Start Magazin Geschichte/n Für die Ewigkeit

Für die Ewigkeit

Das Stadtarchiv Jülich ist ein Ort lebendiger Geschichte, wie der Tag der offfenen Türe eindrucksvoll zeigte.

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Foto: Dorothée Schenk
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„Die Räuber“ könnten die Hymne zum Tag der Archive geschrieben haben, der am Wochenende auch in Jülich mit einem Tag der offenen Türe begangen wurde. „Für die Ewigkeit“, so formulierte es nämlich just an diesem Tag Susanne Richter, Leiterin des Jülicher Stadtarchiv, sei ihre Aufgabe angelegt. Auch wenn es immer wieder Kulturbrüche gäbe, sei es der Anspruch, für den sie alles tun wollen. Was genau, das erfuhren die zahlreichen Interessierten, die in das Forum Aachener Tor gekommen waren und sich in die „Schatzkammern“ mitnehmen ließen.

In den Archivräumen, so war zu erfahren, geht es immer ums Klima. Das ist genau geregelt. Beispielsweise sollen im Raum maximal rund 50 Prozent Luftfeuchtigkeit herrschen. Sensoren überwachen die Räume und geben Alarm, wenn Grenzwerte überschritten werden. Außerdem machen die zunehmend heißen Sommer machen den Archiven zu schaffen – dann kommen Luftentfeuchter zum Einsatz. Anders zu behandeln sind Fotos. Sie sollen fünf Grad gelagert werden. Dazu gibt es in eigens eine neue Kühlkammer, auf die Susanne Richter ein wenig stolz ist. „So etwas hat nicht jedes Archiv.“

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Aber nicht nur Temperatur und Luftfeuchtigkeit gilt es zu beachten. Papierfische heißen die Schädlinge, denen besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird – und Schmutz in den Dokumenten. Dieser ist nämlich idealer Nährboden für Schimmel. „Wir haben viele ,müsste-dringend‘-Objekte, da gibt es eine Riesenliste“, meint die Archivarin und klingt dabei selbst angesichts der Mengen nicht resigniert, sondern eher unternehmungslustig. Das führt zur Frage, wieviel Geld denn überhaupt für Restaurierungen zur Verfügung stehen. Im Budget sind es überraschend überschaubare 7000 Euro, sie können aber durch Fördergelder auf bis zu 40.000 Euro aufgestockt werden. Merke: Zum Archivieren gehört auch das erfolgreiche Antragschreiben dazu.

Die Hüterin der Jülicher Stadtgeschichte erläuterte, dass ihr Tun keineswegs eine selbstgewähltes, sondern gesetzliches vorgeschriebenes ist. „Nach Archivgesetz NRW ist eine Kommune verpflichtet ein Archiv zu haben.“ Aber nicht nur das geschichtliche Gedächtnis der Stadt wird hier aufbewahrt, die Einrichtung selbst ist eine Geheimnisbewahrerin: Einige Akten sind für 100 Jahre unter Verschluss aus datenschutzrechtlichen Gründen. Bauakten sind hierfür ein gutes Beispiel. Besonders wertvoll sind die Bauakten aus der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg. Richters Vorgänger, Dr. Horst Dinstühler, hatte entschieden, sie vollständig zu übernehmen – obwohl klar war, dass eine Bearbeitung oder Digitalisierung kaum zu leisten sein würde. Heute zeigt sich, wie vorausschauend diese Entscheidung war. Denn rechtlich gelten nur die Originale mit den Unterschriften der Architekten als Urkunden. Digitale Kopien reichen dafür nicht aus. Aktuelle Bauakten bleiben aus Datenschutzrechten unter Verschluss – für Außenstehende, nicht für Hauseigner, versteht sich – und zwar plus zehn Jahre nach dem Abriss des Gebäudes.

Zu den meistgenutzten Beständen, erfährt das geneigte Publikum, gehören die Personenstandsregister. Viele Menschen betreiben heute Ahnenforschung, und in Jülich reichen die Einträge zurück bis in die Zeit der französischen Herrschaft, als der Code Civil erstmals Eheschließungen staatlich dokumentierte – alles auf Französisch. Die Register sind farblich sortiert: Rot für die Ehe – wie die Liebe, Weiß für Geburten – die „unschuldigen Kinder“ – und Gelb für Todesfälle „als Licht am Ende des Tunnels, wenn man so will“, wird die Archivarin philosophisch.

Der Bestand reicht bis zum Zweiten Weltkrieg – dann kommt der „Aktenschnitt“. Nicht geplant, sondern erzwungen durch die Bombardierung der Stadt. Ein Teil der älteren Bestände überstand den Krieg nur deshalb, weil er ausgelagert worden war. Die Akten aus der Preußenzeit dagegen lagerten im Archivkeller des alten Rathauses, einem Tonnengewölbe aus dem 17. Jahrhundert. Ursprünglich war dieser Keller ein Weinkeller – denn das Gebäude diente einst als Gaststätte. Das massive Gewölbe hielt dem Bombardement stand. Dass die Aktenlage so umfangreich ist, liegt auch daran, dass Jülich einst Landeshauptstadt war mit dem Sitz des Haupt- und Kriminalgerichts. Hier wurden auch Kommunalunterlagen gelagert werden. Erst mit der Verlegung der Landeshauptstadt nach Düsseldorf wurde – wie das immer bei Umzügen ist – der Bestand gesichtet und ausgedünnt. Die ausgemusterten Dokumente landeten im so genannten „Jülicher Loch“, einem Graben bei der Zitadelle. Und dann gibt es Glücksfälle, die auch diese Bestände noch „retten“. Ein kleiner Junge entdeckte die Dokumente im „Jülicher Loch“, fand die Siegel so schön, dass er sie zum Spielen mit nach Hause nahm. Als Pensionär schenkte er die Unterlagen dann der Stadt. Der größte Schatz: Eine Urkunde aus dem Jahr 1366.

Das Stadtarchiv ist auch für Zukunft gut aufgestellt. Mit einer Förderung durch den Landschaftsverband Rheinland konnten die Kapazitäten von 700 Laufmetern auf 1400 Laufmeter erweitert werden. Das sichert Platz für Dokumente in den nächsten 20 bis 30 Jahren. „Das muss auch sein, sonst braucht man als Archiv gar nicht anfangen.“ Schließlich sollen auch die „Außenbestände“ noch integriert werden. Rund 80 Urkunden sind in der so genannten „Kölner Hängung“ noch am alten Standort im Kulturhaus untergebracht.

Knapp 100 Interessierte nutzten den Tag der offenen Tür. Das freut Archivarin Susanne Richter sehr. Neben der Gelegenheit, die Bestände kennenzulernen, nutzten sie auch das Angebot, beim „Bücherflohmarkt“ die eigenen Bestände aufzufüllen. Wer ganz eifrig war, konnte auch den Tagesquiz ausfüllen.

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Dorothée Schenk
HERZOGin mit Leib und Seele. Mein HERZ schlägt Muttkrat, Redakteurin gelernt bei der Westdeutschen Zeitung in Neuss, Krefeld, Mönchengladbach und Magistra Artium der Kunstgeschichte mit Abschluss in Würzburg. Versehen mit sauerländer Dickkopf und rheinischem Frohsinn.

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