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Zeitreise durch Welldorf

In Welldorf lebt Geschichte: Vom alten Kirchenkonflikt über Kriegsjahre und Klosterleben bis hin zum Zeppelin am Himmel. Im Rahmen eines Spaziergangs des Heimatvereins Jülich-Welldorf erlebten Interessierte die spannenden Hintergründe zur Dorfgeschichte.

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Vor dem ehemaligen Kloster in Welldorf. Foto: Judith Volkmer
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Bei Sonnenschein und deutlich mehr Besuchern als erwartet begann der historisch lebendige Rundgang, zu dem der Heimatvereins Jülich-Welldorf in Welldorf eingeladen hatte. Rund 60 Menschen fanden sich am Treffpunkt ein. Jürgen Hermanns, erster Vorsitzender des Heimatvereins, und Hans Schüller, Mitglied des Vereins, schickten das Publikum zweieinhalb Stunden lang auf eine eindrucksvolle Zeitreise durch die Geschichte Welldorfs.

Heute wirkt Welldorf ruhig und beschaulich. Doch über viele Jahrzehnte hinweg war das Dorf geprägt von lebendigen Mittelpunkten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens. Entlang der Jülicher Straße sorgten fünf Gaststätten als Treffpunkte nach der Arbeit und für den Austausch von Neuigkeiten, Klatsch und Tratsch oder für Familienfeste. Das Handwerk war in Welldorf zu Hause. Ein Schmied und ein Stellmacher arbeiteten für Landwirtschaft und Dorfbewohner. Der ortseigene Bäcker und ein Tante-Emma-Laden versorgten die Welldorfer. Zwei Friseure, ein Porzellangeschäft, eine Poststelle und ein Kohlehändler ergänzten das Angebot. Selbst ein Kloster gehörte zu Welldorf. Die Besucherin Margret Odenthal erzählte eine kleine passende Geschichte aus ihrer Kindheit. Zu dieser Zeit lebte sie auf dem Hof Schüller direkt gegenüber. Eines Tages sah ihre Mutter eine Nonne auf der Straße und rief: „Kann Magretchen rüberkommen?“ Die Nonne antwortete wohl: „Ist Magretchen denn trocken?“ Nachdem dies geregelt war, durfte sie ab diesem Zeitpunkt jeden Tag in den Kindergarten kommen. Aus Erinnerung erzählte sie, dass die Kosten für ein Kind 3 D-Mark und für zwei Kinder 5 D-Mark betrugen.

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Direkt neben dem Maiplatz befindet sich bis heute ein langgezogenes Gebäude, das einst als großer Tanzsaal genutzt wurde. Auch wenn die meisten Einrichtungen inzwischen nicht mehr da sind, lassen sich bei einem Blick auf die alten Gebäude und ihre Geschichte noch heute Spuren jener Zeit entdecken.

Dass Welldorf eine wirtschaftliche Bedeutung hat, zeigt sich auch daran, dass das Dorf einen eigenen Bahnhof hatte, der erst 1980 abgerissen wurde. Rund 100 Jahre lang gab es diese Bahnstrecke von Stolberg über Jülich nach Mönchengladbach. Zunächst verfügte das Dorf nicht über eine eigene Haltestelle, erst durch das Engagement einiger entschlossener Bürger änderte sich dies. Um das Vorhaben finanzieren zu können, wurde sogar Land aus Privatbesitz verkauft. Nachdem der Gleisanschluss für wirtschaftlichen Aufschwung in Welldorf gesorgt hatte, kam 1975 das „Aus“: Ein Kurzschluss verursachte einen Brand des Bahnhofsgebäudes. Das Gebäude, das heute vielfach mit dem Bahnhof assoziiert wird, ist daher nicht mehr identisch mit dem Ursprungsbau.

Bei der Familie Vaasen machte der „Geschichtsspaziergang“ einen Zwischenhalt mit Stärkungspause. Die Gastgeber erinnerten mit historischen Fotografien an die glanzvollen Tage des Bahnhofs. An den Wänden hingen zudem originale Schilder, die an die Zeit des Bahnverkehrs in Welldorf erinnerten. Diese tragen die Aufschrift: „Halt! Wenn das Läutwerk der Lokomotive ertönt oder die Annäherung eines Zuges anderweitig erkennbar wird.“ Und: „Zur Förderung der öffentlichen Gesundheitspflege wird dringend ersucht, in den Bahnhofsräumen, auf den Bahnsteigen, Treppen und in den Wagen nicht zu spucken.“

Als historisches Highlight des Nachmittags berichtete Jürgen Hermanns von einem Zeppelin, der im Jahre 1909 zwischen Welldorf und Serrest notlanden musste. Dieses Ereignis und der Tag des 2. Novembers entwickelten sich damals zu einer regelrechten Attraktion, die zahlreiche Menschen aus Welldorf, Güsten und sogar aus dem Umland mit dem Zug auf das Feld strömen ließ. Aufgrund dichten Nebels ab Neuss, so schrieb die damalige Presse, sei das Luftschiff vom Kurs abgekommen. Der Zeppelin soll bei der Notlandung sogar den einen oder anderen Schornstein in Welldorf beschädigt haben.

