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Der große Apfel

Der Mensch kommt aus dem Juli

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Der Mensch kommt aus dem Juli | Foto: HZG
Der Mensch kommt aus dem Juli | Foto: HZG
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Du zigeunerst hier wieder rum, als wenn das Leben Sommer wäre, pflegte meine Tante Gertrud das kindliche Herumbummeln zu kommentieren und pflanzte damit meinem Gemüt den Widerstreit zwischen Hell und Dunkel ein, zwischen Geschenk und Verdienst, Glück und Leistung und ein erstes, erstes Ahnen von diesen bislang bei allen philosophischen Schulen ungeklärten Fragen. Glück ist keine Leistung, eher das Gegenteil, etwas Geschenktes. Vielleicht auch ein Talent, eine Begabung, die dann verloren geht. Kinder haben sie für gewöhnlich, eine Wiese, ein Bach, ein Tier    Glück. So hat auch schon die Kindheit unserer Gattung an den Wendekreisen gestanden, auf den Breiten des ewigen Julis. Die Sonne steht im Zenit, Blüten wiegen sich in der warmen Brise und die Äste hängen von Früchten schwer bis auf den Boden herab. Das Leben mag aus dem Wasser stammen, der Mensch kommt aus dem Juli. Er ist die Voraussetzung unseres Beginnens, mit der unsere noch so hilflose Art ganz ohne die Kraft, die Schnelligkeit oder gar Flugtauglichkeit der anderen Mitgeschöpfe überleben und zum heutigen Format heranreifen durfte. Wenn sich unser Leben allein auf die Leistung jedes Einzelnen gründen würde, dann wären wir längst alle tot.

So ist der Juli Ursprung und Erinnerung des auf allen Längen und Breiten existierenden Mythos vom Garten Eden, einen Garten, den ich bewohnt hatte, als Tante Gertrud, die alte Schlange, mir den Apfel schmackhaft machte. Er schmeckte mir, er gab mir die Freiheit der Wahl, das Leben anders zu sehen als eine Tante…

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The Big Apple, der große Apfel, so nennt man New York und damit stellvertretend alle Babylons mit ihren Neon Sonnen und künstlichen Paradiesen. Ich kenne New York aus der Perspektive eines Motorbootes auf dem Hudson River. Vor dem Bug das Aufsteigen der Gischt und das schaukelnde Herannahen der Wolkenkratzer. Ein Schwarz-Weiß Film mit den erlesenen Grautönen des Zelluloids und er löste in mir jenes Herzklopfen aus, das es bei einer Annäherung dieser Art wohl geben muss, the big apple…  So eine  Ankunft mit dem Boot würde sich schon lohnen, aber 7 Stunden Flugzeit ohne Einchecken und dann mit dem Taxi vom Kennedy Aiport über verstopfte Stadtautobahnen?  In der Zeit könnte ich einige Mainschleifen abwandern und einen Karpfen Müllerin Art auf einer Terrasse mit einem Fläschchen Riesling herunterspülen und die blaue Nacht ins Flusstal sinken lassen. Wie gesagt, der Apfel der Erkenntnis gibt die Freiheit der Wahl.

Juli ist also Glück und die Frage stellt sich, ob die Menge davon zu steigern ist? Gibt es einen in uns davon angelegten, konstanten Vorrat, oder können wir nach Art der Glückssucher in die Welt gehen, um mehr davon zu finden? Der französiche Philosoph Blaise Pascal meinte, dass das ganze Elend der Welt nur daher rührt, dass die Menschen nicht zu Hause bleiben können, aber der kränkelte auch zeitlebens und bastelte deshalb lieber an seiner Rechenmaschine. Nur was mag das von Tante Gertrud bemühte fahrende Volk wohl bewogen haben, sich vom indischen Subkontinent und von den Gewürzküsten und Sandelholzwäldern aufzumachen, hierher zu den Torfstechern und Tranfunzeln, wo der Juli im günstigsten Fall 31 Tage hat?

