Heute hat mein Papa mich von der Schule abgeholt. Ich bin 6 Jahre alt. Mit dem alten weißen und allercoolsten Hollandrad fühle ich mich heute wie die Hypermobilste der ganzen Schule. Ich darf nämlich auf dem Gepäckträger sitzen. Leider kommen wir nicht weit, denn ich trete mit meinen Füßen aus Versehen in die Speichen. Dann sind wir zusammen noch auf dem Schulhof hingefallen. Zuhause sind wir zum Glück trotzdem angekommen, aber ich glaube, das Fahrrad ist für immer kaputt. Was für ein Abenteuer.
Heute habe ich Fahrradfahren gelernt, weil ich auf dem Gepäckträger jetzt meine Beine immer in die Fahrradtaschen an den Seiten stecken muss… Ich bin 7 Jahre alt. Jetzt fühle ich mich frei und ich kann ganz alleine zur Schule fahren. Am liebsten fahre ich aber mit meinem besten Freund zusammen, der immer noch fünf Minuten auf mich warten muss, weil ich spät dran bin und meistens noch Zähne putzen muss. Vielleicht ist Freiheit ja auch, selbst entscheiden zu können, wann man losfährt – auch wenn man dadurch manchmal zu spät kommt.
Heute ist Seetag. Ich bin 15 Jahre alt. Alle meine Freunde treffe ich am Parkdeck. Sie sind begeistert von meinem Fahrrad, denn ich darf Omas altes Rennrad benutzen. Es ist ein perfekter Sommertag: Wir gehen schwimmen, wir hängen uns an ein angebrachtes Seil am Baum und lassen uns ins Wasser schaukeln, wir hören Musik und wir sonnen uns. Auf dem Heimweg sind wir völlig ausgehungert und fertig. Schwimmen macht so müde… Trotzdem möchte ich diesen Tag niemals vergessen, denn ich denke, er ist für die Ewigkeit gemacht.
Heute ist meine Führerscheinprüfung. Ich bin 17 Jahre alt. Noch nie hatte ich so viel Angst vor einer Prüfung. Keiner weiß davon, außer mein Englischlehrer… Als ich ins Auto steige, ist mir kalt, und es nieselt draußen ein bisschen. Die letzten drei Monate Fahrstunden waren ganz schön hart für mich, denn es fällt mir schwer, Fehler zu machen. Beim Autofahren kann man Fehler nicht einfach wegradieren. Man muss weiterfahren, ruhig bleiben und es beim nächsten Mal besser machen. Meine Prüferin war eine Frau, und jetzt im Nachhinein kann ich sagen, dass ich froh bin, sie durch diese Prüfung kennengelernt zu haben, denn sie war fantastisch! Außerdem hat sie mich bestehen lassen, denn ich musste nicht einparken.
Heute habe ich einen netten Jungen kennengelernt. Ich bin 19 Jahre alt. Wir sind zum Stausee nach Untermaubach gefahren. Ich bin ganz schön viel schon durch die Welt geflogen, aber wer hätte gedacht, dass es auch hier in der Nähe so schön sein kann? Auf dem Rückweg beobachte ich, wie hinter dem See die Sonne untergeht, während noch ein einzelnes Ruderboot mit einem Mann an Bord über das Wasser schaukelt. Vielleicht sollte ich erst mal aufhören, so weit, wie es geht, wegzufliegen und ein bisschen erkunden, was mich die letzten 19 Jahre so umgeben hat. Vielleicht geht das ja sogar zu Fuß und ist überraschend schön.
Mein letzter Tag im Praktikum ist heute vorbei. Ich bin 22 Jahre alt. Ich steige in die Straßenbahn und ziehe Kopfhörer auf. Mir ist egal, wie voll, stickig oder spät dran die S12 ist, denn das hier ist meine mobile Me-Time. Während draußen Häuser, Menschen und Haltestellen an mir vorbeiziehen, kann ich in meinem Kopf aufräumen. Vielleicht muss man nicht immer irgendwo ankommen, um unterwegs zu sein. Manchmal bewegt sich auch einfach etwas in einem selbst. Ich kann sortieren. Heute sortiere ich, dass mich meine Lektorin die letzten sechs Wochen sehr inspiriert hat, und wie dankbar ich bin, solche Inspirationen zu treffen. Ich glaube, in 10 Jahren möchte ich mal wie sie sein, und am liebsten würde ich es ihr sagen. Ich möchte alles an Bildung aufsaugen, was mir möglich ist. Ich möchte so witzig sein und so liebevoll meinen Mitmenschen gegenübertreten. Ich möchte Interesse zeigen und mich für so viel begeistern, wie es nur geht. Ich möchte diskutieren können und trotzdem oft genug aus dem Ernst des Lebens ausbrechen. Verrückt sein. Und Menschen um mich herum haben, die mir guttun und mein Zuhause sind. Egal wie viele es sind, wie alt, wie groß oder woher.
Vom ganzen Kaffeetrinken und Lernen bin ich doch tatsächlich auf meinem Schreibtisch eingeschlafen. Ich bin 25 Jahre alt. Selbst die Studentenparty in der WG unter uns konnte mich nicht wecken, denn ich träumte von einem eigenen Wohnmobil. Es ist knallrot. Wir fahren damit durch ganz Portugal und schlürfen Bier an der Küste. Meine beste Freundin begleitet mich. Sie fährt nicht gerne Auto, und wenn wir nicht zusammen in einem sitzen, brauchen wir mit dem ICE drei Stunden zueinander. Mit der BahnCard 25 sind es vielleicht 30 Euro, aber wer kann sich die Bahn denn überhaupt noch ohne BahnCard leisten? Trotzdem ist es mir jeder Weg hin und zurück wert.
