Start Magazin Gesundheit Nicht jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Nicht jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Traumabewältigungs-Workshop in der Sales Kirche und das Hoffen auf die bessere Zukunft.

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Foto: Sonja Neukirchen
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Rio de Janeiro, Wales, Irland, Jülich und zurück nach New Orleans – das ist die Reiseroute einer ganz besonderen Band Arpa (auf deutsch: Harfe), die auch mit einem ganz besonderen Versprechen nach Jülich kam, nämlich traumatisierte Flüchtlinge in der Heilung ihrer seelischen Wunden zu unterstützen. Das alles sollte im Rahmen eines Resilienz-Trauma Workshops um 17 Uhr in der Saleskirche im Nordviertel stattfinden. Ein großes und ambitioniertes Ziel, das auf den erste Blick an diesem Abend völlig unerreicht blieb: Niemand war dem Ruf des hochmotivierten, professionellen Teams und der Band gefolgt.

Doch die Band spielte trotzdem kurz, mit beruhigenden Harfenklängen und motivierendem Gesang, der eigens auf Traumabewältigung ausgerichtet war. „Wir helfen Ihnen auch wenn sie nicht kommen. Musik überwindet die Mauern“, ist Klaus Lumma überzeugt, und meint damit die Flüchtlinge. Der studierte Traumatherapeut hatte zusammen mit Eric Mehenga, Jugendseelsorger für das Bistum Aachen in der Region Düren in die Sales Kirche eingeladen. Auch der stellvertretende Jülicher Bürgermeister Christian Klems war zur Stelle: „Wir haben 122 Nationen in der Stadt, darunter 500 Flüchtlinge aus der Ukraine“, weiß er zu berichten und um die Bedeutung des Workshops hervorzuheben.

Klaus Luma (v.l.), Eric Mehenga und Christian Klems im Austausch. Foto: Sonja Neukirchen
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Dann aber, in Anbetracht der leer bleibenden Bänke, begann im Team die Spurensuche für die Ursachen der Zurückhaltung. Warum kamen sie nicht? Geladen und angesprochen waren alle Flüchtlingsnationen, von Afghanen über Syrer, Ukrainer, Afrikaner. „Die Plakate in den Hausfluren“ – seitens der Stadt organisiert – hätten es offensichtlich leider nicht geschafft, die Leute anzulocken. Ein reger Austausch über Kulturen und Flüchtlinge begann. Und schnell war klar, dass da geballtes Wissen und unermüdlicher Einsatz aufeinander traf und in Zukunft seinen Weg finden wird: Vielleicht nicht heute, aber schon sehr bald, wird das Team Lumma und Merenge hier anknüpfen und weiter zusammen arbeiten, in bewährter Manier.

Malvorlagen sollten das Angebot abrunden. Foto: Sonja Neukirchen

Beide wünschen sich dabei eine gute Kommunikation der Katholischen Pfarrei Heilig Geist mit der Stadtverwaltung, um die Menschen auch wirklich zu erreichen. Natürlich gebe es auch Zurückhaltung der Flüchtlinge aus den Kulturen untereinander, räumten sie bei der Ursachenfindung für das Fernbleiben ein. Und die richtige Ansprache muss scheinbar noch gefunden werden. Klar ist, es soll ein nationenübergreifendes Angebot sein und nicht differenziert werden nach Herkunftsländern der Flüchtlinge.

Was an diesem Abend dennoch stattfand, war ein reger Erfahrungsaustausch über Kultur und Flucht, der sicher Früchte tragen wird. Jeder der Anwesenden hatte hier einschlägige Erfahrungen, die jeweils zur Flüchtlingsarbeit bewegt hat. Merenge hatte 2015 Menschen von Booten aus Lampedusa empfangen und außerdem in Geilenkirchen mit Flüchtlingen und Einheimischen in Workshops an einer „Willkommenskultur“ gearbeitet. Am Anfang stehe die Frage: „Wie kann man helfen? Wenn ich zwei Meter körperlichen Abstand halte, zum Beispiel, fühlt sich kein Mensch willkommen“, erklärt der Theologe und Kulturspezialist für „Schwarze Kulturen“. Erstmal müsse über die gleiche Sprache Nähe hergestellt werden, dann kämen auch die Geschichten, die auf dem Meer passiert seien, von selber. Fragen stellen sei tabu!