Immerhin muss ihnen unterwegs noch ein Licht aufgegangen sein, sie bereuten und wählten sich das Rhone Delta, die Dalmatinische Küste oder die Estremadura, um dort Buße zu tun und dem Juli mit einer Liturgie von blauen Gitarren und wilden Tänzen Kultstätten zu errichten, als
ekstatisch müßige Brüder und Schwestern des Sommers, der wandernde Orden vom heiligen Juli. Sogar Goethe, schwankend zwischen hohem Ton und Depression, zwischen Faust und Mephisto und der bis heute unübertroffenen Darstellung unseres Themas, ob das Glück zu zwingen ist, Geheimer Rat sowie Hausbesitzer eines repräsentativen Anwesens in Weimar befand, dass es sich in Zelten am besten lebt. So denke auch ich immer, wenn ich die Wohnareale und Zimmerfluchten meiner von den Pflichten des Besitzes gegängelten Bekannten betrete: gut, dass du hier nicht Staub wischen musst…

Santiago, der alte Fischer Hemingways, sitzt vom aussichtslosen Kampf um seinen Fisch und gegen die Haie erschöpft vor einer Hütte ohne Schwelle, doch der Blick geht auf Palmen und Meer. Wir kennen Hemingway von Fotos, auf denen er sich mit seinen diversen Luxusfrauen in Bars und Lobbys zuprostet, doch seine Helden sitzen nicht bei „Tiffanys“. Sie sitzen vor Hütten und feiern ein Nomadenfest mit brühheißem Kaffee und ganz viel Milch und Zucker. Sie trinken ihn beim Rauschen der Brandung und dem Fächeln der Palmwedel und aus alten Konservendosen. Hier in etwa verläuft die unklare Grenzlinie des Juli, die weiße Landkarte zwischen Geschenk und Leistung, von Naturrecht und Zivilisation und wie bei allen Remedien macht auch hier wieder allein die jeweilige Menge die Heilung oder das Gift…

Juli, der Garten Eden, das Paradies. Das Paradies hatte einen Fehler, es fehlte etwas, die weibliche Seite. Die wurde aus Adams Rippe nachgeliefert – also völlig identisches Genmaterial, Inzucht, da brauchte es den Schlangenbiss für das nötige Serum. Ob die Demokratisierung des Julis durch die Klimaanhebung als ein Fortschritt angesehen werden kann, muss sich noch zeigen. Auch wenn ein paar Schlitzohren schon anfangen, kostengünstig Südhänge des Teutoburger Waldes für den zukünftigen Weinbau zu erwerben und das als Tessin zu vermarkten, dafür fallen weite Gebiete einem sengenden August mit seinen Wüstenbildungen zu. Und wenn auch allgemein Zufriedenheit darüber besteht, dass die Arisierung Europas gründlich in die Hose gegangen ist, der ständige Zuzug Juli geschulter Völker könnte für uns das werden, was die Ostgoten für die Römer waren.

Die Freiheiten und Fülle des Julis sind uns mit in die Wiege gelegt worden und die mit Blumen behangenen Weggefährten meiner Jugend waren nicht die ersten, die eine Wiedereinsetzung seiner legitimen Regentschaft forderten. Die Fahrt ins Blaue also, Romantik, Wandervogelbewegung, Hippies, die Intervalle werden kürzer… Blau ist die Farbe der Ferne, ich halte mich aber – wie oben beschrieben – lieber an das Naheliegende, an die gelben, weißen und roten Blumen. Jeder sucht seine blaue Blume eben woanders.

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Dieter Laue
Dieter ist hauptberuflich Künstler. Laue malt seine Bilder nicht, sondern er komponiert und improvisiert wie ein Jazzmusiker. Sein freier Gedankenfluss bring die Leser an die verschiedensten Orte der Kunstgeschichte(n). Er lässt Bilder entstehen, wo vorher keine waren. In Bild und Schrift.

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