Heute beginnt ein weiteres Wochenende, um nach Immobilien zu suchen. Ich bin 32 Jahre alt. Wir wollen in ein Haus mit einem Garten und einer Garage für unsere Fahrräder ziehen. Außerdem mit zwei Zimmern mehr, denn die Familie hat sich vergrößert. Mein Sohn Theo lebt, seitdem er drei Jahre alt ist, in unserer Familie, und es könnte sein, dass ich schwanger bin. Es fühlt sich verrückt an, jetzt in einem leeren Zimmer zu stehen, dessen Bewohner oder Bewohnerin ich erst nächstes Jahr kennenlerne. Ich wünschte, ich könnte schon ein paar Seiten vorspulen, nur um einmal kurz reinzuluschern… Aber ich werde geduldig sein.
Heute musste ich die Feuerwehr rufen. Ich bin 44 Jahre alt. Gestern habe ich für die ganze Familie und zwei Freundinnen von meiner Tochter im Garten Paella gekocht. Ich habe vergessen, die Gasflasche im Keller wieder zu verschließen, und als wir heute Abend alle zusammen das Haus betraten, hat man es direkt gerochen. Draußen haben wir auf die Feuerwehr gewartet, und Frida war ganz aufgeregt. Sie möchte irgendwann auch zur Feuerwehr gehen. Sie ist enttäuscht, als aus den zwei riesigen Feuerwehrautos zehn Männer und nur eine Frau aussteigen. Nach zwei Stunden durften wir unser Haus wieder betreten, und ich habe sie ins Bett gebracht. Sie fragt mich, warum nur eine Frau dabei war. Dann fragt sie mich, ob das ein Grund ist, trotzdem zur Feuerwehr zu gehen oder es nicht zu tun.
Heute fahre ich mit dem Auto nach Hamburg. Ich bin 51 Jahre alt. Frida ist letztes Jahr ausgezogen, und Theo ist schon in der nächsten Stadt gelandet. Auf einmal fahre ich sie besuchen oder sie mich. Auf diese geschriebenen Seiten war ich irgendwie nicht vorbereitet. Aber ich erinnere mich an das Gefühl, wie meine Mama mich damals in dieser Zeit in allem unterstützte und zu jedem Zeitpunkt Vertrauen in meinen Weg und in mich hatte. Sie schenkte mir damit Flügel, die mich in ein so aufregendes Leben trugen. Ich möchte meinen Kindern auch diese Flügel schenken. Trotzdem bleibt die gemeinsame Zeit für immer ein bisschen magisch. Ich tippe auf das Display meines Autos und rufe meine Mama an.
Heute fahre ich mit dem Zug meine beste Freundin in der Heimat besuchen. Ich bin 68 Jahre alt. Wie immer habe ich sehr reduziert gepackt, aber ich kriege meinen Koffer nicht mehr alleine in den Zug getragen. Auf einmal fühle ich mich zu schüchtern, um nach Hilfe zu fragen. Dabei war ich mein ganzes Leben so mutig! Es fällt mir schwer, mich zu überwinden, aber da packt schon ein junges Mädchen nach meinem Gepäckstück. Sie trägt es wie selbstverständlich in den Zug und lächelt mich an. Was für ein Sonnenschein. Als ich endlich angekommen bin, stehe ich auf dem Bauernhof, der früher noch zur Hälfte Pferdestall war. Wir sitzen gemeinsam im Garten und sehen die Sonne hinter den Rapsfeldern untergehen. Ich werde wie jedes Mal emotional in diesem Moment, denn seit 54 Jahren sitzen wir nun schon zusammen in diesem Garten. An Sommertagen wie heute ist die Aussicht auf Jülich am schönsten.
Heute habe ich Besuch von meinen Enkelkindern bekommen. Ich bin 75 Jahre alt. Ich habe Eierlikörtorte gebacken, die sie noch gar nicht essen dürfen. Aber sie können jetzt alle Fahrrad fahren. Ich sage ihnen, dass dies der erste Schritt des Großwerdens ist und dass sie so stolz auf sich sein können. Und ich denke an meinen Papa und sein weißes Hollandrad.
Heute spiele ich Canasta mit meinen Mädels. Ich bin 82 Jahre alt. In meinem Heim fühle ich mich sehr wohl. Ich sitze viel draußen, habe meinen Rollator neben mir und bekomme jeden Freitag Besuch von meiner Familie. Dann ist Waffeltag. An ganz warmen Tagen kühlen wir unsere Füße in einem Becken mit kaltem Wasser ab. Heute bin ich beim Canasta Dritte geworden. Das ärgert mich ein bisschen. Also spielen wir gleich noch eine Runde. Ich denke manchmal darüber nach, wie viel sich verändert hat. Früher dachte ich, mobil zu sein bedeutet, möglichst weit zu kommen. Heute weiß ich, dass es manchmal reicht, wenn jemand zu mir kommt. Wie schön!














