Als ihr Mann stirbt, steht Christien Brinkgreve in einem Haus voller gemeinsamer Erinnerungen. Oder sind es vielleicht doch keine gemeinsamen Erinnerungen oder doch vor allem von ihm, A.? Die Autorin erinnert sich, das ist korrekt, an gemeinsame Lebensjahre mit ihrem Mann. Es wird aber schon auf den ersten Seiten deutlich, dass hier eine Frau schreibt, die sich selbst im Zusammenleben verloren hat. Eine starke, gebildete Frau, die dennoch oft aus ihrem Alltag entflieht, sich zu wenig fühlt, nicht ausreichend und sich dennoch nicht trennt. Sie schildert ihren Mann aus ihrem Blickwinkel positiv. Dennoch ist das Bild, das von ihm entsteht, durch und durch unsympathisch. Das Buch dreht sich um das Warum, die Suche nach sich selbst – vor allem aber auch um die Rückgewinnung von Räumen. Im eigenen Leben, im Umfeld, aber auch im physischen Raum. Das gemeinsame Haus fühlt sich verwahrlost, erstickend und zu voll an.
Brinkgreve nimmt den Lesenden mit beim Durchdenken der Vergangenheit und dem Loslassen von Dingen. Eine (Rück-)Eroberung von Lebensfreude. Die großteils sehr melancholische Schreibweise verdeutlicht dabei das Gefühl der Enge, Hoffnungslosigkeit und der Verlorenheit. Das Haus scheint dabei ein Spiegel der Beziehung zu sein. Beides ist über die Zeit zerfallen. Alles fühlt sich dunkel, düster und schwermütig an. Einsamkeit – ist das Liebe? Darf das Liebe sein? Und wenn ja, ist diese Form der Liebe wirklich erstrebenswert? Die Autorin zeigt ehrlich und schonungslos ihren schmerzhaften Prozess der Transformation.
Für alle Melancholiker, die schöne Sprache lieben, aber keine Angst vor Schwermut haben.
BUCHINFORMATiON
Christien Brinkgreve: Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen, Hanser Verlag, 2026, 192 Seiten, 23 Euro



















