Wer sich ‒ wie ich ‒ seit mittlerweile zwei Jahrzehnten intensiv mit der Geschichte des Zweiten Weltkriegs auf dem europäischen Kriegsschauplatz beschäftigt, mit besonderem Fokus auf das Kriegsgeschehen vom Sommer 1944 bis zum Kriegsende in Europa am 8. Mai 1945, dem ist die Stadt Jülich aus mehreren Gründen ein Begriff.
Einerseits natürlich, weil Jülich infolge schwerer Luftangriffe ‒ darunter im Rahmen der Operation Queen ‒ sowie durch den massiven Artilleriebeschuss der letzten Kriegsmonate zu den am stärksten zerstörten Städten Deutschlands gehörte. Andererseits aber auch, weil hier entlang der Rur Ende Februar 1945 mit dem Beginn der Operation Grenade am 23. Februar das große Rennen zum Rhein begann ‒ dem letzten großen natürlichen Hindernis auf dem Weg nach Berlin. Dieses endete in der Nacht vom 1. auf den 2. März 1945 mit der Einnahme meiner Heimatstadt Neuss am Rhein durch
Truppen der 83rd U.S. Infantry Division.
Diese direkte Verbindung, aber auch die Geschichte der 29th U.S. Infantry Division, die Jülich am 23. Februar 1945 nahezu kampflos einnahm, haben schon früh mein Interesse an der Stadt und ihrer Geschichte während des Zweiten Weltkriegs geweckt.
Im Rahmen von Recherchen in Büchern, Archiven und Dokumentationen stößt man dabei immer wieder auf das bekannte Foto der Soldaten Private First Class Thomas Snyder und Private Paul Mattox von der C Company des 175th Infantry Regiment der 29th U.S. Infantry Division. Aufgenommen wurde es am 24. Februar 1945 vor dem schwer zerstörten Hexenturm vom U.S.-Army-Fotografen Technician Fourth Grade Paul C. Strong.

Dieses Bild zählt zu den ikonischsten Aufnahmen der Divisionsgeschichte der 29th Infantry Division und ist weit über militärhistorische Kreise hinaus als eindrucksvolles Dokument aus der Endphase des Zweiten Weltkriegs in Deutschland bekannt.
Gemeinsam mit befreundeten historischen Darstellern habe ich im vergangenen Jahr ein Fotoprojekt begonnen, bei dem ich bekannte Fotografien aus den letzten Kriegsmonaten an der Westfront möglichst detailgetreu nachstelle ‒ und zwar mit derselben Kameratechnik, wie sie damals von U.S.-Army-Fotografen verwendet wurde.
Im Rahmen meiner Teilnahme als historischer Darsteller am 20. Epochenfest entstand schließlich die Idee, das Foto von Snyder und Mattox mit ihrem ebenso bekannten wie fast schon euphemistisch wirkenden Banner nachzustellen. Der erste Schritt war die Kontaktaufnahme mit der Kreispolizeibehörde Düren, bei der ich eine Genehmigung für Fotoaufnahmen im öffentlichen Raum unter Verwendung von Dekorationswaffen beantragte ‒ und auch erhielt.
Das Banner fertigte ich anschließend selbst in Handarbeit an, wobei ich besonderen Wert darauf legte, dem historischen Original in Form, Material und Detailtreue möglichst nahe zu kommen.Im nächsten Schritt wurden durch intensive Bildrecherche Uniformteile, Ausrüstung und Details der dargestellten Soldaten bestimmt, um die Umsetzung so authentisch wie möglich zu gestalten.
Im Rahmen meiner Darstellung eines U.S.-Army-Fotografen habe ich bereits an anderen Orten sogenannte „Then and Now“- beziehungsweise „Damals und Heute“-Fotoprojekte umgesetzt. Die besondere Herausforderung liegt für mich dabei immer darin, bewusst mit derselben fotografischen Technik zu arbeiten wie die damaligen Fotografen ‒ und sich eben nicht auf moderne Digitalkameras oder Smartphones zu verlassen.

Den Look, den diese heute über 80 Jahre alten Kameras erzeugen, kann kein Filter authentisch nachbilden. Genau darin liegt für mich der besondere Reiz. Diese Kameras schaffen eine Bildwirkung, die unmittelbar mit der Zeit verbunden ist, aus der sie stammen. Ein solches Motiv mit einer Kamera aufzunehmen, wie sie im Zweiten Weltkrieg tatsächlich verwendet wurde, bringt mich dem historischen Geschehen auf besondere Weise näher.
Es ist für mich immer wieder bewegend, sich auf den Spuren des Zweiten Weltkriegs zu bewegen und Geschichte durch historische Darstellung greifbar zu machen. Mein Ziel ist es, Menschen einen Spiegel ihrer eigenen Geschichte vorzuhalten ‒ sichtbar, nachvollziehbar und möglichst unmittelbar
‒ und sie dadurch vielleicht zum Nachdenken anzuregen.
Was mich an diesem Projekt besonders freut: Wie bereits bei meinem ersten Fotoprojekt konnte ich erneut mit befreundeten Darstellern aus dem europäischen Ausland zusammenarbeiten. Gerade das macht diese Form der Darstellung für mich so besonders und wichtig.
Hier arbeiten heute Menschen gemeinsam an einem historischen Projekt, deren Ur- und Urgroßväter sich mit großer Wahrscheinlichkeit einst als Gegner gegenüberstanden. Mehr als 80 Jahre später reichen wir uns ‒ über Grenzen hinweg und über die noch immer tief liegenden Gräben der Erinnerung hinweg ‒ in gemeinsamer Auseinandersetzung mit dieser Geschichte die Hand.



















