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In Wirklichkeit war alles Punk

Jülich war schon in den 1980ern eine Stadt, die Musik lebte. Andreas Garitz war Teil dieser Musikszene und war Feuer und Flamme dafür. Er wirft als Gastautor einen Blick auf diese Zeit. Ein ganz und gar nicht empirischer, sehr persönlicher Erfahrungsbericht über die 80er.

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Foto: privat
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„Denken sie dran, ihr Auto ist kein Kleintransporter.“ Dieser denkwürdige Satz geistert seit den frühen 80ern in meinem Kopf herum. Gefallen ist er nachts gegen eins vor unserem Proberaum in Koslar. Drei Streifenwagen hatten uns mit quietschenden Reifen festgesetzt.

Eine ganz normale Party, von der außer dem Fahrer des zur Legende gewordenen Simca 1000 mit acht Mann Besatzung niemand mehr was weiß. Völlig normaler Vorgang damals.

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Wild waren sie schon, die Zeiten, aber auch extrem kurios und manchmal albern. Gefühlt jeder junge Mensch gehörte zu einer Subkultur und fröhnte deren Sitten modisch wie musikalisch. Beinahe jeder spielte in irgendeiner Band die passende Musik dazu (letzteres damals allerdings fast ausschließlich nur Männer).

Es standen sehr viele Wege zur Verfügung, und viele beschritten sie; nicht unbedingt freundlich gegenüber den jeweils oppositionellen Lagern. Punks gegen Skins, Ökos gegen Popper, Skins gegen Avantgardisten. In der evangelischen Teestube mit ausschließlich chemisch aromatisierten Heißgetränken predigten die Punks: „Perfekte Musik ist scheiße.“ Das konnte man hören.

Die Texte allerdings waren auch nicht immer sanft zu den Ohren. So gab es auch allerlei Liedgut, das Gewalt oder die Selbstbefriedigung zum Inhalt hatte, Zitat: „Ist das schön, ist das schön.“

Zurück im Schulbetrieb konnte man Avantgardisten (ganz in schwarz und mit spitzen Schuhen) treffen, deren Credo lautete, dass Kunst automatisch nichts mehr taugt, sobald sie bekannt wird. Das ist unserer Musik erspart geblieben.

Klar definierte und voneinander abgegrenzte Gruppen, deren Sprecher zumindest in meiner Erinnerung wechselnd programmatisch in Erscheinung traten; sei es, um zum nächsten Konzert im Bonhoeffer-Haus Prügel anzudrohen oder nur um einfach zu erklären, was (wie es der Mandalorian sagen würde) „der Weg“ ist.

Foto: privat
Die 80er boten pallettenweise Variationen an, ob das Bap im PZ der Zitadelle oder Zeltinger in der Rockfabrik in Übach war, ob man mit dem Moped nach Linnich ins Delta Cross fuhr oder im Demozelt gegen Kernkraft auf dem Schlossplatz rumhing.

Ich weiß nicht, ob das damals mehr wie heute war, aber es war auf jeden Fall kontroverser und immer gegen irgendwen „da oben“, die ältere Generation, den Staat, die Spießer. Unvergessen der Tag, an dem mir mein Bruder aus dem Polizei-Bulli mitten in die Demo zurief: „Komm du bloß nach Hause!“ Herrliche Zeiten.

In der eigenen Band mit dem programmatischen Namen „Space Cake“ reichte die Spannweite des Geschmacks der komplett aus verschiedensten Welten zusammengewürfelten Mitspieler von Amanda Lear über die auswendig beherrschte 18 Minuten Version von Rappers Delight bis hin zu den frühen psychedelischen Genesis. Freilich war das musikalische Spielvermögen deutlich darunter angesetzt.

Drei Akkorde mit den Titeln „First“, „Second“ und, als uns das selbst zu blöd wurde, irgendwas anderes als „Three“. Anderswo machten wir uns als Musikerpolizei über die wenigen, meist sinnlos verzerrten Barré-Akkorde lustig, aber vielmehr haben wir ehrlich gesagt auch nicht gekonnt. Der Anspruch war immer astronomisch hoch, aber in Wirklichkeit war eigentlich alles Punk.

Apropos Punk. Bis heute weiß ich nicht, ob der dahingestellte Satz eines damals unzweifelhaft führenden Punkers, ich sei Jülichs einzig wahrer solcher, ein Kompliment oder eher eine schlechte Botschaft war.

Diese Karriere brachte mir zumindest zwei schulische Ehrenrunden ein und mündete in unserem auf Noname-C90 mit eingebautem Mikro selbst aufgenommenen „Herzbub fährt D-Zug“ mit Table-Drums und Flaschenöffner-Percussions. Legendär, bei dessen auf zwei Zeilen beschränktem Text sang ich allerdings mehrfach „Fahrzeugkontrolle“ statt „Fahrscheinkontrolle“, vermutlich eine Reminiszenz an besagtes eingangs erwähntes Simca-Trauma.

Gut. Das war das. Punk abgehakt. Den Song hab ich wie viele andere in meinem umfangreichen Tonarchiv aus jener Zeit gesichert. Ein Archiv, in dem auch andere Bands ihren Platz gefunden haben, Switch On, Guernica, die Killing Sharks, Discount, auch die Band, die das vollgefüllte PZ komplett leergespielt hat, bevor wir dran waren.

Glück gehabt, sonst hätten wir das wohl übernommen. Überhaupt war das mit dem Publikum so eine Sache im Bürgerhaus Koslar oder im Jugendheim Linnich. Es war nicht wegen uns da, hörte nicht zu oder fehlte grundsätzlich ganz.

Der Weg war das Ziel, und die Parties in den damals noch ungezählten Jugendtreffs waren wichtiger, während die Bands verklausulierte Botschaften sendeten (legendär der Songtitel „FL Mountain“, der sich um den Nachnamen Effelberg rankte, weniger bekannt aber genau so blöde mein „81 Rootzies“, was eine Schulklasse voller Angebeteter umschrieb). Ich hab damals den Begriff „Hau-Ruck Musik“ erfunden. Ich glaube, das trifft es.


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