Für Lumma, der auch unter anderem im Haus Overbach für das Institut für Humanistische Psychologie arbeitet, begann das Engagement für Flüchtlinge mit den Verwüstungen durch Hurrikan Katrina, eine der verheerendsten Naturkatastrophen in den USA, im Jahr 2005. Lumma hatte die Auswirkungen hautnah mitbekommen. Aus diesem Zusammenhang heraus stamme auch seine Bekanntschaft mit der Harfinistin der Band, Fisher, die selbst betroffen war von der Katastrophe und mit zwei Bandmitgliedern trotzdem in der Kirche spielte. Das Ausmaß der Verwüstung von Katrina könne man sich hier – allein von der Fläche – gar nicht vorstellen. 80 Prozent der Häuser seien verschwunden, Schulen geschlossen wurden. Die Auswirkungen seien heute noch da. An den Erzählungen wird schnell klar, dass es Flüchtlinge überall geben kann. Jederzeit und durch verschiedene Ursachen. Krieg ist nur eine davon.

Foto: Sonja Neukirchen

Beim Thema „New Orleans“ kommen Merenge und Lumma ins Schwärmen: Dies sei ein Befreiungsort auch für schwarze Kulturen. Hier herrsche ein ganz lockerer Umgang miteinander und auch mit der Traumaarbeit. „Ich packe meine Malsachen aus und dann kommen sie und machen mit“, berichtet Lumma. Davon ist man in Jülich noch meilenweit entfernt, aber offenbar beginnt der Weg auch hier mit dem ersten Schritt. Und auch Klems hatte in seiner Ortschaft Welldorf in der Funktion des Ortsvorstehers schon herzwärmende Erfahrung, Flüchtlinge über Beschäftigung zu unterstützen.

Entwicklungspsychologisch wollen Flüchtlinge zunächst im „Sein“ unterstützt werden, erklärt Lumma. Das bedeute auch erstmal einfach gut zu essen. Dann sollen sie ins „Tun“ kommen, stützt er den Erfolg der Aktion in Welldorf.

Die Musik der Band Harpa, die sonst im Bundesstaat Louisiana der USA in Krankenhäusern spielt, wo auch Soldaten liegen, arbeitet mit sanften Klängen, die im Tempo des Herzschlags erklingen. Das sei beruhigend – oder ermögliche je nach Bedarf, auch schwer an Corona Erkrankten das Atmen, erläutert Harfinistin Fisher aus New Orleans. An diesem Abend hätte die Musik spezielle Mal-Aktionen unterstützen sollen. Alles lag liebevoll bereit. Dabei werden Vorlagen von Traumatisierten anderer Nationen von wiederum anderen Flüchtlingen farbig gestaltet. Am heutigen Abend lagen Vorlagen aus Afrika dort. Dabei wird aus Sicht von Lumma etwas weitergegeben und frei gesetzt: Liebe nämlich. Das sei die Botschaft. Dass diese Beharrlichkeit braucht und immer wiederholt werden muss, das war das Ergebnis dieses Austausches. Ebenfalls eine wichtige Erkenntnis: Traumata überwinde man nur aus der Gruppe heraus und Heilung würde dann so in die nächste Generation weitergegeben. Das sei ganz entscheidend für den Prozess, so Lumma.

Die Band spielt am heutigen Freiag, 5. August, noch einmal, und zwar diesmal mit fröhlichen Klängen. Vielleicht ist Lumma wieder mit der Trompete dabei, so wie an diesem Abend. Und vielleicht finden sich zum Latino Healing Jazz in der Sales Kirche um 19 Uhr doch noch Menschen ein, die gemeinsam feiern möchten.


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