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Umgang mit der Trauer hinterfragt

Jacqueline Jansen stellte ihren Debütfilm „Sechswochenamt“ im KUBA vor.

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Jacqueline Jansen ist nachdenklich. Foto: Peer Kling
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Eine lange Schlange vor der Kinokasse beweist schon 20 Minuten vor Filmbeginn das große Interesse an einer oft verdrängten und mit Tabus belegten Thematik. Es geht ums Sterben und die damit verbundene Trauer, die mit diesem Film ihr Recht verteidigt bekommt, individuell äußerst verschieden gelebt werden zu dürfen. Ich treffe auf viele mir bislang unbekannte Gesichter. Die Wortfetzen: „… hat ja gute Kritiken erhalten“, erklären den Zustrom und das große Interesse an diesem Film. Die erhaltene Anerkennung kann ich bestätigen. Jacqueline Jansen, 31 hat für ihren Debütfilm „Sechswochenamt“ beim Filmfest München 2025 u.a. den FIPRESCI-Preis erhalten. Diese begehrte Auszeichnung wird an den besten Film der Sektion Neues Deutsches Kino vergeben und ebnet Filmen den Weg in die Kinos. Deshalb ist die Teilnahme an Festivals für Filme so wichtig. Fipresci ist keine verdiente Persönlichkeit aus bella Italia, sondern die Abkürzung des weltweiten Zusammenschlusses von Filmkritikern und Filmjournalisten.

Ausgeschrieben nennt sich die 1930 gegründete Organisation mit Sitz in Brüssel: Fédération Internationale de la Presse Cinématographique. Die Hauptaufgabe der FIPRESCI liegt in der Förderung der Filmkunst und dem Schutz der ethischen Standards im Filmjournalismus. Die Jury hat den Preis der Internationalen Filmkritik „Für sein Feingefühl und seine Erschaffung eines kreisförmigen Mosaiks, das die Zuschauer:innen einnimmt, ohne selbstgefällig zu sein“ an Jacqueline Jansen verliehen. In der Stellungnahme heißt es: „Dieser Film lässt uns die wahre Dimension des Dramas um den Verlust eines geliebten Menschen verstehen, mit herzzerreißendem Naturalismus und einer Offenheit, die sich in allen Entscheidungen widerspiegelt, indem sie Licht in die Schattenseiten bringt, in einer Geschichte voller Kraft und Haltung.“

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Klaus Krafft drückt vor Filmbeginn Jacqueline Jansen das Mikrofon in die Hand. Vor dem nahezu ausverkauften Kinosaal begrüßt sie gemeinsam mit dem Moderator und Filmredakteur der Aachener Stadtzeitung „Klenkes“, Peter Hoch, mit einer knappen Einführung ihr Publikum. „Ich will nicht zu viel verraten, wir sprechen uns im Anschluss ja noch.“

…sie hört zu. Foto: Peer Kling

Jacqueline Jansen, in Erkelenz geboren und nun in Berlin lebend, hat sich in fünf Jahren Arbeit diesen sehr persönlichen Film hart erkämpft. Zu Beginn der Coronazeit erlag ihre Mutter viel zu jung einem Krebsleiden. Die erlebte Geschichte einer bitteren Wirklichkeit beginnt im Film am Sterbebett und nähert sich auf einer kontinuierlichen Zeitachse in 98 Filmminuten mit großer Sensibilität und Stärke seinem Abschluss, dem „Sechswochenamt“. Wir Zuschauer sehen, wenn auch nur dezent im Spiegelbild, einen liebevoll geschmückten Altar in der leer geräuberten Wohnung. Die Tochter, sitzt erschöpft an die Wand gelehnt auf dem Boden, aber mit dem befreienden Gefühl, alles richtig gemacht zu haben.

Die Anführungsstriche sind der in der Abschlussdiskussion von Ursula Lesaar gestellten Frage geschuldet, ob man nicht katholisch sein müsse, um den Begriff Sechswochenamt verwenden zu können. Die Kirche kommt bei diesem Film nicht gut weg. Die Tochter erfährt durch den Priester Paulus eine zusätzliche Belastung. Der sehr gut von Marc Fischer dargestellte Kirchenvertreter agiert ohne jedes Einfühlungsvermögen und spendet so gar keinen Trost, ist also eher ein Saulus denn Paulus.

