Als „Königin der Instrumente“ wird die Orgel oft bezeichnet. 2021 wurde sie sogar zum „Instrument des Jahres“ auserkoren. Ein ziemlich einzigartiges Exemplar steht in der Jülicher Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt.
„Das ist die Vorstufe zum Paradies, vor allem wenn man einen Akkord spielt“, sagt Christof Rück leise schmunzelnd, greift in die Tasten und zieht dann das Register „Vox coelestis“, die Stimme des Himmels. Es ist eines von 45 Registern der vollmechanischen Vleugels-Orgel in der Propsteikirche, die, wie der Kirchenmusiker erklärt, ein ganzes Orchester klanglich darstellen können. Bei diesem Orchester war es ursprünglich so, dass die Querflöte und die Unda maris noch nicht spielbereit waren, da diese Register zwar von den Orgelbauern vorbereitet, aber noch ohne Pfeifensatz geblieben waren und deshalb stumm blieben. Inzwischen sind beide Register funktionsfähig.
Besonders die Querflöte zählt zu Christof Rücks Lieblingsregistern. „Sie zeichnet sich durch einen schönen und sauberen Klang aus“, erklärt der Kantor. „Das hört man auch als Nicht-Musiker“, fügt er hinzu.
Die Nachrüstung erfolgte etwa 2022: Dank Unterstützung des Vereins zur Förderung der Kirchenmusik in der Pfarrei Heilig Geist konnten die Querflöte zum Klingen gebracht und die Pfeifen für die Unda maris eingebaut werden. Der Hauptteil des Geldes wurde bei der Matinee während des Wochenmarktes eingespielt. Weiteres Geld kam durch „Fans und Spender“ zusammen. Weiterhin fehlen jetzt noch drei Register: Basson 16 Fuß, Cornet 5-fach und Claron 4 Fuß im Hauptwerk. Ein Grund dafür ist, dass ein Register für die Orgel etwa 15.000 Euro kostet. Sie ist bei der Firma Vleugels als III/45 – Opus 320 gelistet.
In drei besondere Register hatte die damalige Propsteipfarrei allerdings beim Bau 1998 investiert und damit ihre Orgel zu einem ganz besonderen Einzelstück gemacht. Über den Kirchenmusiker wacht während seines Tastenspiels eine eiserne Muttkrat, das Jülicher Wappentier; und ihr ist auch ein eigenes Register zugeordnet. Wird der Klangzug bewegt, öffnet die Kröte das Maul und quakt – ein besonderes Schauspiel! Unterlegt werden kann es mit den zwei weiteren Effektregistern: dem Imber Iuliaci, dem Jülicher Regen, und Donnergrollen, bezeichnet mit Tympanon. Diese drei sollen an die Klänge der heimatlichen Natur erinnern und spannen den Bogen zur Bauzeit während der Landesgartenschau.
„Eine Orgel ist aber nicht einfach nur ein Instrument, sondern auch ein handwerkliches Meisterwerk, vor dem man unglaublich Respekt hat“, betont Christof Rück und öffnet die kleine Seitentür, durch die man das Innerste des Instrumentes betreten kann. Über schmale Leitern geht es bis zu den „Laden“, den Pfeifenstöcken und Rasterbrettern. Es gibt eckige und runde Pfeifen, solche aus Holz und Metall. „Sie sehen alle anders aus, weil jede Form einen besonderen Klang erzeugt, der einem Orchesterinstrument nachempfunden ist“, erläutert der Fachmann. Christof Rück sagt, er könne sogar alle Pfeifen, die zur Orgel gehören, am Klang erkennen – ganz ohne zu sehen, welche welche ist. Die Orgel verfügt über drei Manuale – also drei Tastenreihen zum Spielen – und zählt damit zu den größeren Instrumenten. Die drei verschiedenen Klaviaturen sind jeweils für unterschiedliche Bereiche des Orchesterklangs zuständig, und jedes Manual besitzt seine eigenen Register. „Alles, was hier steht, ist im zweiten Manual. Da hinten ist das dritte Manual, das sogenannte Schwellwerk“, weist der Organist auf einen Holzkasten hin, der über eine jalousie-ähnliche Vorrichtung verschlossen werden kann und so den Klang leiser werden lässt. Während die meisten Pfeifen frei stehen, sind die großen Prospektpfeifen so schwer, dass sie oben verankert werden müssen. „Sonst würden sie einsinken.“
Ohne das Handwerk kein Klang, erläutert der Kirchenmusiker weiter. Sein besonderes Lob gilt der „Intonation“, so wird das Verfahren genannt, wenn der Orgelbauer die Register, die Pfeifen neu einsetzt und den Klang bestimmt. Hier wird entschieden, ob die Töne lauter, leiser oder voluminöser werden. „Der Intonateur hat das ganz hervorragend gemacht“, sagt der Organist.
Aber einen Wunsch hat der Organist dennoch: „Was mir hier ein bisschen fehlt, ist eine Spielhilfe.“ Das ist ein Medium, mit dem Registerkombinationen von einem auf den nächsten Moment umgestellt werden können. Denn was dem Auge des Zuhörers verborgen bleibt: Ein Organist hat nie genügend Hände, und in Konzerten oder großen Messen steht ein „Assistent“ daneben und zieht die benötigten Register, die einer allein nicht bedienen kann. „Im Normalfall steht aber niemand neben mir, und das schränkt mich natürlich in der Auswahl der Stücke ein.“ Mit einer Spielhilfe wäre das Problem aus der Welt geschafft: „Da drücke ich nur auf einen Knopf“, und elektrisch gesteuert lassen sich die Register bewegen. „Das hat keinen Einfluss auf den Klang“, betont der Musiker.
Man merkt deutlich, dass die Orgel eines der wichtigsten Elemente während eines Gottesdienstes ist – das wird sogar in päpstlichen Dokumenten betont. Wer die Orgel in der Propsteikirche einmal selbst hören möchte, hat dazu an jedem dritten Samstag im Monat Gelegenheit: Dann findet in der Propsteikirche eine etwa 30-minütige Matinee statt.


















