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Das Zählen hat ein Ende

Graf Dracula und die falschen Fünfziger

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Graf Dracula | Foto: Sophie Dohmen
Graf Dracula | Foto: Sophie Dohmen
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Noch in den 80er Jahren konnte man sie manchmal über einem Türbalken sehen, die goldene, mit Lorbeer bekränzte Fünfzig und dann war klar, dort feierte man einen Jubilar. Die zweistellige Fünfzig markiert im Dezimalsystem die Hälfte bis zur ersten dreistelligen Zahl, der Hundert und Hundert ist im Menschenleben eine magische Marke und etwa das, was im Finanziellen die Million ist, ein Symbol. Nicht dass das nicht noch zu übertreffen wäre, aber ernstlich in Betracht kommt das eher nicht. Hundert Jahre, noch in der Bibel ist die Rede von 80 Jahren, die das Leben währt, aber die Spanne dehnt sich, bald werden wir alle hundert Jahre alt. Doch gleich, welche Prognose wir zu Grunde legen, die Hälfte hat etwas Magisches und bewirkt ein Aufmerken und Einhalten.                                                                                                                                              

„Fünfzig, die Mitte des Lebens, mit der Waage und nicht mit der Elle gemessen“, schreibt sich Ernst Jünger im März 1945 in sein Tagebuch    er konnte nicht wissen, dass er 103 Jahre alt werden sollte. Deshalb übersetzte er die Kalkulation der vermeintlich verbleibenden Zeit in ein anderes Maß, er wog sie nach der Bedeutung, das ergab ein günstigeres Verhältnis. Wer in der ersten Lebenshälfte sein Metier gelernt hatte, der konnte davon ausgehen, in der zweiten die Ernte einzufahren. Auch Dante nennt es die Lebensmitte, als ihm sein Leben wie das Umherirren in einem dichten Wald erschien. Da war er 38 und die zweite Lebenshälfte sollte dann von Gewicht sein. „Die Göttliche Komödie“ nistet im kollektiven Gedächtnis, auch wenn sie vermutlich nicht von allzu vielen gelesen wurde.

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Menge und Qualität, davon handelt auch der Kinderscherz: „Was ist schwerer, ein Pfund Blei oder ein Pfund Federn?“ Der Unterschied würde deutlich, wenn sie mir auf den Kopf fallen. Auch ist die Fülle etwas anderes als das Volle. Im Französischen gibt es eine Wortverwandtschaft, die in diese Richtung zielt: den Gourmet, also den Feinschmecker und den Gourmand, den Vielfraß. Das muss nicht immer zusammenfallen, aber was uns mundet, davon haben wir schon gerne mal etwas mehr. Und wenn der Sinn für die Qualität fehlt, dann wird die Menge zum Kriterium. Gut und viel haben sich hier so durchmischt, dass sie beinah synonym sind. Eine Veranstaltung, die keine Großveranstaltung ist, findet kaum eine mediale Beachtung, wir kaufen viel und günstig Minderes in Discountern, das Warenangebot auf Hofläden ringt uns eher ein Schmunzeln ab. Das Gespür für Qualität ist im Keller und Gewicht finden wir vor allem im Übergewicht.

Wenn ich die biologische Kurve richtig interpretiere, will sie, dass das vitale Junge etwas Neues hervorbringt, Kinder, Ideen etc. und das Gealterte Platz macht. Aber nie war man in der Jugend so alt wie heute. Statt zu Horizonten aufzubrechen, sorgt man sich um gleich zwei Alterssicherungen, um die eigene wie um die der Alten und davon werden es immer mehr. Demografisch ergibt das eine Pyramide, die auf der Spitze steht. Ein Gedankenbild, das, selbst wenn es in der Praxis irgendwie funktionierte, fatal bliebe. Keine Vision, keine Innovation, ausbleibende Reproduktion: Bei den heute üblichen 2-Jahresverträgen wird die Familiengründung zum Heldenepos.

Vom Alter weiß der Volksmund: Was Hänschen nicht lernt, lernt der Hans nimmermehr. Verpasstes nachzuholen gerät meist zur Karikatur und die falschen Fünfziger, die sich mit astronomischen Renten und roten Cabrios an das Verpasste heranpirschen, sind der Schrecken aller Ü50 Partys. Das Phänomen ist nicht neu, die Menge davon schon und als Ahnherr dient Dracula, der als Graf und Grandseigneur zwar blutleer, aber immer aus dem Ei gepellt, sich an die jungen Hälse wirft. Eine Flotte Viagra-gestützter oder
Titan-Ersatzgelenk gerüsteter, Limbo-tauglicher Pensionäre in Gender-Parität.

Fünfzig, das stellt die Frage nach Inhalten und ob die Träume der Jugend noch zu realisieren seien? Die Bilanz ist immer deprimierend, wir bleiben etwas schuldig und so nimmt sich auch ein gerade erschienener, belgischer Film des Themas an: „Das brandneue Testament“. Gott existiert,  er lebt in Brüssel – klar – und er ist ein mieser Typ, der die Leute auf jede erdenkliche Weise schikaniert. Er hat auch eine Tochter, der das gar nicht gefällt, wie er mit den Menschen spielt und als weiblicher Prometheus verrät sie das tiefste, göttliche Wissen: Sie veröffentlicht in den sozialen Netzwerken die individuellen Todesdaten. Game Over. Die Bankkonten werden abgeräumt, das Börsenparkett bleibt leer, histologische Befunde bleiben in den Kliniken liegen. Das Zählen hat ein Ende. Nutze den Tag.


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