Start Galerie 2024 Heimspiel, Hiphop Hurra und Hausaufgaben

Heimspiel, Hiphop Hurra und Hausaufgaben

Was ein Wiedersehen und Wiederhören: Uli Sailor, geborener Breitbach und unterwegs mit dem Punkrockpiano auf Deutschlandtournee, brachte die Geburtsstätte der Jülicher Musikszene ins Schwelgen.

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Uli Sailor Jülich KuBa
Foto: Dorothée Schenk
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Die frisch renovierte Kneipe im Kulturbahnhof Jülich hatte sich mit Fans, Weggefährten und Neugierigen gefüllt, die den Seniorpunk Uli Sailor mit Cellist Michael Schlücker an der Seite im Soloprogramm erleben wollten. Die EP zur Tour „Für immer jung“ hatte er mitgebracht, und dass sich das Publikum sowohl auf seine Eigenkompositionen wie seine Cover-Stücke gut vorbereitet hatten, war an der wortgetreu gemeinten Stimmung hörbar. Mitsingen erwünscht! Ob schief oder tongerecht war egal, schließlich lautet das Motto „Für immer Punk“. Gut gelaunt skandierte die Menge „Hiphop Hurra“ (bei „Grunge Revival“), stimmte lautstark in „Raum der Zeit“ und das „Tresenlied“ mit ein. Ein Stück Nostalgie in Erinnerung an Uli Sailors Zeit bei der Terrorgruppe.

Dazwischen unterhielt Uli Sailor sein Publikum mit Histörchen und Hintergrundgeschichten, bekannte sich zu seinen Kleinstadtwurzeln und der Liebe zum KuBa  – und Kettenfett – sowie dem klaren Willen „Nein to 5“. Liedgut gegen einen allzu geregelten Arbeits-Tag-Ablauf und Zeitverschwendung mit nutzlosen Kleinigkeiten. Keineswegs ist es also so, wie der Solist mit Cello-Musik zu den eigenen Stücken meinte: „Die Songs handeln irgendwie alle von Gitarrenmusik.“

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Diese wiederum zelebrierte das Duo „Flügge“ zuvor als Special Guest, die den Support gaben.  Mit viel Drive und deutschen Texten schleuderten Tobi Peters an der Western-Gitarre sowie sein überragender Side-Kick Adolfo Alvarez Blanco, der als Multi-Instrumentalist an Keyboard, E-Gitarre und Cahon glänzte, ihren Akustik-Punk ins Publikum. Mit Songs wie „Das Leben an sich“, „Starr wie Eis“ und „Mann unter Deck“ sorgten sie für eine zusätzliche Nuance, wie Punk heutzutage funktionieren kann, ohne Rost oder Staub angesetzt zu haben.

Zum Repertoire des Abends bei Uli Sailors Punkrock Piano gehörten derweil Cover etwa von NOFX, Turnstile, Lagwagon und Millencolin. „Hausaufgabe für die nächste Woche: unbedingt im Original anhören“, forderte Uli Sailor sein Publikum heraus. Fast ein bisschen irritierend erwachsen der Seniorpunk, der zwischendurch immer wieder die guten alten Zeiten beschwor: „Wisst Ihr noch, wie das war, als wir uns jung gefühlt haben – als wir wirklich jung waren? Bewahrt Euch dieses Gefühl!“ Und so war der Konzertabend gleichzeitig auch ein bisschen wie ein Wiedersehensfest mit Menschen, „die ich 165 Jahre nicht gesehen habe“, wie Uli Sailor bewegt meinte. Das gilt natürlich nicht für seinen Sidekick auf der Jülicher Bühne, Schwager Domian Amian, der für ihn in die Kontrabass-Seiten griff, Weggefährte Silvia Passadakis, der an diesem Abend den Merch-Stand betreute, wie auch Tonmeister Jan-Felix Klein („Fiffi, das Schweizer Taschenmesser der Jülicher Musikszene“), der gemeinsam mit Uli Sailor auf Tour ist.

Vielleicht ist „erwachsen“ auch das falsche Wort – eher bewusstseinsstark. Uli Sailor ist auch auf Mission: Menschen wieder zusammenzubringen durch Musik nach der Dürre der Coronazeit mit der Aufforderung „geht weiter auf Konzerte“, Begeisterung erzeugen und auch politisch Stellung zu beziehen. Lautstarken Applaus spendete das Publikum für das Statement: „Punkrock war für mich immer politisch, und wenn politisch, dann immer antifaschistisch. Wir dürfen nicht vergessen: Faschismus ist keine Meinung, Faschismus ist ein Verbrechen.“

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Dorothée Schenk
Freie Journalistin, Redakteurin (gelernt bei der Westdeutschen Zeitung in Neuss, Krefeld, Mönchengladbach) und Kunsthistorikerin (M.A. in Würzburg) Gebürtige Sauerländerin und Wahl-Jülicherin.

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