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Zehn Minuten für die Zukunft

Sechs Forschende zeigen beim „Green Science Slam“, wie spanend Wissenschaft sein kann und wie nachhaltige Ideen die Zukunft des Rheinischen Reviers verändern könnten.

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Umwelt auf der Spur: Anna Herzog "slammte" sich auf die Siegerposition. Foto: Judith Volkmer
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Warum verschwindet aus der größten Müllverbrennungsanlage in der Gegend auf einmal der Müll? Kann eine Batterie zur Superheldin werden? Und was haben Arnika-Blüten, Streuselbrötchen, Schaumbäder und Zuckerrüben mit der Zukunft des Rheinischen Reviers zu tun? Diese Fragen standen im Mittelpunkt des „Green Science Slam“ im Kulturbahnhof. Statt klassischen Fachvorträgen, verwandelten sechs Forschende ihre wissenschaftliche Arbeit in Geschichten, Theaterstücke und sogar einen Detektivfall.

Schon vor Beginn lag eine erwartungsvolle Stimmung in der Luft. Während das Publikum nach und nach seine Plätze einnahm, wurde bei Getränken geplaudert und diskutiert. Studierende saßen neben älteren Gästen, überall waren angeregte Gespräche zu hören. Kurz vor Veranstaltungsbeginn füllte sich der Saal bis auf wenige freie Plätze. Der Abend beschäftigte sich vor allem mit der Bioökonomie sowie der Frage, wie sich unsere Zukunft nachhaltiger gestalten lässt und wie fossile Rohstoffe durch neue Alternativen ersetzt werden können. Wer bereits früher gekommen war, konnte am Eingang schon einen Vorgeschmack auf das Thema des Abends erhalten. Dort hatte Anke Krüger, die Stellvertretende Leiterin der Koordinierungsstelle BioökonomieREVIER und Leiterin der Kommunikation, einen liebevoll gestalteten Informationstisch aufgebaut. Zwischen Kaffeeersatz, Cremes, Holzfaser T-Shirt, Pflanzeninformationen und verschiedensten Produkten der Bioökonomie wurde schnell deutlich: Die Frage, wie wir in Zukunft nachhaltiger leben können, betrifft schon jetzt längst unseren Alltag.

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Moderiert wurde die Veranstaltung von den Poetry Slam Profis Oscar Malinowski und Lukas Knoben von satznachvorn, die schon zu Beginn für eine aufgeheiterte Stimmung sorgten. Mit Sprüchen wie „Rastet aus“ und „Habt ihr Bock?“ starteten die beiden unter tosenden Applaus in den Abend. Doch bevor die Wissenschaft begann, wurde erst einmal das Bewertung System getestet. Wie klingt ein Slam, der nur 1 von 10 Punkten bekommen hat? Der kurze, lustlose Applaus wurde sofort kommentiert: „Boar Jülich, Verachtung, das könnt ihr“. Beim anschließenden Test für zehn Punkte bebte der Saal deutlich stärker. Auch eine Applausrakete durfte nicht fehlen. Diese leiteten die Moderatoren mit einem Vergleich zu Karneval an, wobei dann ein Mann sofort aus dem Publikum „Alaaf“ rief. Die Bühne war an diesem Abend Neuland für alle Teilnehmenden. Zwar verbringen die Forschenden einen Großteil ihres Alltags mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit, doch der Science Slam stellte sie vor eine ganz andere Art von Herausforderung: An diesem Abend wurde nicht ihre Forschung bewertet, sondern die Art, wie sie darüber sprachen. Die Aufgabe: Komplexe Forschung verständlich erklären, das Publikum begeistern und dabei das Zeitlimit von zehn Minuten einhalten. Bewertet wurde dabei direkt aus dem Publikum heraus: Jede Person der Jury hielt Zahlenkarten von 1 bis 10 hoch und vergab so ihre Punkte für die einzelnen Vorträge.

Foto: Judith Volkmer

Den Anfang machte Adrian Herrmann von der RWTH Aachen. Sein Vortrag „Natis großer Traum“, welcher ursprünglich den Titel „Salz des Lebens, wie Batterien die Umwelt retten können“ hatte, handelte von „Nati“ beziehungsweise Natalie und ihrem Hund Ergon. Erst nach und nach stellte sich heraus, dass sich hinter den Figuren eigentlich Natrium und ein Elektron verbargen. Mit viel Humor erklärte Adrian Herrmann die Unterschiede zwischen Natrium-Ionen Batterien und Lithium-Ionen-Batterien und zeigte, warum beide Technologien für die Energiewende wichtig sein könnten.

Dass Wissenschaft und Schauspiel durchaus zusammenpassen, bewies anschließend Mark Müller-Linow vom Forschungszentrum Jülich. In seinem Vortrag „Arnika sucht Landwirt“ schlüpfte er abwechselnd in die Rolle eines Forschers und eines Landwirts. Mit wechselnder Stimme, Mimik und Gestik entwickelte sich sein Beitrag beinahe zu einem kleinen Bühnenstück. Dabei erklärte er die Chancen der Arnikapflanze für die Bioökonomie im Rheinischen Revier und die Herausforderung ihrer Ernte. Für einen Schmunzler sorgte sein Satz: „Für uns ist es auch mal toll, durch Felder zu laufen und etwas Gelbes zu sehen, das nicht Raps ist“. Zudem verschenkte er ins Publikum eine Blume.

