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„Wir wollen lauter sein“

Das Jülicher Stammhaus, ein Wohnort für Menschen mit Behinderung, ist frisch renoviert. Glücklich präsentiert die geschäftsführende Leitung Melanie Bickschäfer nicht nur die in Eigenregie gestalteten Räume, sondern auch ein neues Logo und den Slogan „Voll im Leben“ – Gründe genug, alle Interessierten zu einem Sommerfest einzuladen, um sichtbarer zu werden.

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Foto: Sonja Neukirchen
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„Jülich ist ein unheimlich guter Ort für Menschen mit Behinderung“, freut sich Melanie Bickschäfer und meint damit einerseits die gute Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung und vielen Einrichtungen in Jülich. Aber im Falle der nun fertigen neuen Inneneinrichtung des Stammhauses meint sie ganz besonders das gute und freundschaftliche Verhältnis, das zu den Mitarbeitern der Jülicher Handwerksunternehmen entstanden ist. Diese hätten zwischen Oktober und Ende Juli sehr professionell und einfühlsam für mehr Wohnkultur gesorgt. Am Ende, so erzählt Bickschäfer, hätten sich Mitarbeiter und Bewohner schon morgens auf die anstehenden Arbeiten miteinander gefreut. „Wir haben nur mit Jülicher Firmen gearbeitet. Die haben sich unheimlich gut drauf eingelassen, obwohl sie vorher keine Berührungspunkte mit Behinderten hatten“, ist Bickschäfer begeistert. Ein Handwerker habe hinterher die Namen aller Bewohner gekannt, freut sie sich. „Das hat die ganze Geschichte so besonders gemacht.“ „Super cool gemacht, die Handwerker“, fand auch Christian aus der Wohngruppe.

Bei allen Renovierungsmaßnahmen sei es um die Leitfrage gegangen: „Wie wollt ihr leben. Was habt ihr für Ideen.“ Und bei den Wünschen sei es dann wichtig gewesen zu schauen, was eigentlich dahinter stecke, erklärte Bickschäfer auch den psychologischen Aspekt der gesamten Aktion. Die Renovierung habe ganz unterschiedliche Gefühle ausgelöst. „Ich muss mich noch dran gewöhnen“, gibt Alex zu. „Der neue Boden ist geil“, findet David. Die Grundenergie sei aber gewesen: Wir können gestalten. „Was mir so gut befallen hat bei der Renovierung ist auch, dass sich das Zusammenleben verändert hat, weil sich strukturelle Dinge verändert haben“, berichtet sie über eine ganz besondere Erfahrung.

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Der Schreiner habe neue Tische entwickelt. Jeder der Bewohner habe sich eine passende Wandfarbe ausgesucht, für das eigene Zimmer. Vorher hätten alle die gleichen Schränke gehabt, die gleichen Schreibtische. Jetzt sei alles viel individueller geworden und hätte noch weniger Gemeinsamkeiten mit einem „typischen Heim“, erklärt Bickschäfer. Über die Gruppenräume sei gemeinschaftlich abgestimmt worden. Doch jeder Raum hat einen völlig anderen Charakter. Ist es im Untergeschoss weiß und ein wenig lounge-artig, so erscheint der obere Gruppenraum eher kuschelig und es prangt ein Herz in Fensternähe. Ein eigenes Badezimmer für jeden, das bleibt vorerst noch ein Traum. Besonders freut sich die Leiterin über den strapazierfähigen Vinylboden. Der Ursprungsboden von 2006 – dem Jahr der Gründung des Stammhauses – habe begonnen sich zu lösen. Das gab den Auslöser für die Renovierung, die insgesamt etwa 70.000 Euro gekostet habe und aus verschiedenen Töpfen bezahlt worden sei. Darunter Investitionen vom Landschaftsverband Rheinland und der Stiftung Wohnhilfe.

Doch die neue Gestaltung inspirierte zu mehr: Das Stammhaus sei ein bisschen aus den Kinderschuhen herausgewachsen. Die Bewohner von damals – 2006 hatte sich das Stammhaus aus einer Elterninitiative heraus gegründet – seien jetzt Mitte Vierzig und „gestandene Leute“, erklärt Bickschäfer die Situation am Hauptstandort, wo aktuell 24 Menschen mit körperlichen, geistigen und komplexen Behinderungen leben. Als sie damals eingezogen waren, seien sie Anfang 20 gewesen und da hätten noch die Eltern bei der Wohnraumplanung zur Seite gestanden.

Zeit für ein neues Logo: Das alte sei nur auf das Gebäude fixiert gewesen. Das neue repräsentiere durch die ineinander liegenden Kreise: „Wir sind Teil der Gesellschaft.“ Die Kreise symbolisierten gleichzeitig ein Fernrohr. Fokussieren sei wichtig, denn die behinderten Menschen müssten gut verstanden werden und sich sicher fühlen. Der neue Slogan „Voll im Leben“ löst den für Bickschäfer etwas zu „sozialpädagogisch“ klingenden alten Spruch „Vielfalt, begleiten, teilhaben“ ab. „Wir wollen Präsenz, wollen lauter sein, uns nicht verstecken“, so die Leiterin des Hauses. Es gebe auch Menschen, die das Stammhaus noch nicht kennen würden. Deshalb tragen jetzt auch die Transportfahrzeuge das bunte neue Logo.

Am Samstag, den 26. August, feiert das Stammhaus von 14 bis 18 Uhr sein alljährliches Sommerfest mit dem Motto „Stammhaus in neuem Glanz“, in der Kuhlstr. 13 für alle Interessierten. Die Kaffeetafel wird gedeckt, der Grill angeworfen, es gibt Musik, Spaß und Unterhaltung sowie Selbstgetöpfertes gegen eine Spende.


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