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Wo Kindergarten ein Stück Familie ist

Einen doppelten Geburtstag feiert der Welldorfer Kindergarten: Seit stolzen 95 Jahren gibt es in dem Ort eine offizielle Kinderbetreuung. Die katholische Kindertageseinrichtung St. Marien selbst blickt auf 60 Jahre zurück.

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Foto: Judith Volkmer
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Am 20. September steigt die Geburtstagsfeier. Ein Zauberer sorgt für magische Momente, eine Fotoausstellung für den Blick in die Vergangenheit, und auch die Kinder haben einige Überraschungen vorbereitet. Eingeladen sind die Gäste ab 11 Uhr zum Wortgottesdienst. Anschließend wird rund um die Kita bis um 16 Uhr gefeiert.

Zwischen Kloster, Schulhof und Sandkasten steckt eine Geschichte, die viel älter ist als das Gebäude. Der Kindergarten in Welldorf feiert 60 Jahre und blickt auf 95 Jahre Kinderbetreuung zurück, in denen sich vieles verändert hat und manches geblieben ist.

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Etwas versteckt liegt er da, der Kindergarten St. Marien in Welldorf. Direkt neben der Grundschule und der Kirche mit dem Schulhof und dem Schulgarten auf der einen Seite und dem alten Kloster gleich gegenüber.

Viel bekommt man von der Straße hier nicht mit. Es ist ruhig, vertraut und ein bisschen wie eine kleine eigene Welt. Ein Ort, an dem jeder jeden kennt, die Wege kurz sind und mehrere Generationen dieselben Räume und denselben Spielbereich kennen.

Heute ist das für viele Familien selbstverständlich. Die Kinder kommen morgens in ihre Gruppe, treffen ihre Freunde, spielen, basteln und entdecken gemeinsam die Welt. Für manche Eltern ist der Kindergarten längst ein fester Bestandteil des Familienalltags. Für andere ist er sogar ein Stück eigene Kindheit.

Doch nicht immer rannten, riefen und spielten die Kinder in den Räumen des heutigen Kindergartengebäudes. Die Geschichte der Kinderbetreuung in Welldorf reicht weiter zurück als die 60 Jahre, als das Gebäude, in dem in diesem Jahr gefeiert wird.

Nachweislich ist die Kinderbetreuung in Welldorf seit dem 31. Juli 1931 erlaubt. Betreut wurden die Kinder damals von Ordensschwestern aus dem Cellitinnenkloster. Der Kindergarten selbst entstand erst Jahrzehnte später.

Rund 40 Jungen und Mädchen im Alter von vier bis sechs Jahren kamen damals bis mittags um 12 Uhr zusammen. Alle gemeinsam ohne Gruppen und ohne feste pädagogische Angebote. Sie waren vor allem dort, um miteinander zu spielen und soziale Kontakte zu knüpfen. „Du kamst an und gucktest, wer da war“, erinnert sich Wolfgang Frey.

Viel mehr brauchte es damals nicht. Die Kinder suchten sich ihre Spielkameraden selbst, überlegten, was sie machen wollten, und regelten untereinander, wer mit wem spielte. Bei Regen ging es in den überdachten Sandkasten. Die Ordensschwestern passten dabei auf, dass kein Kind ernsthaft zu Schaden kam.

Aus heutiger Sicht wirkt das fast ein bisschen ungewohnt. Und genau deshalb ist die Frage interessant, was eine Ordensschwester aus dieser Zeit wohl sagen würde, wenn sie heute durch den Kindergarten liefe.

Foto: Judith Volkmer

„Die Lautstärke“, sagt Anna Kurth, ohne lange zu überlegen. Wolfgang Frey denkt an den Respekt. Wenn damals eine Ordensschwester den Raum betrat, wurde es still. „Diskutieren war damals nicht drin“, erinnert sich Peter Frey.

Ein weiterer Unterschied zeigt sich beim Blick auf die Religion. Die Kinderbetreuung war eng mit dem katholischen Kloster verbunden: Gebete gehörten zum Alltag, und der Pastor kam regelmäßig vorbei.

Selbst die Aufnahme in den Kindergarten war damals an die Konfession geknüpft: Evangelische Kinder konnten die Einrichtung nicht besuchen. Heute steht der Kindergarten Kindern unabhängig von ihrer Religion offen. Katholisch geprägt ist er trotzdem geblieben. Die großen kirchlichen Feste werden weiterhin gefeiert.

Der Kindergarten heute ist Bildungsort, Betreuungsort und für viele Familien ein fester Bestandteil des Alltags. Kinder können bereits ab einem Jahr aufgenommen werden. Zwei Gruppen teilen sich die Einrichtung, und die Kleinsten lernen gemeinsam mit den Großen.

