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Einem geschenkten Gaul…

Es ist ein delikates oder vielmehr unappetitliches Thema, mit dem sich Ehrenamtliche beschäftigen müssen, die Kleiderspenden oder auch Bücherspenden entgegennehmen. So war es jüngst beim runden sozialen Tisch im Jülicher Rathaus zu hören, zu dem einmal die Vereine der sogenannten „existenzsichernden Angebote“ wie fairKauf und Kleine Hände, aber auch Institutionen wie der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) und das Café Gemeinsam von In Via gehören.

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Ehrenamtliche wie die Kundschaft prüfen die "Ware". Foto: Archiv PuKBSuS/rboe
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Ehrenamtliche erzählten von Kleidungsstücken, die so stark verdreckt sind, dass sie nicht mehr weitergegeben werden können – in einem besonders drastischen Fall fanden die Ehrenamtlichen sogar eine tote Maus in den Spendentüten. Vorgekommen sind auch vollgekotete Unterwäschen; keine Seltenheit sind verschimmelte und stark muffige Stoffspenden. Der Satz „Ohne Hunde- (wahlweise Katzen-)haare ist man nicht richtig angezogen“ gilt für Menschen mit Tieren, nicht aber für jene, die die Kleiderspenden in den eigenen Schrank legen möchten. Stockflecken sind es bei Bücherspenden, die davon zeugen, dass sie nicht zur Weiterverwertung geeignet sind. Wahlweise sind es auch vergilbte, eselohrige Seiten von Schätzchen aus längst vergangenen Tagen, die kartonweise angeliefert werden – und direkt entsorgt werden möchten. Denn – Hand aufs Herz – wer möchte eine solche Lektüre mit ins Bett nehmen?

Grundsätzlich ist es eine wunderbare Idee, Dinge, die man nicht mehr braucht, an wohltätige Vereine wie Fairkauf, Kleine Hände, den Ömmesönz-Laden oder den offenen Bücherschrank zu spenden. Die Spendenbereitschaft der Jülicherinnen und Jülicher wird allerorten als lobenswert herausgestellt – zuweilen ist es sogar zu viel für die Ehrenamtlichen. Die Kleinen Hände haben einmal überschlagen und kommen auf jährlich über 10.000 Kilo Kleiderspenden. Viel anders ist es bei fairkauf und AsF Kleiderlädchen auch nicht. Das bedeutet: Viele Hände werden gebraucht, um die Sachspenden zu sichten. Eine Arbeit – siehe oben – zuweilen mit Ekelfaktor.

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Es gilt für die Vereinsaktiven, zwei Aspekte im Blick zu behalten: Wer plant, Sachspenden abzugeben, sollte überlegen, ob er sie selbst noch würde tragen wollen. Und dabei ist nicht gemeint, dass die Kleidungsstücke mit dem persönlichen Etikett „taugt noch zur Gartenarbeit“ oder „zum Werkeln im Keller“ versehen sind. Die selbstkritischen Überprüfungsmerkmale lauten: Sind die Sachen gewaschen und sauber? „Heile“, also ohne Löcher und Risse? Sind sie nicht „aus der Zeit gefallen“, also so unmodern, dass sie besser in die Karnevalskiste für Nostalgiker passen würden? Menschen in prekären Lebenssituationen verdienen einen respektvollen Umgang, der sich auch im Angebot von sauberer tragbarer Kleidung widerspiegelt. Die Haltung: „Sie sollen sich doch freuen, dass sie kostenfrei oder für kleines Geld etwas bekommen“, wie sie durchaus schon gegenüber Ehrenamtlichen formuliert wurden, lassen diesen Respekt vermissen. Dieselbe Haltung lässt sich natürlich mühelos auf Sachspenden für den Ömmesönz-Laden oder den offenen Bücherschrank übertragen.

Oft kommen in großen Mengen Sachspenden an, die dann gesichtet werden müssen. Foto: Dorothée Schenk
Darüber hinaus empfinden die Ehrenamtlichen, die viel Zeitaufwand und Energie in das Sortieren der Sachspenden investieren, es als mangelnde Wertschätzung gegenüber ihrem Engagement.

Es gibt den Alt-Väter-Satz: Einem geschenkten Gaul guckt man nicht ins Maul. Aber die ehrenamtlich Tätigen müssen vor dem Einräumen in die Regale jedem „Gaul“ ins besagte „Maul“ schauen. Sie beschreiben es als frustrierend und demütigend, sich durch – siehe oben – dreckiges und verschimmeltes oder noch schlimmeres „Geschenktes“ zu wühlen. Sie betonen: Ihre vereinseigenen Anlaufstellen sind Orte der Solidarität, des Respekts und der Würde – nicht der Abfallentsorgung. Apropos: Aussortiertes muss schließlich auch entsorgt werden!

Kaputtes, Defektes oder Verschmutztes gehören auch nicht in Kleidercontainer oder einfach in den Mülleimer – hier gibt es einen Unterschied zu Büchern, bei denen Bibliophilen das Herz blutet, wenn sie im Altpapier landen, was aber gesetzlich erlaubt ist. Defekte Elektrogeräte müssen zum E-Schrott, große Matratzen (beispielsweise) oder auch kaputte Kaufläden für Kinder (um nur ein Beispiel aus der Luft zu greifen) benötigen einen Sperrmülltermin oder die Fahrt zur Deponie. Gleiches gilt für Kleidung. Seit dem 1. Januar 2025 gilt in der EU eine sogenannte Getrenntsammelpflicht für Alttextilien. Danach müssen alte Textilien getrennt gesammelt und dürfen nicht mehr in den Restmüll geworfen werden. Allerdings gibt es Ausnahmen: Sehr stark verschmutzte oder kontaminierte Textilien können weiterhin über die Restmülltonne entsorgt werden, weil sie nicht mehr sinnvoll recycelt werden können. Das macht deutlich: Selbst das Gesetz fordert eine saubere und sinnvolle Trennung.

Wer mit Bedacht spendet, trägt dazu bei, dass Orte der Solidarität auch Orte der Würde bleiben – für alle Beteiligten.

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Dorothée Schenk
HERZOGin mit Leib und Seele. Mein HERZ schlägt Muttkrat, Redakteurin gelernt bei der Westdeutschen Zeitung in Neuss, Krefeld, Mönchengladbach und Magistra Artium der Kunstgeschichte mit Abschluss in Würzburg. Versehen mit sauerländer Dickkopf und rheinischem Frohsinn.

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