Der Samstagnachmittag hatte sich – irgendwie passend zum Thema – in ein graues, windiges, unverhofft kaltes Gewand gehüllt. Das jedoch minderte das große Interesse nicht. Auf dem Kirchberger Dorfplatz versammelte sich eine, zumindest für den Referenten selbst, überraschend große Menschenmenge. Die Resonanz sei doch deutlich größer als erwartet, freute sich Timo Ohrndorf und entschuldigte sich im nächsten Atemzug für die nun nicht ausreichende Zahl der Ausdrucke.

Begleitend zu seinem Vorort-Vortrag zur Villa Buth und ihrer wechselvollen Geschichte hatte Historiker Ohrndorf ein knapp 20 Seiten starkes Papier mit historischen Aufnahmen, Kartenausschnitten, Luftbildern, Lebensdaten und Porträtfotos an sein Publikum verteilt. Gemeinsam machte sich die rund 40 Menschen große Gruppe auf „eine Zeitreise in den März 1941“ und folgte dabei im Wortsinne den Spuren derer, die damals in der zum sogenannten „Judensammellager“ umfunktionierten Fabrikantenvilla eingepfercht wurden.
Ohrndorf zeichnete eindrucksvolle Bilder, etwa wenn er auf den Fußweg gegenüber der Villa wies und von den zwei Mädchen erzählte, die dort entlanggingen. Eine von ihnen, die damals achtjährige Friederike van der Weyden, durfte das erzwungene „Zuhause“ für einen Tag verlassen, um an der Beisetzung ihres Opas teilzunehmen – auch er ein Opfer des Naziterrors. Auch lenkte Ohrndorf den Blick auf die massive Mauer, von der die Villa Buth seit ihrer Erbauung eingerahmt wird. Dort prangte damals in unübersehbaren weißen Lettern der Schriftzug „Juda verrecke“.
Erbaut wurde das heute reichlich mitgenommen aussehende Anwesen Ende des 19. Jahrhunderts vom Papierfabrikanten Carl Eichhorn, bewohnt wurde das 20 Zimmer zählende Haus von seiner Tochter Clara und deren Ehemann Emil Buth. Der Namensgeber starb 1925, seine zweite Ehefrau lebte noch weitere sieben Jahre dort. Aber „der Verfall der Villa begann im Prinzip schon mit dem Tod von Emil Buth“, konstatierte Timo Ohrndorf, der sich in seiner laufenden Promotion mit der Geschichte des Gebäudes befasst.
Der Rundgang durch Kirchberg im Rahmen der Reihe „Zu Gast in….“ des Jülicher Geschichtsvereins führte von der Villa Buth unter anderem zum „Tante Emma-Laden“ der Familie Krudewig. In der damaligen Dorfstraße (heute Fronhofstraße) durften die Insassen einkaufen. Den Weg dorthin durften sie allerdings nicht frei wählen, selbst die Straßenseite war vorgeschrieben – auch das etwas, das Timo Ohrndorf gemeinsam mit den Teilnehmenden der Führung nachvollzog.
Am Ende dieses besonderen Rundwegs durch Kirchberg standen neben den vielen, teilweise vielleicht schon bekannten Fakten, eine ganze Reihe neuer Einblicke, die durch den engagierten „Reiseleiter“ Timo Ohrndorf auf besondere Weise lebendig wurden und dem stummen Zeitzeugen „Villa Buth“ ein anderes, vielschichtigeres Gesicht verliehen. Nach wie vor wird an vielen Stellen diskutiert, ob die Villa nun abgerissen werden soll und darf oder ob an dieser „Zwischenstation zum Holocaust“ eine dauerhafte Gedenkstätte eingerichtet werden sollte. Zur Chronologie der Ereignisse rund um die Villa Buth.



















