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Das Wort vor lauter Buchstaben nicht sehen

Die Volkshochschule Jülicher Land bietet seit Juni einen Kurs für Menschen an, die nicht oder nicht sicher lesen und schreiben können. Ein Gespräch über ein besonderes Projekt zum heutigen Weltalphabetisierungstag.

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Foto: Pexels | Pixabay
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Ein gemütlicher Raum, der sich ein bisschen wie Ferien mit der Jugendgruppe anfühlt. Ein Laptop, Beamer und Flipchart. Und wenige Menschen davor, die eifrig Wortendungen üben: Im Stadtteilzentrum Jülich-Nordviertel läuft ein besonderer, von der Volkshochschule Jülicher Land lang erwarteter Kurs.

Beim „Lerntreff Lesen & Schreiben“ geht es darum, Erwachsenen niederschwellig zu helfen, sicherer mit Texten aller Art umzugehen. Darum ist der Kurs auch kostenlos, keine Anmeldung nötig und der Einstieg jederzeit möglich. Dozentin Peggy Freitag, so heißt es auch im Flyer, unterstützt geduldig – und wie am Tag des HERZOG-Besuches zu spüren ist: mit viel Empathie und Bewusstsein für ihre Teilnehmenden. Sie sollen sich wohlfühlen.

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Barbara Dorweiler, stellvertretende Leiterin der VHS sowie zuständig für die Fachbereiche Schulabschlüsse, Eltern- und Familienbildung, Digitales, EDV und Beruf, erzählt, wie schwierig die Kursfindung war. Die Volkshochschule habe schon mehrere Jahre darüber nachgedacht, das Angebot im Rahmen der Grundbildung, also Grundkompetenzen für die Teilnahme an der Gesellschaft, auszubauen. Als vor einigen Jahren das Weiterbildungsgesetz reformiert worden sei, seien auch Mittel für die regionale Bildungsentwicklung freigeworden. Darin auch speziell für die grundlegende Bildung. Dass das relevant ist, untermauert sie mit deutlichen Zahlen: Laut Studien könnten bis zu 20 Prozent der Deutschen – in unterschiedlichen Abstufungen – nicht sicher lesen und schreiben. Darunter seien sowohl Menschen, die seit Langem in Deutschland wohnen als auch solche, deren Muttersprache Deutsch ist und die deutsche Wurzeln haben.

Im neuen Kurs hätten, so Dorweiler, über die sieben Termine hinweg sieben verschiedene Personen teilgenommen – in unterschiedlichen Zusammenstellungen und mit unterschiedlichen Wissensständen und Bedarfen. Nun bleibt die Hoffnung, dass auch beim Wiederbeginn im September, nach der Sommerpause, das Interesse weiter besteht. Beziehungsweise: die Zahl der Teilnehmenden noch steigt.

Um dieses Ziel zu erreichen, zog man aus der Erfahrung eines vorangegangenen Lese- und Rechen-Kurses das Fazit: Es muss niederschwelliger funktionieren. Insofern ist es ein Glück, dass die VHS Jülicher Land mit dem Stadtteilzentrum Nordviertel der Stadt eine gute Partnerschaft gefunden hat. Neben zahlreichen weiteren Freizeit- und Bildungsangeboten sowie den technischen Voraussetzungen bietet das Gebäude eine entspannte Atmosphäre, die einer niedrigeren Hemmschwelle zuträglich sein kann. Und, so ergänzt Barbara Dorweiler, auch die mögliche Wohnortsnähe und die offene Atmosphäre durch das Schaufenster trügen dazu bei. Und, wie die Stadtteilzentrumsleiterin später ergänzen wird: Trotz der Nähe liegt es etwas abgelegener, man laufe weniger Bekannten über den Weg.

Geworben wird für den Kurs bisher unter anderem in möglichst einfacher Sprache und mit wenigen Worten auf Flyern und Plakaten. Da sei vielleicht noch Luft nach oben, für künftige Termine überlege man, etwa mit Videos zu agieren. Doch wichtig sei vor allem, so genannte Multiplikatoren zu erreichen: Einrichtungen mit betroffenen Klientinnen und Klienten oder Menschen, die betroffene Personen kennen.

Die städtische Quartiersmanagerin Sevdije Haxha, deren Aufgabenbereich auch das Stadtteilzentrum umfasst, ergänzt: Besonders wichtig sei der sensible Umgang. Darum habe sie auch Ihre Mitarbeitenden für den Umgang mit dem neuen Programm sensibilisiert. Es gehe darum, Menschen mit einer „geringen Literalisierung“ nicht zu sagen „Geh da hin!“, sondern gefühlvoll und wie nebenbei vom Angebot zu erzählen. Keinen Druck aufbauen. Denn: Gerade bei der älteren Generation sei Scham ein großes Thema. Darum ist auch spürbar wichtig, dass keine Grenzen überschritten werden: Dozentin Freitag hat beim HERZOG-Termin genau im Blick, wie sich die Gäste verhalten und ob vielleicht etwa doch wider Versprechen Fotos gemacht werden könnten.

Apropos Generationen: Dass das Stadtteilzentrum Ort des Geschehens für den Lerntreff ist, passt laut Haxha auch deswegen gut, weil das Thema alle Generationen betrifft. Somit ist dies ein Brückenschlag zur Einrichtung, die für alle Generationen offen ist und auch darunter verbinden will.

Lesen und Schreiben, so wird von ihr noch einmal ausdrücklich betont, ist auch ein großes Hindernis für die soziale Teilhabe. „Plakate für Veranstaltungen, Feste, in der Nachbarschaft und so weiter – wenn ich die ja gar nicht lesen kann und nicht zufällig jemand anders darüber in dem Moment in dem ich am Plakat vorbeilaufe laut redet, kriege ich das ja vielleicht auch gar nicht mit.“ In Bezug auf alternative Informationsmittel durch das Internet meint Dorweiler: „Auch wenn man natürlich viele Möglichkeiten hat, mit Vorlesefunktion und Videos und so weiter, ist trotzdem natürlich vieles auch noch schriftbasiert. Dass man die wichtigen Infos einfach schnell rausfinden kann, wenn man eben gut lesen und schreiben kann.“ Eine Realität für viele Mitmenschen, die oft übersehen wird.

Während ab dem 8. September die nächsten Kurstermine stattfinden – dienstags zwischen 17.30 und 19 Uhr in der Nordstraße 39 – steht parallel noch eine weitere Veranstaltung auf dem VHS-Plan: Eine Ausstellung, in der es um das Lesen und Schreiben geht, ist noch bis zum 17. September im Foyer des Gebäudes am Aachener Tor zu sehen. Sie soll Herausforderungen von Lese- und Schreibschwierigkeiten im Alltag verdeutlichen und kann zu den Öffnungszeiten zwischen 8.30 und 18 Uhr besucht werden.

Sollte jemand aus dem eigenen Umfeld nicht sicher lesen und schreiben können oder besteht eine solche Vermutung, wird empfohlen, sensibel mit dem Thema umzugehen. Möglicherweise kann bei Bekannten ohne Druck oder direkte Empfehlung das Kursangebot des Lerntreffs ins Gespräch gebracht werden. Weitere Beratungsmöglichkeiten für Menschen, die Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben haben, bieten anonym das kostenlose ALFA-Telefon unter 0800 53 33 44 55 sowie persönlich Barbara Dorweiler an der VHS Jülich unter 02461/63 32 8.


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