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Vom musikalischen Wunderkind zum Safeknacker

Peers Kino Kolumne mit einer persönlichen Betrachtung des Films „The Piano Tuner“.

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Peer Kling. Foto: Volker Goebels
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Sowohl die Prolls als auch die Elitären lieben das Tuning. Jeder Manta-, Scirocco- oder Capri-Fahrer weiß, was das ist. Als Yesterday-Man müsste ich wohl die Autotypen aktualisieren, aber das können andere besser. Die Raser fummeln an ihren Flitzern, damit sie schneller werden. Die Musiker lassen an den Stellschrauben ihrer Instrumente drehen, bis sie stimmig sind. Die zentrale Figur in der US-kanadischen Koproduktion „The Piano Tuner“, so der Verleihtitel in Deutschland (im Original nur „Tuner“), ist der junge Klavierstimmer Niki White aus New York City, neben Toronto zugleich der Hauptdrehort des Films.

Zu sehen sind meist mondäne Interieurs mit Flügeln reicher Leute, die sich die kostbaren Instrumente zum Teil nur als Deko leisten. Auch wenn sie nicht bespielt werden, was natürlich schade ist. „Räder müssen rollen. Saiten müssen schwingen und klingen.“ Gestimmt werden müssen sie trotzdem, sonst stimmt etwas nicht. Und da kommt dann Niki voll zum Zuge. Als musikalisches Wunderkind geboren, wollte er eigentlich Pianist werden, aber eine als Unfallfolge erworbene extreme Geräusch-Überempfindlichkeit (Hyperakusis) hat seinen Traum zerstört. Es geht um alle lautstarken Geräusche; und dazu zählen auch laute Konzert-Töne, unabhängig davon, wie melodisch sie sein mögen. Diese Schall-Energie verursacht bei ihm große Schmerzen. Klavierstimmen ist aber möglich. Denn dabei geht es nicht um die Amplitude (laut oder leise), sondern nur um die Frequenz (richtig oder falsch). Niki verfügt über das absolute Gehör und ist damit für diesen besonderen Handwerksberuf prädestiniert.

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Der Sympathieträger Niki wird von dem fast 30-jährigen vielversprechenden britischen Schauspieler Leo Woodall gespielt, den wir zuletzt im Film „Nürnberg“ als Sergeant Howie Triest erlebt haben. Bekannt wurde er einem weltweiten Millionenpublikum in der Hauptrolle des Dexter Mayhew in der Netflix-Miniserie „One Day“ (2024).

Der Film bietet ein freudiges Wiedersehen mit Dustin Hofmann. Aufgrund seiner intensiven Hingabe an das Method Acting ging der heute 89-jährige Schauspieler oft an seine Grenzen. Dies hat beim Publikum zu einer großen Faszination für die Authentizität seiner Darstellungen geführt.

Meist ist er als Sympathieträger unterwegs. So auch im „Tuner“. In seiner langen Karriere hat er nur wenige explizit böse Charaktere gespielt. Bekannte Ausnahmen sind die Schurkenrolle des exzentrischen Captain Hook in „Hook“ (1991) von Spielberg und die Rolle des intriganten Giovanni de‘ Medici in der Historienserie „Die Medici: Herrscher von Florenz“ (2016). Im „Tuner“ spielt Dustin Hoffman Harry Horowitz, den Mentor von Niki als Inhaber und Chef-Tuner der „stimmigen Firma“.

Der Firmenname Horowitz ist nicht zufällig gewählt. Die Rolle von Dustin Hoffman zollt den legendären Klavierstimmern Tribut. Der berühmteste war Franz Mohr, der Chef-Konzerttechniker von Steinway & Sons. Seine Memoiren (Confessions of a Piano Tuner) sind eine berühmte Quelle über das Leben des US-amerikanischen Pianisten ukrainischer Abstammung Vladimir Horowitz, der eng mit Mohr zusammenarbeitete und so nebenbei seinem Ruf als Genie mit dem Schalk im Nacken gerecht wurde.

Was brauchen wir noch für diesen Film? Na klar: Liebe. Kein Problem, wer jeden Ton beim richtigen Namen nennen kann, hat leichtes Spiel bei der bezaubernden Pianistin und Komponistin Ruthie (Havana Rose Liu), bei der auch ein bisschen am Schräubchen gedreht werden muss, also am Klavier.