Den größten Applaus des Abends erhielt schließlich Dr. Anna Herzog. Mit Trenchcoat, Detektivmütze und einer Kiste Beweisstücke eröffnete sie einen ungewöhnlichen Ermittlungsfall. Ein Betreiber der größten Müllverbrennungsanlage der Gegend hatte sie beauftragt, herauszufinden, warum plötzlich kein Müll mehr ankommt. Gemeinsam mit dem Publikum folgten sie den Spuren verschwundener Abfälle in Handwerksgewerken und zeigten dabei, wie aus vermeintlichem Müll wertvolle Rohstoffe werden können. Haare etwa können Öl aus Gewässern aufnehmen, während aus biologisch abbaubaren Urnen sogar später ein Baum wachsen kann. Wissenschaft und Detektivgeschichte und positive Ergebnisse in der Nachhaltigkeitsentwicklung, das überzeugte das Publikum samt Jury gleichermaßen.

Auch Thomas Steinmann von der RWTH Aachen nahm die Besucher und Besucherinnen mit auf eine Reise durch den Alltag. In seinem Vortrag „Zucker macht Fett“ stellte er die Frage, woher die zahlreichen Öle stammen, die in den alltäglichen Kosmetikprodukten unserer Kulturtaschen enthalten sind. Er veranschaulichte mit Bildern, dass für diese sämtliche Regenwälder gerodet werden, die den Tieren ihren Lebensraum nehmen. Seine Lösung: Öle aus Zucker, industriell hergestellt mithilfe von Pilzkulturen aus Maisfeldern. Eine Idee, die besonders gut in die Region der Zuckerrüben passt.

Laura Barth widmete sich anschließend einem Stoff, über den die meisten Menschen wohl eher selten nachdenken: Schaum. Sie zeigte, wie schwierig es ist, nachhaltige Alternativen zu den heute üblichen erdölbasierten Badeschäumen zu entwickeln. Wie sie eine Möglichkeit entwickelte und wie viel Forschung hinter alltäglichen Materialien steckt, zeigte sie mit beleuchteten Reagenzgläsern und einem Bild der Konstruktion ihres Schaumapparates. Amüsiert erinnerte sie an ein bekanntes Zitat von Johann Wolfgang von Goethe: „Träume sind Schäume“.

Den Abschluss machte Christoph Nasgowitz mit seinem Vortrag „Alle wollen Zukunft, niemand will auf die Nebenbühne“. Anders als die anderen Slammer und Slammerinnen sprach er nicht über Pflanzen oder Materialien, sondern über die Menschen hinter den Innovationsprozessen. Wie werden Entscheidungen getroffen? Wer wird gefördert? Und wie lassen sich unterschiedliche Interessen miteinander vereinen? „Zukunft passiert nicht einfach, Zukunft wird gemacht“, verkündete er eindrucksvoll. Zwischen den ganzen Ideen steckt nämlich auch ein gewisser Konkurrenzkampf, der oft nicht gesehen wird. Zum Ende seines Vortrags sagte Christoph Nasgowitz „Wichtig ist, dass man bereit ist, sich zu streiten, danach aber auch wieder bereit dazu ist, sich zu vertragen“. Als Überraschung verteilte er Streuselbrötchen im Publikum. Nach jedem Vortrag folgte eine Fragerunde aus dem Publikum, die zeigte, wie aufmerksam zugehört wurde: Immer wieder stellten Besuchende interessierte und teils sehr detailreiche Fragen, die immer beantwortet werden konnten.

Für einen besonders amüsanten Moment sorgte die Vorstellung der Preise: Die gläsernen Trophäen wurden vom Publikum mit tief werdenden „A“-Tönen begleitet. Je nach Platzierung wurden diese immer dunkler, bis der Raum schließlich in einem chaotisch belustigten Sound endete. Schließlich gewann Dr. Anna Herzog mit ihrem Detektivfall rund um verschwundenen Müll. Platz zwei ging an Adrian Herrmann und seine Tierliebe-Batterie und Superheldinnen Geschichte. Den dritten Platz erhielt Laura Barth mit ihrer Forschung zu nachhaltigen Schäumen. Doch die eigentlichen Gewinner und Gewinnerinnen des Abends waren womöglich auch die Besucher und Besucherinnen, denn der Green Science Slam zeigte eindrucksvoll, dass Wissenschaft nicht nur in Laboren stattfindet. Sie kann unterhalten, überraschen und zum Nachdenken anregen.

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Geschichten, Menschen und neue Perspektiven genau das, was unseren Blick auf die Welt erweitert, begeistert mich. Zwischen Kamera, Notizbuch und Fernweh entdecke ich die Welt am liebsten schreibend und mit offenem Blick für gesellschaftliche Themen, Nachhaltigkeit und alles, was zum Nachdenken anregt. Die kleinen Geschichten hinter dem großen Ganzen. Im Journalismus kann ich meine Leidenschaft fürs Schreiben, Entdecken und Erzählen verbinden.

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