Martina Blümling ist eine, die erinnert. Damit setzt sie das Werk ihrer Mutter Friederike Goertz fort, die als Kind gemeinsam mit ihrer Mutter Martha Herz in der Villa Buth interniert war und die Gräuel der Nationalsozialisten überlebte.
Die Großmutter starb, als Blümling neun Jahre alt war. Die heute 92-jährige Friederike Goertz kann ihre Geschichte inzwischen nicht mehr ohne Weiteres selbst erzählen. Diese Aufgabe übernimmt nun ihre Tochter. Wie andere Kinder und Enkel von Überlebenden trägt sie die Familiengeschichte in die nächste Generation.
Dabei geht Blümlings Erinnern über die Rolle einer „Vermittlerin“ zwischen Vergangenheit und Gegenwart hinaus. Sie ist zur Pflegerin der Familienerinnerungen geworden: Sie bewahrt sie, ordnet sie ein und sorgt dafür, dass sie weitererzählt werden.
Das Thema Judenverfolgung und die Kriegsjahre seien in der Familie eigentlich kein großes Thema gewesen. Erst in den letzten Lebensjahren ihrer Großmutter wurde die Vergangenheit zunehmend spürbar. Die KZ-Überlebende habe am Lebensende unter Verfolgungswahn gelitten und niemandem außer ihrer Familie mehr getraut.
Schon als Teenager fing Martina Blümling an, Fragen zu stellen. „Ich habe meine Mutter nach Details gelöchert“, erzählt sie und fügt schmunzelnd hinzu: „Ich war nicht immer einfach.“ Sie wollte mehr über den Vater ihrer Mutter wissen und darüber, warum er keine Rolle in deren Leben gespielt hatte.
Die Antworten machten ihr manches im Verhalten ihrer Mutter begreiflicher. Etwa warum eine Puppe, die eigentlich nur im Schrank lag, für Blümling und ihre Brüder absolut tabu war.
Erst später erfuhr sie, welche Geschichte mit ihr verbunden war: Friederike Goertz hatte die Puppe von ihrer Freundin Anita Lichtenstein als Leihgabe erhalten. Anders als Goertz konnte Anita Lichtenstein der Ermordung durch die Nationalsozialisten nicht entkommen. Aus einem Gegenstand im Schrank wurde für die Tochter damit ein Träger von Erinnerung.
Es war ein langer Weg, bis sich ihre Mutter Friederike von der Puppe trennen konnte. Als eine Gesamtschule in ihrem Geburtsort Geilenkirchen neu gebaut wurde, sollte sie zunächst Anne-Frank-Schule heißen.
Gemeinsam setzten der ortsansässige, inzwischen verstorbene Buchhändler Hermann Wassen und ihre Mutter sich dafür ein, dass sie den Namen Anita-Lichtenstein-Schule tragen sollte. Die Puppe wurde eine Leihgabe für die Schule und damit zum sichtbaren Symbol einer Geschichte, die Friederike Goertz bei verschiedenen Veranstaltungen in der Schule selbst erzählte.

Teilweise, berichtet Martina Blümling merklich gerührt, werde ihre Mutter noch heute von ehemaligen Schülerinnen und Schülern auf der Straße erkannt. Sie erzählten ihr, wie sehr sie die Begegnungen und ihre Geschichte berührt hätten. Eine Erfahrung, die heute auch Blümling macht: Obwohl sie die Verfolgung nicht selbst erlebt hat, erreicht sie junge Menschen, indem sie die Erinnerungen ihrer Mutter weiterträgt.
Ein weiterer Punkt, der diese übernommene Aufgabe so wichtig macht: Die Lebensgeschichte ihrer Mutter steht stellvertretend für die unzähligen Opfer des Nationalsozialismus, die in ihrer großen Zahl schwer fassbar seien. Ein Einzelschicksal dagegen mache die Realität der Verfolgung greifbar. Einen Menschen und seine Geschichte kennenzulernen, könne Brücken bauen.
Und dann teilt sie noch eine bedeutende Überlegung: Sie ist nicht die letzte Generation einer Erinnerungskette. Wenn sie in Schulen eingeladen ist, sitzen unter ihren Zuhörern Jugendliche mit eigenen Erfahrungen von Krieg und Flucht, die wiederum einmal zu Erinnerungen werden.
Um sich zu erinnern, brauche sie persönlich nicht unbedingt einen Ort. Eher erzählt Martina Blümling von Gegenständen, die Erinnerungen in sich tragen und damit bis heute weitergeben. Aus Gesprächen weiß sie: „Manche Menschen brauchen einen sichtbaren Ort.“
In ihrer Erfahrung täten sich vor allem auch Menschen schwer, die keinen persönlichen Bezug zur Geschichte haben. Deshalb seien Erinnerungsorte gut, um Geschehnisse besser nachvollziehbar zu machen.
Mahnmale sind für sie keine Erinnerungsorte. „Tot“ nennt sie diese Gedenkstätten. Es passiere dort – bis auf das Lesen der Inschriften einiger weniger Interessierten – nichts.
Sie seien kein Ort in der Mitte der Gesellschaft. Deshalb spricht sie sich dafür aus, die Villa Buth bei einem möglichen Erhalt nicht ausschließlich als Museum oder Gedenkstätte zu nutzen, sondern vor allem als Begegnungsstätte für alle Generationen.
Realistisch merkt Martina Blümling an, dass Erinnerungen immer subjektiv sind. Geschichten, die sie als Kind gehört habe, hätten sich über die Jahre verändert. Auch passten nicht alle Einzelheiten immer sauber zusammen.
Für sie ist das kein Widerspruch. „Das ist nicht so wichtig“, sagt sie. Entscheidend sei, Menschen mit den Geschichten zu berühren. Das funktioniere ihrer Meinung nach besonders gut mit Geschichten, die auch positive Aspekte beinhalten.
Ihre Großmutter habe von unterschiedlichen Menschen – sogar die Frau eines Polizisten – in der NS-Zeit Angebote erhalten, sie zu verstecken. Letztlich habe sich auch der Vormund von Friederike Goertz liebevoll und fürsorglich um seinen Schützling gekümmert – so wurde sie vor der Deportation ins KZ bewahrt.
Im Vergleich zu großen Erinnerungspersonen wie Margot Friedländer hätten sie bei allem, was sie erlebten, nie das Positive verloren. Das sei oft der Grund für ihre Resilienz. Auch ihrer Mutter seien in der Zeit nach dem Krieg bis heute keine Anfeindungen, sondern ausschließlich Sympathien entgegengebracht worden.
Geprägt von ihrer Familiengeschichte studierte Martina Blümling Psychologie. Sie wollte verstehen, warum Menschen so sind, wie sie sind. Diese Frage habe sie wie viele in der dritten Generation von Nachfahren umgetrieben – ebenso wie die Auseinandersetzung damit, warum Menschen während der NS-Zeit Befehle befolgten, statt sie zu hinterfragen.
„Ich bin mit dem Gefühl aufgewachsen: Ich muss das anders machen.“ Darum sei sie beruflich nie eine „Befehlsempfängerin“ gewesen, sondern habe hinterfragt und sich von Anweisungen erst überzeugen lassen müssen. Gerade die Hilfsangebote, die ihre Großmutter während der NS-Zeit erhielt, hätten sie in einer Überzeugung bestärkt: Menschen haben Entscheidungsfreiheit. Sie können sich in jedem Moment entscheiden, wie sie handeln.



















