
Manchmal erzählt ein Gebäude seine Geschichte schon auf den ersten Blick. Die Klinkerfassade an der Jülicher Mühlenstraße 14 gehört zu diesen Häusern. Rund hundert Jahre lang war es bis Sommer 2025 Sitz der Bauunternehmung Lamers. Nun wird es neu belebt – ohne seine Seele zu verlieren. Seit einem halben Jahr haben neue Ideen Einzug gehalten: die Rheinische Baubetreuungs- und Wohnungsbau-Gesellschaft – kurz Rheinbau GmbH, das Architekturbüro Reinhard Windt und Werx, die Goldschmiede von Peggy Richter.
Eine Konstellation, die auf den ersten Blick ungewöhnlich wirkt. Auf den zweiten dagegen erstaunlich logisch. Denn hier geht es nicht einfach um einen Umzug. Es geht um Haltung. Um den bewussten Umgang mit Bestand. Um Nachhaltigkeit, die mehr ist als ein Modewort. Und darum, einem alten Gebäude neues Leben einzuhauchen, statt es abzureißen.
Früh stand fest: Dieses Haus soll bleiben. Nicht aus Denkmalschutzgründen – das Gebäude steht gar nicht unter Schutz, sondern aus Respekt. „Man muss nicht unbedingt Denkmalschutz haben, um mit einem Gebäude respektvoll umzugehen“, sagt Architekt Reinhard Windt. Und genau dieser Gedanke zieht sich durch das gesamte Projekt.
Die Rheinbau GmbH, seit 1958 in Jülich verwurzelt, suchte neue Räume. Die alten Büros in der Römerstraße waren funktional, aber eng geworden. Parkplatzprobleme inklusive. Gleichzeitig stand fest: Die Bauunternehmung Lamers zieht in den Brainergy Park. Vor Platzproblemen stand gleichermaßen das expandierende Architekturbüro Windt, das in der alten Druckerei „Fischer“ beheimatet war. Die beiden Unternehmen kannten sich nicht nur, sie waren einander bereits vertraut – zuletzt durch das kreisweit einzigartige Modellvorhaben des inklusiven Wohnens auf dem Areal an der alten Ziegelei. Darum klopfte das Geschäftsführer-Duo der Rheinbau GmbH Anke Dohmen und Oliver Weißenbach gerne beim Partner Windt an und konnte ihn für das gemeinsame Büro-Projekt gewinnen.
Die Parteien warfen ihre Kompetenz in die Waagschale bei der Frage: Was also tun mit dem traditionsreichen Gebäude? Die Antwort entstand beinahe spontan – und entwickelte schnell eine eigene Dynamik. Heute verbindet das sanierte Haus alte Substanz mit moderner Technik. Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach, Wärmepumpensysteme für Heizung und Kühlung, neue Leitungen, moderne Arbeitsplätze. Nachhaltige Technik, ohne die äußere Gestalt des Gebäudes zu zerstören. Gerade die charakteristische Klinkerfassade sollte erhalten bleiben. „Wenn man außen einfach Wärmedämmung aufsetzt, verändert das den Charakter des Hauses komplett“, sagt Windt. Stattdessen entschied man sich für einen sensiblen Umgang mit dem Bestand – und gegen den schnellen Abriss.
Ein Ansatz, der zum Architekten passt. Seit Jahren setzt Windt auf Umbauten und Weiterentwicklung vorhandener Gebäude. „Wir haben in Deutschland so viele leerstehende Immobilien, die man mit etwas Liebe und auch etwas Geld wunderbar nutzen kann“, sagt er. Alte Gebäude verfallen zu lassen, sei für ihn keine Option. Und so entstand hier nicht einfach ein Bürohaus, sondern ein gemeinsamer Arbeitsort mit Synergieeffekten.
Die Rheinbau GmbH nutzt die oberen Etagen, die Vermietungsabteilung blieb bewusst im Erdgeschoss – nah an den Menschen. Das Architekturbüro fand Raum zum Wachsen. Glas statt enger Wände, kurze Wege statt abgeschotteter Abteilungen. Und dann kam noch ein dritter Baustein hinzu. Oder genauer: eine Frau, die mit Steinen arbeitet.

Goldschmiedin Peggy Richter zog mit ihrer Werkstatt in das alte Gebäude ein. Noch heute existiert die alte Schmiede der Bauunternehmung – jetzt lebt die handwerkliche Tradition in neuer Form weiter. Die Verbindung könnte kaum schöner sein. „So ist zu dieser alten Schmiede eine Goldschmiede dazugekommen“, sagt Richter lächelnd. Die gebürtige Erfurterin ist auf Umwegen über Franken und China in die Städteregion Aachen gekommen. In Jülich entsteht künftig in Eigenregie zwischen schweren alten Türen, gesicherten Fenstern und historischem Gemäuer Schmuck im „Werx“, der eigenen Werkstatt. Der Firmenname ist schon ein kleines Kunstwerk: entstanden aus dem englischen Wort „work“, „Werk“ und der Suche nach etwas Eigenem.
Und plötzlich ergibt alles Sinn. Denn zu Hausverwaltung und Wohnungsbau kommt architektonische Kompetenz. Bausteine können durch Planung auch im übertragenen Sinne zum „Edelstein“ werden – alles gemeinsam entsteht mit Geduld, Handwerk und dem Blick für das Bleibende. Nicht jeder Stein passe zu jedem Menschen, sagt die Goldschmiedin. Schmuck müsse zum Träger passen, zur Situation, zum Leben. Vielleicht gilt genau das auch für Gebäude.
Dieses Haus jedenfalls scheint seine neue Bestimmung gefunden zu haben. Die alten Mauern erzählen weiter Geschichte – nur mit neuen Stimmen.




