Für Leiterin Denise Plum ist gerade das eine Stärke. „Klein lernt von groß und groß von klein.“ Auch die Rolle der Erziehenden hat sich verändert. Es geht längst nicht mehr nur darum aufzupassen. Die Kinder werden in ihrer Entwicklung begleitet, Gefühle werden aufgefangen, nonverbale Signale beobachtet, Projekte geplant und Bildungsangebote geschaffen. Dazu kommen gesetzliche Vorgaben, Dokumentationen und jede Menge Papier.

Außerdem ist die Rolle des Kindergartens auch im Familienalltag heute eine andere. Eine verlässliche Betreuung ist für viele Familien kaum noch wegzudenken. Eltern müssen Beruf und Familie miteinander vereinbaren, und wenn zusätzlich Großeltern oder andere Angehörige ausfallen, wird die Organisation schnell schwierig.

Der Kindergarten ist damit längst mehr als ein Ort für Kinder. Er ist zum wichtigsten Teil des Familienalltags geworden.

Trotz aller Veränderungen gibt es Dinge, die geblieben sind. Anne Kurth erkennt im Gebäude noch die Fliesen und Symbole wieder. Sie erinnert sich an die Feste, an Nikolaus, Karneval, ans Malen und Basteln, die Puppenecke und vor allem an das St. Martin Fest.

Eine Tradition, die sich bis heute nicht verändert hat. Die Kinder stehen mit den Laternen ums Feuer und singen das Lied „Ein armer Mann“. Währenddessen spielen die ältesten Kindergartenkinder die Geschichte nach. Die Tradition wandert also einfach weiter von einer Kindergartengeneration zur nächsten.

Und auch der Ort ist derselbe: Das Kindergartengebäude steht seit seiner Eröffnung im Jahre 1966 am selben Platz. Nur ein Anbau hat im Jahr 2013 die ursprüngliche Form etwas verändert.

Im Dorf sind die Wege kurz, viele kennen sich. Wer heute sein Kind hier anmeldet, kennt vielleicht noch die Erzieherin aus der eigenen Kindergartenzeit. Oder Eltern treffen beim Abholen jemanden, mit dem sie selbst schon im Sandkasten gesessen haben.

Genau darin liegt für Denise Plum eine Besonderheit des kleinen Kindergartens: Er fühlt sich familiär an. Die Menschen kennen sich, die Kinder kennen sich, die Familien bleiben miteinander verbunden. Die Pädagogik verändert sich, die Nähe bleibt.

Denise Plum ist aktuell die Leitung des Welldorfer Kindergartens. Foto: Judith Volkmer

Das wird auch beim Jubiläum sichtbar. Am 20. September, dem Weltkindertag, stehen nicht die 60 Jahre des Gebäudes im Mittelpunkt, sondern die Kinder. Bei einer Modenschau geht es durch die Jahrzehnte, alte Fotos werden gezeigt, darunter Gruppenbilder.

Vielleicht entdeckt sich auf einem der Bilder jemand selbst wieder: ein Kind, das längst erwachsen ist. Vielleicht sogar mit dem eigenen Kind im Kindergarten.

Auf einigen alten Fotos stehen die Kinder noch brav nebeneinander, daneben die Ordensschwestern und ihre Gewänder. Es gibt ein Bild vom gerade erbauten Gebäude und eines von Ostern 1963. Die Fotos zeigen eine Welt, in der vieles anders war: Die Kinder sind älter, die Betreuung endet mittags, die Ordensschwester bestimmten den Rahmen.

Heute würden die Kinder wahrscheinlich nicht mit einem leicht strengen Blick in die Kamera schauen. Zudem wären die Bilder auch nicht mehr schwarz-weiß. Inzwischen sind die Räume offener, die Betreuung beginnt früher, der Bildungsauftrag ist größer und der Papierkram umfangreicher.

Vieles, was früher selbstverständlich war, wäre heute undenkbar. Und vieles, was heute dazugehört, wäre für die Ordensschwestern vermutlich ziemlich überraschend.

Aber schließlich sitzen hier noch immer Kinder, die miteinander spielen. Sie basteln Laternen, sie feiern St. Martin und sie lernen mit und voneinander.
Vielleicht ist genau das die Geschichte von 95 Jahren Kinderbetreuung in Welldorf: Fast alles verändert sich, und trotzdem bleibt das Wesentliche vertraut.

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Geschichten, Menschen und neue Perspektiven genau das, was unseren Blick auf die Welt erweitert, begeistert mich. Zwischen Kamera, Notizbuch und Fernweh entdecke ich die Welt am liebsten schreibend und mit offenem Blick für gesellschaftliche Themen, Nachhaltigkeit und alles, was zum Nachdenken anregt. Die kleinen Geschichten hinter dem großen Ganzen. Im Journalismus kann ich meine Leidenschaft fürs Schreiben, Entdecken und Erzählen verbinden.

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