
Für viele Menschen ist die Frage nach dem Lieblingsbuch eine sehr private Angelegenheit, die Einblicke gibt. Und dennoch regt die Diskussion dabei oftmals Inspiration für das eigene Lesevergnügen an. Darum mag es wenig verwundern, dass bei der Literaturmatinee der VHS Jülicher Land fast kein Stuhl frei blieb.
Während vom Dachfenster der schönste Sonntagmorgen-Sonnenschein auf die Runde fiel, stellten sieben Jülicher Persönlichkeiten im Untergeschoss der herzogstädtischen Stadtbücherei für sie wertvolle Lesestücke vor. Konzipiert und organisiert hatte Gudrun Kaschluhn, deren Moderation auch durch die Veranstaltung führte. Und was lesen nun die Jülicherinnen und Jülicher? Diese Frage ist offenbar gar nicht so leicht zu beantworten. Die Vorträge an diesem Morgen waren so bunt gemischt, wie sie nur sein könnten.
Für Birgit Kasberg, Leiterin der Stadtbücherei und damit Hausherrin des Geschehens, war es ein historischer Roman. Mit „Haribo – So schmeckt das Glück“ von Katharina von der Lane stellte sie einen Roman vor, der ihr besonders am Herzen liegt Schließlich hatte sie als Bonner Studentin den Geruch der Haribo-Süßwaren in der Nase, und aufgewachsen war sie mit dem Kinkartz-Werksgeruch in Broichweiden. Über die Entdeckung des Jülicher Rübenkampagnen-Geruchs vor 33 Jahren sagte sie: „Ich bin ein Süßigkeiten-Junkie, ich liebe diese Gerüche und ich habe mich auch mit den Zuckerrüben angefreundet.“ Stadtgerüche haben in ihrem Leben offenbar Muster.
Weniger prosaisch, dafür zitatreich stellte Susanne Kalkowski, VHS-Fachbereichsleiterin für Gesundheit, Kultur und Kreativität, das Sachbuch „Prinzip Menschlichkeit: Warum wir von Natur aus kooperieren“ von Joachim Bauer vor. Etwas überraschend für ihren Fachbereich, doch für den andererseits angedachten „völlig durchgeknallten Science-Fiction-Roman nach dem Stil der britischen Komikertruppe Monty Python“ hätte sie sich nach eigenen Angaben mehr einlesen müssen. Und dass ihr dieses Buch ein treuer Begleiter und womöglich Handbuch für die beschriebenen Themen „Leben“, „Miteinander“ und „Beziehungen“ war, ließ der Zustand ihrer einigermaßen zerlesenen Ausgabe vermuten.
Ganz im Gegenteil dazu las Bürgermeister Axel Fuchs gar keine Zitate vor – sondern erzählte mit viel, vom Publikum goutierten Humor sowie reichlich historischen Fakten frei von seiner Vorliebe für Georges Simenons Maigret-Romane. Alle 75 habe er gelesen – und sich bei einem Betriebsausflug als Einziger für eine Maigret-Führung angemeldet. Dazu gab Fuchs einen kurzen inneren Einblick: „Man denkt ja beim Lesen mit, und ich denke [bei Maigret, Anm. d. Red.] in schwarz-weiß.“ Das hinge möglicherweise mit den alten Verfilmungen zusammen.
Einen vielbesprochenen Lesetipp gab die Leiterin der Nord-Apotheke, Eva Marx, mit „Der Pfau“ von Isabel Bogdan. Als Fund in einer Augsburger Buchhandlung zu ihr gekommen, habe sich dieses leicht geschriebene Erstlingswerk als Favorit etabliert. Ein Vortrag, in dem Marx von immer neuen überraschenden Wendungen sowie der Darstellung zwischenmenschlicher Schwächen, Stärken und Beziehungen schwärmte. Auch, wenn die fehlenden direkten Dialoge vielleicht zunächst seltsam anmuteten. Sie schloss: „Wenn Sie es lesen, werden Sie die ganze Zeit schmunzeln. Lachen und schmunzeln.“
Tiefgründiger war der Buchtipp von Dorothée Schenk. Als Chefredakteurin des HERZOGs müsse sie, ebenso wie Bürgermeister Fuchs bereits angemerkt hatte, arbeitsbedingt täglich viel lesen. Doch sei gerade das freie Lesen nicht nur als Auszeit wichtig, sondern auch als Nahrung für die Seele, Fantasiebeflügelung und eine Quelle „neuer Wörter“. Beeindruckend sei Velma Wallis’ „Zwei Alte Frauen“, denn es gehe um eine Art Generationenvertrag: „Wie gehen wir als Gesellschaft mit dem Altern und den Alten um?“ Aber auch, so zu erkennen aus dem restlichen Vortrag, um das eigene Selbstbild. Dazugehörend die Selbstinszenierung in einer Gesellschaft sowie der Punkt, an dem man das Bild selbst glaubt, und die Frage, ob man nicht vielleicht mehr kann, als man sich zutraut.
Mit kurzen Einblicken riss Pfarrer Udo Lenzig hingegen das bandreiche Werk Karl Mays an. Während er eine Biografie vorausschickte, in der er auch die kriminelle Zeit Mays, die Hochstapelei sowie die Personifizierung der eigenen Figuren ansprach, ordnete er für sich ein, dass er im Kontext des europäischen Kolonialismus-Zeitalters Karl May als Kolonialismus-Kritiker verstehe. Er habe als Erster eine Sympathie für die amerikanischen Ureinwohner, deren Schicksal ein Jahrhundert zuvor dem der kolonisierten Völker seiner Zeit glich, hervorgerufen. Ebenso beschrieb Lenzig Beispiele, aus denen man etwas lernen könne. Dazu gehörte eine Stelle aus dem Orient-Zyklus, an dem beim Begräbnis eines arabischen Scheichs ein Christ sowie zwei Sunniten und ein Schiit Suren gesprochen hätten. Diese Szene sei „weiter“ als wir bei heutigen Veranstaltungen, die etwa bei Schuljahresfeiern Christen von Moslems trennten, kommentierte der Pfarrer. Und schließlich nannte er eine Stelle aus einer Reihe, in der es Lenzig zufolge um Versöhnung, Frieden und Nächstenliebe gehe. Dort belehrt eine Figur Mays, dass man Besiegten nicht alles wegnehme, weil sie sonst nichts mehr hätten und kriminell würden. Man nehme ihnen nur, womit Schaden angerichtet werden könne und gehe als Freunde auseinander.
Den Abschluss machte Kunstvereinsvorsitzender Peer Kling mit einem sehr persönlichen Werk. Emotional trug er einen Text seines Vaters vor, der offenbar in einer im Selbstverlag erschienenen Anthologie veröffentlicht wurde und sich um den Tod – oder „la mort“ – drehte. Hier schienen sich biografische Begegnungen mit dem Tod, besonders im Kontext des Krieges, zu sammeln. Diese wurden dabei fast schon mit einem Spielanteil vorgetragen. Kling merkte an, dass der anscheinend plötzliche Tod seines Vaters – ganz im Gegenteil zum Text, in dem es fast schon Ausweichmomente gibt, da „la mort“ ihn für „noch nicht reif“ befindet – in ihm ein Interesse für Friedhöfe, das Sterben und den Umgang verschiedener Kulturen damit geweckt habe.
Was für das Publikum blieb, waren viele neue Einblicke, mögliche Kauf- oder Ausleihstücke sowie Nachdenkmomente für den Rest des Wochenendtages.


