Liu wurde als Tochter eines Unternehmerpaares 1997 in Brooklyn geboren. Ihr Vater hat chinesische Wurzeln; ihre Großmutter aus dieser Linie war Opernsängerin. Lius Mutter ist irischer Abstammung. 2020 Abschluss als Bachelor of Arts in New York. Zeitgleich erscheint sie als Model auf der Titelseite der italienischen Ausgabe der Vogue. 2021 Filmdebüt als Bea in „Mayday“ von Karen Cinorre. Liu überzeugt als Schauspielerin und Pianistin. Sie hat eigens für die Rolle der Ruthie Klavier spielen gelernt.

Ist es ein Musikfilm? Ja, auch. Im Abspann erscheint eine Liste mit 17 Musiktiteln. Neben der Klassik hat auch der Jazz einen hohen Stellenwert. So tritt der 86-jährige Herbie Hancock in Erscheinung und spielt sich selbst. Die lebende Legende des Jazz, die auch schon früher gelegentlich als Schauspieler tätig war, verleiht dem Film kurzzeitig eine dokumentarische Note.

Worum geht es denn eigentlich? Firmeninhaber Harry hat die Kombination für seinen eigenen Haussafe vergessen. Daraus ergibt sich eine Weichenstellung im Leben des Jung-Tuners. Das „Hör-Sensibelchen“ legt zärtlichst Hand an und vor allem sein Ohr. „Kligge-di-klick“, das Ding ist offen. Huch? Durch ein unerträgliches Bohrgeräusch bei einem Kunden kommt es unfreiwillig zu einer zweiten Safe-Bekanntschaft. Auf den schwarzen Overalls der davor stehenden Herren steht natürlich „Security“. Sie seien vom Besitzer beauftragt… „Kligge-di-klick“. Das Super-Ohr hilft in gutem Glauben. Etikettenschwindel ist ein allgemein verbreitetes Phänomen. Gärtner steht drauf, Bock ist drin. Das Schicksal nimmt seinen Lauf und eröffnet dem Überraschten völlig neue Berufschancen, die ihn, wenn auch aus finanzieller Not geboren, ich will nicht zu viel verraten, auf die schiefe Bahn treiben. Durch dieses Sesam-öffne-dich-Talent entwickelt sich unausweichlich eine Art Krimi.

Die Panzerknacker ohne Disney-Charm reklamieren einen breiten Zeitraum der 109 Filmminuten für sich. Ist der Film spannend? Die Frage ist: Kommt diese Seele von Mensch, die sich, ja eigentlich vor allem der Not gehorchend und mehr als Opfer denn als Täter, immer tiefer ins kriminelle Abseits manövriert hat, aus dieser Sackgasse wieder raus? Und wenn ja, wie? Ja, das ist spannend.

Ich sehe den Film als ein von Sympathieträgern vorwärts entwickeltes kriminalistisches Drama mit hohem Unterhaltungswert, bei dem die Musik gefeiert wird und die Liebe eine Chance bekommt.

Inwieweit die Story mit der Realität kompatibel ist, kratzt mich dabei wenig. Ich finde die Idee faszinierend, die Darsteller in ihren Rollen überzeugend und das Wiedersehen mit Dustin Hoffmann, an den ich viele schöne Film-Erinnerungen habe, berührend.

„The Tuner“ ist der erste Spielfilm des 1993 in Toronto geborenen Regisseurs Daniel Roher, der bereits mit Ende 20 einen Oscar für seinen Dokumentarfilm über den russischen Oppositionellen Nawalny eingefahren und schon zu Beginn seiner Karriere mit einer Dokumentation über die Band „The Band“ das internationale Filmfestival in Toronto eröffnet hat.

Für das herausragende Sounddesign ist Johnnie Burn verantwortlich, der für seine Klangkompositionen in „The Zone of Interest“ einen Oscar bekommen hat.

„The Piano Tuner“ (Trailer) läuft am Montag, 17. August, und am Dienstag, 18. August jeweils um 20 Uhr im KuBa-Kino.

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Peer Kling, typisches "KFA-Kind", nicht aus der Retorte, aber in der zweiten Volksschulklasse nach Jülich zugezogen, weil der Vater die Stelle als der erste Öffentlichkeitsarbeiter "auf dem Atom" bekam. Peer interessiert sich für fast alles, insbesondere für Kunst, Kino, Katzen, Küche, Komik, Chemie, Chor und Theater. Jährlich eine kleine Urlaubsreise mit M & M, mit Motorrad und Martin.

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