Schon früher war das Leben der Menschen eng mit der Landwirtschaft verbunden. Fruchtbare Böden, weitläufige Felder nach der Rodung eines Waldes schufen die Voraussetzung für die Entstehung des Dorfes, denn dort konnten wohlhabende Höfe entstehen. Die Herkunft des Ortsnamens Welldorf lässt sich nicht eindeutig belegen. Möglich ist ein Zusammenhang mit dem großen Wald, der einst das Gebiet prägte. Gute Voraussetzungen auch für „etwas ärmere Menschen“, wie Hans Schüller erläuterte. Sie konnten Mitte des 19. Jahrhunderts ihr Vieh in den Wald führen. Als 1858 der Wald verkauft wurde, bildeten die Höfe vor allem der wohlhabenden Familien – wie Thywissenhof, Wehrhahnhof, Margarethenhof und der Huthmacherhof, die es bis heute gibt – den Dorfkern. Mit einigen dieser Höfe verbinden sich bis heute interessante Geschichten: So pflegte der Wehrhahnhof Verbindungen zur Familie von Bundeskanzler Konrad Adenauer, und auf dem Margarethenhof befand sich eine Schnapsbrennerei. Daraus entwickelte sich auch der bis heute bekannte Karnevalsruf der KG-Schnapskännchen: „Das dreifache Alaaf für Güsten, Welldorf und die umliegenden Höfe!“. Bis heute gilt die Umgebung um Güsten, Welldorf und Rödingen als das größte Bodendenkmal von Nordrhein-Westfalen, auch wenn meistens nur auf Zufallsfunde gesetzt wird.

Als Doppelort hat Welldorf-Güsten eine lange Tradition. Zuerst stand nämlich die Güstener Kirche als einzige und wohlhabende Pfarrkirche in der Umgebung. Dorthin gingen die Welldorfer ebenso wie die Menschen aus Serrest zum Gottesdienst. Als Welldorf an Boden und Bedeutung gewann, wurde 1838 der Bau der Kirche St. Hubertus beantragt und bewilligt. Das Ehepaar Johann und Ida Franken stiftete den Großteil der benötigten Finanzmittel, sodass Welldorf ab 1856 eine eigene Pfarrgemeinde erhielt. Als bekennender Katholik und Kenner der Kirchengeschichte unterhielt Hans Schüller die Interessierten mit der Geschichte um Wohl und Wehe von St. Hubertus, vom „Kirchenkonflikt“ über die Erweiterung Ende des 19. Jahrhunderts, die Zerstörungen bei Luftangriffen am 16. November 1944, den Wiederaufbau und die neuerliche Erweiterung zwischen 1973 und 1975.

Apropos Kirche: Stolz sein dürfen die Welldorfer auf die Marienkapelle, das einzige eingetragene Denkmal in Welldorf. Errichtet wurde sie im Jahre 1887 von Matthias Huko, der damals Gemeinde- und Kirchenvorsteher war. Im Jahr 2009 ging die Kapelle in die Fürsorge der St.-Hubertus-Schützengemeinschaft über. Hans Schüller, der maßgeblich für die Wiederbelebung und Restaurierung der Kapelle verantwortlich zeichnet, berichtete während des Rundganges sichtlich bewegt von diesem besonderen Kapitel der Dorfgeschichte. Die Kapelle spielte nach den Angriffen vom 16. November 1944 eine wichtige Rolle, denn die 30 Todesopfer aus Welldorf wurden nach dem Angriff zunächst in Tücher gewickelt und in der Kapelle aufbewahrt, bevor sie in Massengräber kamen.

Das Wort Zeitreise kann man dabei im Wortsinn verstehen, denn es fühlte sich an, als würde das Publikum wirklich in seine Vergangenheit abtauchen. Immer wieder hörte man auf dem Weg zwischen den einzelnen Stationen Gespräche über frühere Zeiten, ausgetauschte Kindheitserinnerungen und persönliche Geschichten. Die Menschen schwelgten gemeinsam in Erinnerungen, wodurch eine beeindruckende, fröhliche und nostalgische Atmosphäre in der Luft lag und den gesamten Spaziergang prägte.

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Geschichten, Menschen und neue Perspektiven genau das, was unseren Blick auf die Welt erweitert, begeistert mich. Zwischen Kamera, Notizbuch und Fernweh entdecke ich die Welt am liebsten schreibend und mit offenem Blick für gesellschaftliche Themen, Nachhaltigkeit und alles, was zum Nachdenken anregt. Die kleinen Geschichten hinter dem großen Ganzen. Im Journalismus kann ich meine Leidenschaft fürs Schreiben, Entdecken und Erzählen verbinden.

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