
Warum bleiben manche Menschen geistig fit bis ins hohe Alter – während andere früher kognitive Einschränkungen entwickeln? Zwei aktuelle Studien unter Beteiligung des Forschungszentrums Jülich liefern auf diese Frage neue Antworten. Sie zeigen: Die Gesundheit unseres Gehirns hängt nicht von einem einzelnen Faktor ab – sondern vom Zusammenspiel vieler Einflüsse über das ganze Leben hinweg.
Im Zentrum beider Arbeiten steht das sogenannte „Exposom“. Gemeint ist die Gesamtheit aller Umwelt- und Lebensfaktoren, denen ein Mensch im Laufe seines Lebens ausgesetzt ist – von Ernährung und Bewegung über Krankheiten bis hin zu Luftqualität oder sozialen Bedingungen. Ziel der Forschenden ist es, diese Einflüsse nicht isoliert zu betrachten, sondern in ihrem Zusammenwirken zu verstehen.
In einer Studie, die in Nature Communications veröffentlicht wurde, analysierte ein Forschungsteam umfangreiche Daten aus der UK Biobank – einer großen britischen Langzeitstudie mit Gesundheitsdaten von Hunderttausenden Menschen. Die Arbeit wurde unter der Leitung von Prof. Dr. Sarah Genon maßgeblich am Institut für Neurowissenschaften und Medizin – Gehirn und Verhalten am Forschungszentrum Jülich vorangetrieben. Erstautor ist Mostafa Mahdipour, Doktorand in ihrer Arbeitsgruppe.
Im Fokus der Studie steht das Exposom auf individueller Ebene, also die Frage, wie persönliche Faktoren wie Lebensstil, Gesundheit und soziale Einflüsse das Gehirn im Laufe des Lebens prägen. Eine zentrale Erkenntnis der Studie ist, dass nicht nur die Art eines Risikofaktors zählt, sondern auch, wie lange und in welcher Lebensphase er wirkt. Langjährige Belastungen, etwa durch Bluthochdruck oder Rauchen, stehen in engem Zusammenhang mit einer ungünstigeren Entwicklung der Gehirnstruktur. Diese Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung früher Prävention. Wer gesundheitliche Risiken früh erkennt und reduziert, kann langfristig auch seine Gehirngesundheit positiv beeinflussen.
Eine zweite Studie, veröffentlicht in Nature Medicine, erweitert diese Perspektive deutlich – von der individuellen auf die globale Ebene. Hier untersuchte ein internationales Forschungsteam Daten von rund 18.700 Menschen aus 34 Ländern und verknüpfte diese mit umfassenden Informationen zu Umwelt- und Gesellschaftsfaktoren. An dieser groß angelegten Zusammenarbeit waren rund 100 Forschende aus verschiedenen Ländern beteiligt, darunter auch Wissenschaftler:innen des Forschungszentrums Jülich. Auch hier wirkte Prof. Dr. Sarah Genon gemeinsam mit ihrem Kollegen Dr. Masoud Tahmasian vom Institut für Neurowissenschaften und Medizin – Gehirn und Verhalten mit. Sie haben damit beide Perspektiven – die individuellen und globalen Einflüsse auf das Exposom – untersucht.
Bei der globalen Analyse zeigte sich, dass auch die Bedingungen, unter denen Menschen leben, einen messbaren Einfluss auf die Alterung des Gehirns haben. Faktoren wie Luftverschmutzung, klimatische Bedingungen, sozioökonomische Ungleichheit oder politische Rahmenbedingungen – etwa Unterschiede im Zugang zur Gesundheitsversorgung oder in sozialen Sicherungssystemen – stehen in engem Zusammenhang mit der Geschwindigkeit, mit der das Gehirn altert.
Damit wird deutlich, dass Gehirnalterung nicht nur vom individuellen Lebensstil abhängt, sondern auch stark durch gesellschaftliche und Umweltbedingungen geprägt wird. Die Studie zeigt zudem, dass diese äußeren Einflüsse eine große Rolle spielen – teilweise sogar unabhängig von bestehenden Erkrankungen oder individuellen Risikofaktoren.
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