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Leinöl & Palmenharz

oder die Kunst der legierten Tomatensuppe

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Campbell´s Tomatensuppe | Foto: HERZOG
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Gebrauchsfertige Farben bestehen immer aus zwei Komponenten: dem Pigment und dem Bindemittel. Da die Farbkörper in der Farbe in der Regel die gleichen sind, werden die Farben oft nach ihrem Bindemittel benannt. In der Ölfarbe ist es das Lein- oder Mohnöl, in der Acrylfarbe das Kunstharz, es gibt Leim- und Kleisterfarbe. Aber schon beim Aquarell ist es wieder vorbei mit der schönen Ordnung. Hier ist es das Gummi arabicum, das dem ganzen Halt verleiht, während Aqua, das Wasser, das Lösungsmittel ist. Ganz abenteuerlich wird das Durcheinander bei der Temperafarbe, wie heute jede x-beliebige wasserlösliche Deckfarbe genannt wird. Dabei ist Temperafarbe in ihrem Ursprung etwas völlig anderes gewesen und gleich, ob es sich um eine Kasein-, Kirschgummi-, oder Eitempera handelt, entscheidend ist, dass all diese Substanzen Emulgatoren haben, mit denen sich eine Verbindung von Öl und Wasser herstellen lässt. Wozu? Die Ölfarbe ist in den dunklen Tönen stärker, erreicht andere Tiefen, die Wasserfarbe hat im hellen Spektrum mehr Leuchtkraft, wirkt frischer. Mit der Tempera vereinigt man beide Vorzüge auf dem Bild.

Die Blütezeit dieser Technik ist die italienische Renaissance gewesen und berühmte Gemälde wie „Die Geburt der Venus“ von Botticelli sind in Eitempera ausgeführt. Wenn man den weißen, sich über den blau-grünen Tiefen des Meeres kräuselnden Schaum der Wellen sieht, die Schaum geborene Venus, dann begreift man die Vorzüge dieser Malweise. Bis zu dreißig Farbschichten legte der Maler übereinander, um diese Transparenz und Tiefe zu erzeugen. Überdies handelt es sich um eine sehr haltbare Technik.

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Diese alchemistisch anmutenden Verfahren mit ihren Verbindungen von mir bis dahin völlig unbekannten Substanzen wie Palmenharz und Leinöl, übten zu Beginn meines Kunststudiums einen großen Reiz auf mich aus. Eine Vorliebe für Materie ist ein Kennzeichen des Malers. Im Gegensatz zum Mensch des Wortes bleibt sein Geist tief darin gebunden und wurzelt darin.

„Die Geburt der Venus-Tomatensuppe“ (2013, 4-farbiger Offsetdruck auf 135g Bilderdruckpapier) – Das Werk verbindet das Textliche mit dem Bildlichen. | Foto: HERZOG

Ob im Anfang das Wort stand, entzieht sich meiner Kenntnis, aber die völlig immaterielle Substanz des Logos, ein paar tanzende, grüne Funken auf dem EEG gepaart mit dem Vermögen, die Fülle der Welt auf Nullen und Einsen herunter zu rechnen, zeigt den völlig entgegen gesetzten Charakter wie auch die Bezogenheit von Geist und Materie. Dazu ist Materie hoch komplex und dem Geist immer für eine Überraschung gut. Das gilt gerade für das Wasser, zu dem ich eine große Affinität besitze und als ich von Köln nach Jülich übersiedelte, ist einer der Gründe die Rur gewesen. Ich war schon vor Jahren auf einer Karte auf das Gebiet bei Broich gestoßen und bin auf der linken Seite des Flusses nach Linnich und auf der rechten Seite mit seinen Resten von Mäandern wieder zurück gewandert und die Vitalität dieser Flusslandschaft hatte es mir angetan.

Als ich anfing meine Farben selbst herzustellen, Wasserfarben, wie man unschwer errät, ergab sich durch Zufall, dass in einer mit Füllstoff angesetzten und dadurch sehr volumenreichen Farbe, ein Wassertropfen auf der Leinwand herab lief. Er zog eine Bahn und grub seine Spur in die helle Fläche, auf deren Grund ein darunter liegendes, leuchtendes Rot frei gespült wurde. Eine rote Zeichnung, vom Wasser geschrieben. Ich war wie elektrisiert und begann sämtliche Füllstoffe und Farben nach der Tauglichkeit für dieses Verfahren zu untersuchen und entwickelte eine Technik daraus.

Die Kunst dabei ist, jenen Punkt des Prozesses abzuwarten, von dem man annimmt, dass man ihn haben will und ihn dann trocken zu föhnen. Jetzt ist er gebunden und gehört mir. Vorher nicht, denn er würde weiter fließen. Aber nun lässt sich alles Weitere nur noch auf der Basis dieser Entscheidung fortsetzen, auch ich bin dadurch gebunden. Die Kunst besteht also darin, das Fließen möglichst weit auszuschöpfen, ohne den Punkt zu überschreiten, an dem das Bestmögliche erreicht ist und alles nur schlechter wird und all diese Entscheidungen hinsichtlich einer Komposition zu treffen, die man bestenfalls ahnt. Ein dem wirklichen Leben nicht unähnlicher Prozess.

Und wenn man nun sein Leben wie ich 40 Jahre an einem Ort verbracht hat, so ist klar, dass der Reichtum an menschlichen Kontakten andernorts kaum wieder zu erreichen ist. Es gab also gute Gründe für meinen Spagat Jülich – Köln, nicht allein das Atelier. Trotzdem hat sich Köln verändert und einige Bindungen haben sich gelockert. Die Strömung ist rascher geworden, ich eile durch Altbekanntes, doch die Gassen haben so manchen lauschigen Platz eingebüßt und ich sehe mich durch die Erinnerungen wie durch mein eigenes Museum streifen. Das Gefühl der eigenen Relativität macht sich breit. Gegen solch fatale Stimmung hilft es nur neue Strände und Buchten zu bilden und so setze ich mich abends gern an den Tisch eines Straßencafés und trinke ein Glas Weißwein. Unweit rauscht der Wind durch die Pappeln, in einem Monat wird er anfangen die ersten Wolken von gelben Blättern aus den Kronen zu kämmen. Die Linie 12 hält, eine Wolke in Sommerkleidern entströmt und umweht mich wie ein Duft, da warte ich gerne auf weitere Bahnen, bestelle ein zweites Glas…

Wenn ich dann zum Schlafen ins Atelier zurückgehe, bin ich hungrig. Auswärts essen lässt das Budget nicht zu, also öffne ich eine Dose Tomatensuppe aus dem Vorrat. Ich setze den Topf auf den Kocher und schaue, wie der Mond durch den Antennenwald segelt. Wenn die Suppe anfängt Blasen zu werfen, nehme ich sie von der Platte und röste dicke Scheiben von Weißbrot auf der Resthitze. In die Suppe gebe ich einen Schuss Madeira, Thymian, dann wird die Creme fraiche darunter gerührt, Fett transportiert den Geschmack…

Gebundene Tomatensuppe. Nicht zu dick, nicht zu dünn, gerade flüssig genug, dass sie mir rot, heiß und duftend den Schlund hinunter rinnen kann und gebunden genug, dass ich sie lange nachschmecke.

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Dieter Laue
Dieter ist hauptberuflich Künstler. Laue malt seine Bilder nicht, sondern er komponiert und improvisiert wie ein Jazzmusiker. Sein freier Gedankenfluss bring die Leser an die verschiedensten Orte der Kunstgeschichte(n). Er lässt Bilder entstehen, wo vorher keine waren. In Bild und Schrift.

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