
Nach längerer Vorbereitungszeit ist der bedeutende spätmittelalterliche Schnitzaltar in die Propsteikirche St. Mariä Himmelfahrt Jülich zurückgekehrt. Im Rahmen der Christina-Oktav ist das restaurierte Retabel eingeweiht worden. Eine spezielle Führung zum Altar wird am heutigen Samstag, 7. November, um 12 Uhr angeboten.
Der aus Eichenholz gefertigte Altar entstand nach dendrochronologischen Untersuchungen vermutlich kurz nach 1500. Seine künstlerische Herkunft wird in den Niederlanden vermutet, lässt sich jedoch keiner bestimmten Werkstatt zuordnen. Möglicherweise gelangte er gemeinsam mit dem ebenfalls spätmittelalterlichen Dreisitz im Zuge der Verlegung des Christina-Stifts von Nideggen nach Jülich um 1568 in die Stadt. Ein Zusammenhang mit der Verehrung der seligen Christina, deren Reliquien 1592 nach Jülich überführt wurden, erscheint wahrscheinlich, ist aber nicht abschließend belegt.
Im Mittelpunkt des reich geschnitzten Retabels steht die Kreuzigung Jesu. Die vielfigurige Darstellung zeigt neben Jesus und den beiden mit ihm Gekreuzigten zahlreiche Personen des Passionsgeschehens, darunter Maria, Johannes, trauernde Frauen und Soldaten. Ein kunstvoll gestalteter spätgotischer Bogen mit filigranem Blattwerk rahmt die Szene. Zwei kleinere Reliefs im unteren Bereich stellen die Grablegung und die Auferstehung Christi dar. Seitlich des Mittelteils befinden sich Reliquienfächer mit kostbar verpackten Reliquien, die trotz der Kriegszerstörungen erhalten geblieben sind.
Bis 1944 stand der Altar in der Christina-Kapelle der Propsteikirche. Während des Zweiten Weltkriegs wurde er schwer beschädigt; insbesondere die ursprünglich bemalten Altarflügel gingen verloren. Historische Fotografien dokumentieren jedoch sein früheres Erscheinungsbild.
Die Untersuchungen der Farbfassungen zeigen eine wechselvolle Geschichte. Der ursprünglich vermutlich reich vergoldete Altar wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrfach überarbeitet. Besonders umfangreiche Veränderungen erfolgten im 19. Jahrhundert. Aus dieser Zeit stammten auch die verlorenen Altarflügel. Die heute sichtbaren Farb- und Goldreste stammen aus unterschiedlichen Epochen und dokumentieren zugleich die Geschichte des Kunstwerks.
In den 1980er-Jahren wurde das Altarretabel erneut bearbeitet und mit neu angefertigten Flügeln versehen. Eine vollständige Wiederherstellung des mittelalterlichen Erscheinungsbildes gelang jedoch nicht. Der Altarschrein blieb ohne seine Figuren und stand anschließend fast drei Jahrzehnte im linken Querschiff der Propsteikirche.
Nach Einschätzung des LVR-Amts für Denkmalpflege im Rheinland, Pulheim-Brauweiler, war eine vollständige Rekonstruktion angesichts der erheblichen Verluste weder sinnvoll noch erstrebenswert. Stattdessen bot eine behutsame Konservierung die Möglichkeit, die erhaltenen Bestandteile zu sichern und das Kunstwerk wieder angemessen zu präsentieren. Dabei sind die historischen Farbfassungen in ihrer überlieferten Vielfalt sichtbar geblieben.
Neben der Restaurierung der Skulpturen und des Altarschreins wurden auch die in Textilien gefassten Reliquien konservatorisch behandelt und für die erneute Präsentation im Retabel aufgearbeitet.
Der Schnitzaltar wird nun gemeinsam mit dem historischen Dreisitz und den Christina-Reliquien in der Christina-Kapelle präsentiert. Damit ist ein bedeutendes Ensemble spätmittelalterlicher Kirchenkunst wieder erfahrbar. Zugleich vermittelt sich damit anschaulich ein wichtiger Abschnitt der Jülicher Kirchen- und Stadtgeschichte.
Das Restaurierungsprojekt wurde ermöglicht mit Unterstützung der Regionalen Kulturförderung des Landschaftsverbands Rheinland und der Prälat Erich Stephany Stiftung Aachen.


