Die Darstellung ist keine 1:1 Übertragung der Realität. Die war in Wirklichkeit noch schlimmer als im Film konzentriert gezeigt. Die Regisseurin hatte insgesamt fünf Abschiede zu verkraften, wobei die Beziehung zur Mutter vielleicht die engste ist, die ein Mensch haben kann. Peter Hoch betont: „Der Film ist nicht autobiografisch, sondern autofiktional.“ „Der Anstoß zu diesem Film kam eigentlich von meinem Partner“, erklärt Tochter Jacqueline. „Es ging“, sinngemäß, „nicht in erster Linie um meinen eigenen Schmerz. Ich wollte aufräumen mit den überkommenen, festgefahrenen Ritualen, die bei Trauerfällen stoisch und oft von eher Außenstehenden, auf intolerante Weise eingefordert werden.“

In Jülich wurde vor allem der Umgang mit der Trauer hinterfragt. Bei der Vorführung, die ich zuvor in Aachen erlebt habe, nahm die Diskussion um die Entstehung des Films großen Raum ein. Mehrere Filmstudenten machten sich über die Gepflogenheit in der Branche Luft. Hierzu muss man wissen, „Sechswochenamt“ wurde mit einem Budget von 96.000 Euro realisiert. Es gab keinen einzigen Cent aus den Töpfen der öffentlichen Filmförderung. Alle Darsteller, fifty-fifty, Laien und Profis, haben auf Gagen verzichtet. Die Filmemacherin hat nicht nur das Drehbuch geschrieben und Regie geführt, sondern fungierte zudem als Produzentin, Editorin und Casting-Direktorin.

…und hat etwas zu sagen. Foto: Peer Kling
Stichwort Casting: Mit der sorgfältig in einem viele Stufen umfassenden Prozess ist ihr mit der Auswahl der Schauspielerin Magdalena Laubisch für die Hauptrolle der Tochter Lore ein Glücksgriff gelungen, der wesentlich zum Erfolg des Films beiträgt. Das ist eine Win-Win-Situation. Mit dieser Schauspielleistung als Visitenkarte in der Hand wird auf diese erste Hauptrolle bestimmt bald die nächste folgen. Gerta Gormanns als „Omma“ Inge liebt ihre Enkelin, verkörpert aber zugleich einen sehr starken Gegenpol. Jacqueline Jansen wollte ihrem Geburtsort die gebührende Reverenz erweisen und dazu gehört insbesondere auch der dort gesprochene Dialekt, den sie vom Aussterben bedroht sieht und der sich bei nur 25 Kilometern Entfernung deutlich von der Jülicher Mundart unterscheidet. Gerta Gormanns ist ein Original und wohl nicht nur der ideale Dialekt-Coach, denn sie hat aus eigener Initiative heraus den Film promotet, indem sie kurzerhand bei Radiosendern anrief und los sprudelte.

Das aufmerksame, konzentrierte und disziplinierte Publikum bedankte sich mit reichlich Applaus, wobei einigen angesichts des ernsten Hintergrundes der Sinn wohl eher nach einer Schweigeminute stand. Der Filmemacherin Jacqueline Jansen, die sich alle Fähigkeiten des Filmschaffens selbst angeeignet und in Piffl Medien einen guten Partner gefunden hat, gehört Respekt und Anerkennung. Chapeau! Alles Gute für kommende Projekte!

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Peer Kling, typisches "KFA-Kind", nicht aus der Retorte, aber in der zweiten Volksschulklasse nach Jülich zugezogen, weil der Vater die Stelle als der erste Öffentlichkeitsarbeiter "auf dem Atom" bekam. Peer interessiert sich für fast alles, insbesondere für Kunst, Kino, Katzen, Küche, Komik, Chemie, Chor und Theater. Jährlich eine kleine Urlaubsreise mit M & M, mit Motorrad und Martin.

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