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Schönheit im Staub

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Arbeiten am Mandala 3. Tag | Foto: Paul Leclaire
Arbeiten am Mandala 3. Tag | Foto: Paul Leclaire
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Das Wort Mandala stammt aus dem Sanskrit (altindische Sprache) und bedeutet schlicht ‚Kreis‘, ‚Ring‘ oder auch ‚Scheibe‘. Ein Mandala ist ein Symbol, ein verziertes mystisches Diagramm, ein Sinnbild in Form eines Kreises oder Vieleckes und dient als Meditationshilfe, um Grundstrukturen der kosmischen Ordnung zu verstehen. Bedingt durch die zentrale Bedeutung der Vier Edlen Wahrheiten für den Buddhismus gehen fast alle tibetischen Mandalas von der Zahl Vier (oder dem Quadrat) aus und bilden dann zum Rand hin das Vielfache davon (8, 16 usw.). Mandala-Formen finden sich in den Bausteinen der Materie sowie im Pflanzen- und Tierreich der Natur. Angefangen vom Planetensystem bis zu Mikrokristallen und Uratomen kann man die kreisförmige Struktur des Mandala wiederfinden.

Der 3. Tag der Arbeiten am Mandala | Foto: Paul Leclaire
Der 3. Tag der Arbeiten am Mandala | Foto: Paul Leclaire

Es ist eine seit Jahrhunderten angewandte Praxis in tibetischen Klöstern, Sand-Mandalas anzufertigen. Mönche tun dies in einer Art von Arbeitsmeditation oft über mehrere Wochen hinweg, wobei das Mandala in Form und Farbe die 5 Elemente – Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum – symbolisieren soll. Das Mandala wird nach vorgezeichneten Mustern mit gefärbtem Feinsand gestreut. Das soll die Vergänglichkeit des Lebens und das Ideal von Loslösung der materiellen Welt symbolisieren.

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Es ist nicht nur Meditationsbild, sondern auch ein Symbol der Vergänglichkeit. Die Mönche arbeiten lange und konzentriert an einem Mandala und man mag versucht sein, diese hochkonzentrierte Arbeit mit einem derart schönen und beeindruckenden Ergebnis nicht nur mit Freude zu betrachten, sondern auch mit einer Art Wehmut, da doch dieses Mandala nach seiner Fertigstellung mit einer so leichten Geste wieder zerstört wird. Es soll uns vergegenwärtigen, dass nichts unendlich ist, wir die Schönheit und Freude über etwas daher bewusst wahrnehmen sollen. Die bewusste Wahrnehmung der Gegenwart steht im Mittelpunkt. Die Zerstörung verwischt zwar das Bild, aber zeigt uns nur die Vergänglichkeit, die wieder Raum schafft für neues Entstehen.

Der Punkt, von dem alles ausgeht, ist die Mitte des Kreises. Der Mittelpunkt erscheint als Anfang und Ende. Der Kreis, bzw. Punkt ist aber auch ein Symbol für das Unendliche, Allumfassende. Er gehört nicht zu unserer Welt, sondern gehört einer anderen Seinsordnung an. Er ist auch ein Symbol für Gott. Kreis und Kugel werden aus ihm geboren. Der Punkt und der Kreis sind Gott und die Welt, oder … „das Metaphysische und das Physische…“

fertiges Mandala | Foto: Paul Leclaire
fertiges Mandala | Foto: Paul Leclaire

Im ganzen Universum findet man das Mandala als Form des Kreises wieder, denn die Kraft der Natur wirkt immer in Kreisen und alles dreht sich rund herum in einem Kreis. Die Erde ist rund wie eine Kugel und dreht sich um sich selbst. Der Mond dreht sich um die Erde und die Planeten im Universum drehen sich um die Sonne. Die Sonne steigt empor und neigt sich in einem Kreis. Das gleiche tut der Mond, und beide sind rund wie ein Kreis.

Auch die Jahreszeiten in ihrem Wechsel bilden einen grossen Kreis und kehren immer wieder. Das Leben des Menschen beschreibt einen Kreis, der Kreis bedeutet Lebenszyklus und so ist es mit allem, was eine Kraft bewegt. Alles, was die Kraft der Welt bewirkt, vollzieht sich in einem Kreis. Selbst die fernen Sterne und Galaxien drehen sich spiralförmig in einem Kreis, was an der Kreisbewegung der Fixsterne um den Polarstern beobachtet werden kann. Das ist das kosmische Mandala.

Und wir alle kennen ja die Redensart „Ich drehe mich im Kreis“. Bedeutet dies doch, dass wir nicht vorwärts kommen, keine Fortschritte machen und wieder am Anfang stehen. Und die liturgische Formel „Asche zu Asche und Staub zu Staub“ ist Teil der Beerdigungszeremonie, mit der zum Ausdruck gebracht wird, dass man beim Tod wieder dorthin zurückkehrt, woher man gekommen ist. Das Grab wird damit zum Ort der natürlichen Rückverwandlung alles irdischen Lebens.

Aber bis dahin drehen wir lieber noch ein paar Runden, um die Welt zu verstehen und werden doch lieber noch viel Staub aufwirbeln und manches Mal gern warten, bis sich der Staub gelegt hat, statt Staub anzusetzen.


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