbaut. Ihren eigentlichen Nutzen erfüllte sie nur von 1772 bis 1773, da der Jesuitenorden 1773 aufgehoben wurde.

Ungefähr zwischen dem “Extrablatt” und dem “Bauernhofcafé” stand im 18. Jahrhundert außerdem ein Wachhaus der Gendarmerie. Im Bereich vor dem “Gustoso” und der “Aachener Bank” fanden die Archäologen darüber hinaus eine Bombentrichterverfüllung. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden solche Trichter häufig schnell zugeschüttet, um die Flächen wieder nutzbar zu machen. Das Highlight der neuzeitlichen Funde ist jedoch die sogenannte Schirmer-Tafel von Johann Wilhelm Schirmer. Diese war ursprünglich an der Hausnummer 5 angebracht (heute Standort der Aachener Bank) und kennzeichnete das angebliche Geburtshaus des Landschaftsmalers. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Tafel verschüttet, konnte jedoch nun unversehrt geborgen werden. Tatsächlich weiß man inzwischen, dass es sich bei diesem Gebäude gar nicht um Schirmers tatsächliches Geburtshaus handelte. Zwar lebte seine Familie zeitweise am heutigen Marktplatz, doch sein wirklicher Geburtsort befand sich vermutlich im Bereich des Hauses “ehemalige Landskron”.

Die gesamte Veranstaltung über waren die Besucher aufmerksam und interessiert. Immer wieder wurden neugierige Fragen gestellt, die das große Interesse am Vortrag widerspiegelten. Zu Beginn der Veranstaltung versuchten die Veranstalter des Geschichtsclubs, die Leinwand, auf der die Power-Point-Präsentation gezeigt werden sollte, aus der direkten Sonneneinstrahlung zu schieben. Dabei geschah das Unvorhersehbare: Die Leinwand kippte plötzlich weg. Ohne zu zögern, eilten mehrere Anwesende herbei und richteten sie schnell wieder ganz auf. Ein kleiner Zwischenfall, der gemeinschaftlichen Geist verkörperte. Bereits vor dem offiziellen Beginn konnte man unter den Besuchern angeregte Gespräche hören, etwa die Frage: “Na, auch archäologisch interessiert?”. Viele waren also mit echter Neugier und Begeisterung zum Vortrag erschienen. Die Veranstaltung zeigte sich insgesamt als sehr gelungen und lebendig.


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