Start Magazin Gesundheit Gesellschaftlich akzeptiertes Gift

Gesellschaftlich akzeptiertes Gift

Das Glas Wein am Feierabend empfinden viele als harmlos. Doch welche gravierenden Folgen chronischer Alkoholkonsum hat, beleuchtete das Forum „Risiken erkennen, Wege finden“ im Krankenhaus Jülich. Die Veranstaltung im Rahmen der bundesweiten Aktionswoche Alkohol wurde von der Klinik, der Selbsthilfegruppe „Harmonie“ und der Selbsthilfe-Kontaktstelle des Paritätischen NRW im Kreis Düren organisiert. Sie vereinte medizinische Aufklärung mit regionalen Hilfsangeboten.

0
0
TEILEN
Die Gesichter hinter dem Alkohol-Forum. Foto: ZieL.media / C. Lammertz
- Anzeige -

Wie dringend Aufklärung zum Thema Alkohol ist, belegen die Zahlen: In Deutschland haben rund 12,5 Millionen Menschen – etwa 15 Prozent der Bevölkerung – einen gesundheitsschädigenden Alkoholkonsum. 2,2 Millionen gelten als alkoholabhängig. Jährlich sterben hierzulande bis zu 50.000 Menschen an den Folgen.

„Alkohol ist ein Gift“, betonte Uwe Domogalski, Leitender Oberarzt der Inneren Medizin und Gastroenterologie im Krankenhaus Jülich. Aus wissenschaftlicher Sicht existiert keine risikofreie Schwellendosis. Die Medizin empfiehlt heute die Abstinenz, also null Gramm Alkohol pro Woche. Beim Abbau von Ethanol entsteht in der Leber das hochtoxische Acetaldehyd, das systemische Schäden im gesamten Organismus verursacht, erklärte der Mediziner. Da die Leber schmerzunempfindlich ist, verlaufe die Schädigung oft jahrelang unbemerkt. Die Kaskade reiche von der Fettleber über die Hepatitis bis zur Leberzirrhose: „Bei einer dekompensierten Zirrhose drohen lebensgefährliche Krampfaderblutungen in der Speiseröhre, Bauchwasser oder schwere Bewusstseinstrübungen. Die Sterblichkeitsrate liegt hier bei 50 Prozent innerhalb eines Jahres“, betonte Uwe Domogalski. Er wies aber auch auf die Regenerationsfähigkeit des Organs hin. Mit einer Ultraschall-Lebersteifigkeitsmessung lasse sich der Zustand exakt bestimmen. Rechtzeitige, konsequente Abstinenz könne selbst fortgeschrittene Fibrosewerte wieder senken.

- Anzeige -

Der Internist zeichnete das Bild einer Erkrankung, die nicht nur die Leber, sondern nahezu jedes Organsystem zerstört: Neurotoxische Zellverluste führen zu kognitiven Einbußen bis hin zur Demenz. Schäden im Kleinhirn verursachen Gangstörungen, während eine Polyneuropathie zu Taubheitsgefühlen in den Beinen führt. Eine alkoholische Kardiomyopathie schwächt den Herzmuskel dauerhaft. Zudem drohen Herzrhythmusstörungen wie Vorhofflimmern – oft schon im mittleren Alter. Eine akute Entzündung der Bauchspeicheldrüse verläuft in bis zu 30 Prozent der Fälle tödlich.

Da der körperliche Entzug meist nur der erste Schritt ist und Alltagstrigger Rückfälle begünstigen, ging es im Jülicher Forum auch um die wichtige Frage, wie abstinentes Leben möglich ist. Ingrid Frieda Buchkremer, Vorsitzende der Selbsthilfegruppe „Harmonie“, stellte vor, wie groß die Unterstützung in der Gruppe für Betroffene und Angehörige ist. „Die Gruppe bietet einen geschützten Raum auf Basis von Freiwilligkeit und gegenseitigem Verständnis“, berichtete die Vorsitzende. Neben regelmäßigen Gesprächen setzt die „Harmonie“ auf alkoholfreie Geselligkeit bei Ausflügen und Festen. „Auch ohne Alkohol kann man lustig sein und viel Freude am Leben haben“, betonte Ingrid Frieda Buchkremer. Angehörige seien in der Gruppe herzlich willkommen, da Sucht immer das gesamte familiäre Umfeld betrifft. Ein Gruppenmitglied schilderte im Anschluss sehr eindringlich seine persönliche Suchtgeschichte und den beeindruckenden Erfolg von 30 Jahren gelebter Abstinenz.

Das Forum verdeutlichte auch die enge Vernetzung der regionalen Hilfsangebote im Kreis Düren, die sich vor Ort präsentierten: die Selbsthilfe-Kontaktstelle des Paritätischen NRW, die von Anja Jahn als zentrale Vermittlungsinstanz vorgestellt wurde, der Sozialpsychiatrische Dienst des Kreises Düren, für den Petra Schmitz-Blankertz die Unterstützung bei psychischen Auswirkungen einer Alkoholabhängigkeit erläuterte, und der Caritasverband Düren-Jülich, dessen Vertreterin Silvia Zaunbrecher über die Angebote der Suchtberatung informierte. Es wurde deutlich: Der Weg aus der Abhängigkeit ist komplex, aber Betroffene finden vor Ort ein engmaschiges Unterstützungssystem.


§ 1 Der Kommentar entspricht im Printprodukt dem Leserbrief. Erwartet wird, dass die Schreiber von Kommentaren diese mit ihren Klarnamen unterzeichnen.
§ 2 Ein Recht auf Veröffentlichung besteht nicht.
§ 3 Eine Veröffentlichung wird verweigert, wenn der Schreiber nicht zu identifizieren ist und sich aus der Veröffentlichung des Kommentares aus den §§< 824 BGB (Kreditgefährdung) und 186 StGB (üble Nachrede) ergibt.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here