Start Galerie Galerie 2026 Steine mitten im Leben

Steine mitten im Leben

10 Uhr morgens. Gesänge, Gebete und bedenkenswerte Worte klingen zuerst über die Kölnstraße, später in der Marktstraße. Ein historischer Moment für die Stadt Jülich und die Menschen, die hier leben und vor allem, die, die hier gelebt haben. Die ersten Stolpersteine werden verlegt.

68
0
TEILEN
Gunter Demnig bei der Verlegung der ersten Stolpersteine in Jülich. Foto: Volker Goebels
- Anzeige -

Das Lächeln berührt, die Worte sind versöhnlich und zugewandt. Ein besonderer Tag für Jülich. Die Nachfahren der einstigen jülicher Kaufmannsfamilie Voss sind aus den USA und Israel gekommen, um die Erinnerungsorte an der Kölnstraße 38 und Marktstraße 15 für ihre Eltern, Großeltern, Urgroßeltern, Onkel und Tante sichtbar zu machen. Obwohl ihre Angehörigen allein ihrer Zugehörigkeit zum Judentum wegen von den Nationalsozialisten in Deutschland um Hab, Gut und ihre Existenz gebracht wurden und letztlich einzig die Flucht vor dem Terrorregime ihr Überleben rettete, ist der Geist der Aussöhnung zu spüren. Naomi Voss dankte auf Deutsch für die Teilhabe an einem Projekt, in dem die „nächste Generation Geschichte nicht nur aus Büchern lernt, sondern durch den direkten Dialog der Nachfahren“. Als Tochter von Joseph Manfred, der mit seinen Eltern erst nach Palästina und später in die USA emigrierte, war sie bereits zweimal in Jülich. Ihr Vater habe Deutschland geliebt, sagt sie lächend, und immer vom Schwanenteich erzählt. Sie und ihre Kinder hätten ihn jetzt selbst schon sehen können. Es sei gut, dass ihre Familie auch an diesem Tag dabei sei. Auch die „junge Familie“ brachte sich auch in diesen feierlichen Akt ein: Sarah, Jeremy und Joshua Voss sowie Daniel und Ruth Potter berührten die Anwesenden mit ihren Worten, ihrem Gesang und Gebeten. Die Familie Horn, so Noami Voss, hätten keine Nachkommen, die hier sein könnten. Aber auch ihnen gelte das Erinnern und die Ehrung.

Für sie ergriff Sarah Basic, Mitglied der jüdischen Gemeinde in Düsseldorf und außerdem Vorstandsvorsitzende der iranisch-jüdischen Hochschulgruppe in Düsseldorf, am letzten selbstgewählten Wohnort der Horns, Kölnstr. 30, das Wort. „Philipp und Rosa Horn hatten keine Kinder. Aber sie haben heute Stimmen. In uns. In diesen Steinen.“ Die Stolpersteine seien nicht nur Mahnung an die Erinnerung, sondern vor allem Verantwortung für die Zukunft. Das Verbrechen habe nicht mit der Ermordung begonnen, sondern bereits mit dem Schweigen und dem Wegsehen zuvor, als „dieses Haus nicht mehr Schutz war, sondern ein Ort auf Zeit.“ Die Stolpersteine seien darum kein Zeichen. „Schau, wie schlimm es war. Sie fragen: Was tust du heute? Wo schaust du weg? Wo bleibst du still? Und wo wäre es notwendig, den eigenen Standpunkt neu zu justieren?“ formulierte die Studentin.

- Anzeige -

Das „Wachbleiben“ war auch die Botschaft von Rabbi Benzion Kaplan. Gerade darum liege der Stein dort, wo das Leben war und auch ist, „mitten in der Stadt, mitten im Weg“. Wer den Stein lese, der verneige sich „vor einem Leben, vor einer Geschichte.“ Es gehe nicht darum „Schuld zu verwalten, sondern um Menschlichkeit zu stärken.“ Und das bedeutet auch, durch Erinnern zu erreichen, dass niemand durch Vergessen ein zweites Mal ausgelöscht werde. „Erinnerung ist nicht nur Rückblick. Sie ist Verantwortung. Wer erinnert, schützt die Würde der Opfer.“ Mit der ersten Verlegung habe die Stadt Jülich hierzu einen wichtigen Schritt getan. „Möge dieser erste Schritt in Jülich ein Anfang sein, der weitergeht. Stein für Stein, Name für Name. Nicht um Schuld zu verwalten, sondern um Menschlichkeit zu stärken. Nicht um in Trauer stecken zu bleiben, sondern um wach zu bleiben.“

