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Von der Gurke zur Kunst

In Reih und Glied, in allen Farben dieser Welt – inklusive Schwarz und Weiß, die ja eigentlich keine Farben sind – stehen die 90 Zentimeter hohen Figuren neben- und übereinander in der Garage am hauseigenen Atelier von Ernesto Marques in Broich. In der Menge erinnern sie an die chinesische Terrakotta-Armee. Auch sie sind Wächter, aber anders als die antiken Konterparts stehen Marques Figuren für Verständigung, Verständnis und Dialog. Ihr Titel: „Together I and you“. Jüngst kamen sie zum Einsatz beim Euriade Symposium „Mit den Puppen spielen“ in Kerkrade.

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Ernesto Marques. Foto: Dorothée Schenk
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An Ideen mangelt es Ernesto Marques nicht. Wenn er von „seinen Jungs und Mädchen“ erzählt, dann sprühen die dunklen Augen, und er plant schon das nächste „Event“, bei dem sie zum Einsatz kommen sollen. Als nächstes könnte sich der Künstler etwa eine Aufstellung in Europa-Stadt Brüssel als Friedensaktion gegen den Krieg in der Ukraine vorstellen.

In seiner Wahlheimatstadt Jülich ist der gebürtige Portugiese derzeit wenig präsent. „Man weiß ja, wie das ist mit dem Propheten im eigenen Land“, meint er achselzuckend. Nicht nur über die Grenzen der Stadt und Region, auch über die Landesgrenzen hinaus zeigt der Portugiese seine Kunst. Das Bonnefanten Museum Maastricht hat „Marques“ in der Sammlung, beteiligt hat er sich an der Art Fair Köln, der Kunstmesse Salzburg, der Art International Zürich und Open Art Fair Utrecht. Im nächsten Jahr allerdings möchte er gerne noch einmal in sein Atelier einladen, denn dann gibt es etwas zu feiern: 2023 blickt Ernesto Marques auf 25 Jahre künstlerisches Schaffen in der Herzogstadt zurück. Und sie ist inzwischen zur Herzensstadt geworden. Und sofort sprüht es wieder, und die Überlegungen, welche Potentiale in seiner neuen Heimat zu heben sind. Mit etwas Wehmut sieht er auf das Projekt „Neue Kunst im öffentlichen Raum“, das bedeutende Orte Jülichs künstlerisch miteinander verbinden soll, aber seit vier Jahren immer noch nicht richtig Fahrt aufgenommen hat. „…die Zukunft! Sind Wir…“ lautet das Leitmotiv von Ernesto Marques, der in das Projekt seine Figuren – in dem Fall übermanns-hoch – auf dem Schlossplatz in direkten Dialog mit der Festung Zitadelle treten lassen möchte.

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Eigentlich war der einstige Kunststudent ohne Deutschkenntnisse 1993 nur als Ferienjobber nach Jülich gekommen. Die wirtschaftliche Lage in Portugal war nicht gut. Seine Mutter hatte ihren Broterwerb verloren, und die Tante, die nach dem frühen Tod des Vaters die Familie finanziell unterstützte, starb. Eine Bekannte erzählte von einer Gurkenfabrik in Jülich, die in der Sommersaison Aushilfskräfte einstellen würde. So kamen Mutter und Sohn Marques an die Rur. Aber die Gurkenernte war schlecht, sie wurden entlassen, und „wir hatten das Fahrtgeld noch nicht wieder drin“, erinnert sich der 47-Jährige. Durch die Unterstützung des portugiesischen Zentrums fand seine Mutter Arbeit in der Gastronomie. Er wurde in Freialdenhoven bei einer Schreinerei angestellt. Das zahlt sich bis heute aus, denn „ich habe dort viel gelernt und kann darum viele Arbeiten selbst machen“. In der ersten Wohnung Am Aachener Tor räumt Ernesto Marques den Keller leer und richtete sich sein erstes Atelier ein. Das erste Geld trug er nach Köln in einen Großhandel für Künstlerbedarf, den ihm ein portugiesischer Künstlerkollege empfohlen hatte. „Ich habe 1500 DM ausgegeben! Ich habe alles auf den Kopf gehauen, alles gekauft von der Staffelei bis zur Farbe“, erzählt er lachend.

Eine gute Investition, denn seit 1998 macht er durch Ausstellungen auf sich aufmerksam. Zuerst allerdings nicht in Jülich: Für die Herzogstadt entdeckt worden ist Ernesto Marques von Sparkassen-Vorstand Uwe Willner, sagt er. Dieser habe seine Bilder im Aachener Theatercafé gesehen. Ein großer Mentor für Marques ist auch der einstige Ortsvorsteher Peter Schmitz, zu dem er immer noch eine enge Verbundenheit pflegt. Peter Schmitz besuchte nach einer Ausstellung im Jülicher Rathaus den Künstler in seinem Kelleratelier und entschied, dass das nicht der richtige Raum für Entfaltung war. Peter Schmitz nutzte seine Kontakte zum Logistik-Unternehmen Boos. Und die Überraschung war groß, denn Ernesto Marques kam zu dem Ort, an dem er einst zum „Gurkenstopfen“ angetreten war – das alte Gebäude von „Appel & Frenzel“ war jetzt „Boos“. Das erste große Atelier mit Ausstellungsräumen wurde die alte Kantine der Gurkenfabrik. Und Marques arbeitete weiter an seiner Kunst: Bei Helmut Plintz in Düren studierte er 2000/01 Bildhauerei und bis 2004 Malerei bei Prof. Bernd D. Heßbrügge.

Seit 2019 hat Ernesto Marques auf den Broicher Höhen seinen Lebens- und Schaffensmittelpunkt gefunden. Hier entstehen die Malerei und Skulpturen. Kunst, die beispielsweise Michail Gorbatschow, Peter Maffay, Hans-Dietrich Genscher, Königin Silvia von Schweden und neuerdings auch Auma Obama, die Schwester von Barak Obama, begeisterte. Denn seit 2008 hat Ernesto Marques eine enge Verbindung zur „Euriade“, die alljährlich die Martin Buber Plakette an Persönlichkeiten verleiht, die in „dialogisch-verantwortungsvoller Weise dem jeweils Anderen begegnen, ihm zuhörend entgegentreten und helfen“. Als Gastgeschenk wird den Preisträgern stets eine Martin Buber Büste des portugiesischen Künstlers überreicht. Die nächste Büste ist schon „in Arbeit“, denn noch im November wird der nächste Preis verliehen. An wen, das ist noch nicht öffentlich bekanntgegeben, gibt sich Ernesto Marques geheimnisvoll. Das wird dann eine neue Geschichte im Kapitel des Künstlers.


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