Die Nachfahren der Familie Voss in der Marktstraße, dem letzten Wohnsitz von Vater, Großvater und Onkel. Foto: Dorothée Schenk
Die Lebensbilder von Anna Voss, Philipp und Rosa Horn, sowie der Familie Hugo und Hannah Voss mit Sohn Joseph Manfred sowie Hugos Bruder Hans ließen die Schülerinnen und Schüler vom Gymnasium Haus Overbach an den Wohnorten lebendig werden. (Anm. d. Red. Sie sind seit heute Morgen 9 Uhr in der WDR-App Stolpersteine und online nachzulesen) Währenddessen verlegt Künstler Gunter Demnig ganz in sich gekehrt und still die Stolpersteine. Sorgfältig hebt er die vorbereiteten Steine aus dem Pflaster, setzt sie probehalber wieder ein, grundiert, setzt den Stolperstein und die ihn umgebenden Pflastersteine wieder ein, vollendet sein Werk. Der Mann, der das Projekt erst möglich gemacht hat, bleibt an diesem Tag weitgehend unbeachtet und auch unerwähnt. Es wirkt, als stelle er sich einzig in den Dienst seiner selbstgestellten Aufgabe, die er seit 1992 erfüllt. Völlig unauffällig packt er nach der Verlegung des letzten Steines seine Utensilien zusammen und verlässt ohne ein Wort das Geschehen. Sein Werk ist getan, Worte bleiben für die anderen, die Hinterbliebenen, die Schülerschaft, die Initiatoren, die es möglich machten.

„Ich freue mich sehr, dass die Resonanz so groß ist. Damit hatte ich nicht gerechnet“, sagt ein sichtlich bewegter Gereon Langen, Sprecher des Rotary Clubs Herzogtum Jülich, angesichts der rund 200-köpfigen Schar an Interessierten. Gemeinsam mit dem Gymnasium Haus Overbach hatte der Club Initiative ergriffen und sich auf den Weg gemacht, das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus in Jülich sichtbar zu machen. Viele Wege sind gegangen worden, Recherchen betrieben, Telefonate geführt, sogar Zoom-Konferenzen „über den großen Teich“ haben stattgefunden, bis es zu diesem entscheidenden Moment kommen konnte. Die Stolpersteine seien Mahnung und Auftrag zugleich, „einer Ausgrenzung in unserer Gesellschaft entgegenzutreten.“ Die Stolpersteine brächten das Gedenken zurück in „unsere Straßen, in die Mitte der Gesellschaft, in die Mitte der Stadt, vor die Häuser wo die Menschen gelebt haben. Als Nachbarn, als Bekannte als Freunde, einfach mitten unter uns.“ Der Dank ging an die Stadt Jülich und die politischen Fraktionen für den einstimmigen Ratsbeschluss im vergangenen Jahr, der dieses Vorhaben möglich gemacht habe.

Vergangenheit begegnet der Gegenwart: Jeremy Voss fotografiert das Bild seines Großvaters. Foto: Gisa Stein

Ergriffen zeigte sich im anschließenden Empfang im Rathaus auch Bürgermeister Axel Fuchs. Die Steine lägen an Orten, an denen täglich Hunderte, manchmal auch Tausende vorbeigehen würden. Er forderte die Menschen auf, einmal mit geschlossenen Augen vor den Steinen innezuhalten, und zu lauschen auf das Leben in der Stadt und vielleicht würde der eine oder andere dabei auch die wunderbaren jüdischen Klänge hören, wie sie schon bei der Verlegung der Stolpersteine erklungen seien. Er sei dankbar für die Initiative und dankte ausdrücklich Gereon Langen für die Veranstaltung, die vor allem von Würde gezeichnet gewesen sei, die ihr gebühre.

Das Projekt Stolpersteine wird Rotary, die Schülerschaft der Stadt, das Archiv und die Menschen in und um Jülich noch viele Jahre begleiten. „Ich hoffe, dass wir weiterhin in Kontakt bleiben“, sagte Naomi Voss. Worte, die in die Zukunft weisen und sicher auch als Auftrag zu verstehen sind.

Zur Chronologie des Projekts Stolpersteine.

Fotos: Volker Goebels, Dorothée Schenk und Gisa Stein

Link zur Galerie für alle App-Nutzer


§ 1 Der Kommentar entspricht im Printprodukt dem Leserbrief. Erwartet wird, dass die Schreiber von Kommentaren diese mit ihren Klarnamen unterzeichnen.
§ 2 Ein Recht auf Veröffentlichung besteht nicht.
§ 3 Eine Veröffentlichung wird verweigert, wenn der Schreiber nicht zu identifizieren ist und sich aus der Veröffentlichung des Kommentares aus den §§< 824 BGB (Kreditgefährdung) und 186 StGB (üble Nachrede) ergibt.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here