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(Schon) 30 (Jahre her)

1996 – was ein Jahr. Ein Jülich, das vor jungen Bands und Jugendkultur bebte. Und mein Glück, mittendrin zu sein.

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Abbildung: envato/ danjazzia
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In der Herzogstadt bin ich geboren worden und aufgewachsen. Born and raised. Mehr noch: Meine ersten drei Jahrzehnte habe ich hier mehr oder weniger intensiv verbracht. Sogar während des Studiums in Siegen und Aachen, besonders an den meisten Wochenenden.

Als ich mir überlegte, eventuell mit meiner großen Liebe Musik professionell zu arbeiten, holte mich Burkhard Giesen in das Boot der Jülicher Redaktion, der bereits damals Redakteur dort war. Er erinnerte sich kurz darauf, dass die Jülicher Nachrichten einmal ein Format „Rockbands aus dem Jülicher Land“ hatte. Ob ich Lust hätte, dieses wieder ins Leben zu rufen?

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Wie passend, dass ich auch bei der Westdeutschen Zeitung freier Mitarbeiter war. Natürlich in Sachen Musik. So durfte ich bereits Konzerte und Festivals unter anderem mit Fury in the Slaughterhouse, Deep Purple, Huey Lewis and the News, Bonnie Tyler, BAP, Purple Schulz besprechen. Ja, das war ein Leben!

Vor 30 Jahren ging es dann eben auch in Jülich los: Gleich die ersten beiden Bandportraits waren für die Herzogstadt und mich gleichermaßen wegweisend. Das erste war mit den „Socks“, die gerade das „Smelling“ abgelegt hatten, und das zweite mit „D.Sailors“, bei denen vom „Drunken“ nur noch der Initial übrig geblieben war.

Letztere waren bereits Lokalmatadoren, also in der Jugendszene bestens bekannt: Uli Breitbach, der als Uli Sailor und mit seinem Punkrock-Piano immer noch bundesweit und darüber hinaus aktiv ist, Ingmar Krause, der Sohn vom damaligen Kulturdezernenten Joachim Krause, dessen Einfluss auf das Jülicher Musikleben immens war, Uli Großmann und der leider viel zu früh verstorbene Marco Boedecker.

Die Adressen, auch von einigen anderen Bands, kamen von Peter Möller, Leiter der Offenen Jugendeinrichtung Bonhoeffer-Haus, den ich ebenfalls von ganz früher kannte: Gitarre spielend in der Teestube. Peter selbst sollte in den folgenden Jahren ebenfalls eine wichtige Rolle spielen, denn „sein“ Haus war Dreh- und Angelpunkt für viele künstlerische Aktionen und Aktivitäten. Für etliche Konzerte, aber auch Jugendkulturwochenenden, bei denen Jugendliche sich musikalisch wie auch malerisch und fotografisch in Ausstellungen sowie auch lyrisch in Lesungen ausprobieren konnten.

Zurück zu den Socks: Teil davon waren auch die jungen Versionen von Cornel Cremer und Markus Uhlenbruck. Sie drückten Jülich nicht nur ihre musikalischen Stempel auf, sondern widmen bis heute große Teile ihres Lebens insbesondere dem Kulturbahnhof.

Dieser wurde übrigens später im Jahr 1996 eröffnet. Interessanterweise war ich aus reiner Neugier bei der ersten Versammlung in der Jülicher Stadthalle, als die interessierten Vereine und Personen sich getroffen haben, um die Zukunft des Bahnhofs zu erörtern. Doch mein Weg führte zu einem anderen Ort.

Das sah nach 1996 anders aus. Irgendwann danach war ich sogar eine Zeit lang Vorstandsmitglied des Kultur im Bahnhof e.V. Und es gab ein Problem: Während andernorts die Bühnen brummten und unzählige Bands Gastspiele in der Stadthalle, dem Bonhoeffer-Haus, im Roncallihaus, Musikcafé, dem PZ der Zitadelle, der Koslarer Bürgerhalle oder wie auch immer die „Venues“ hießen, gaben, hieß es im KuBa lange: „Psst!“ Bloß keine laute Musik!

Doch was war „laute“ Musik? Die Grenzen wurden ausgereizt. Und die Fantasie besaß erst gar keine. Nach einer Open-Stage-Session in der KuBa-Kneipe „Offbeat“ fragte mich der damalige Geschäftsführer Christoph Klemens, ob ich nicht Lust hätte, eine Art Akustik-Bühne auf die Beine zu bringen. So entstand mit Musikerkollegin Virginia Lisken im Oktober 2000 das Format „NoiseLess“, von mir bewusst mit „weniger Lärm“, also „less noise“ bezeichnet.

Es durften ruhig elektrische Instrumente dabei sein. Rein akustisch ist es mir oft zu dröge. Gleichzeitig liebte ich, dass regionale Gruppen, die oft aus Punk-Rock- oder Heavy Metal-Szenen kamen, sich überlegen mussten, wie sie ihre Songs „anders“ rüberbrachten. Unvergesslich sind die Weihnachts-NoiseLess-Konzerte mit Koroded, Psycho Luna oder Ascrum.

Die Zeitungsausschnitte der Jülicher Bandportraits füllten ganze Ordner. Will heißen: Es gab eine große Auswahl. Die Eintrittskarte, um in den Nachrichten als Band zu erscheinen, war, dass die Gruppe zumindest einen Song live vorspielte. Dann konnte ich auch damit leben, wenn ich das Gefühl hatte, dass die Band sich nur gegründet hatte, um einmal in die Zeitung zu kommen. Wichtig war für mich stets, jede Formation ernstzunehmen und sie wie jede professionelle Gruppe zu behandeln, mit der ich zu tun hatte.

Was gab es damals nicht alles für tolle Musik. Punk-Rock mit Sailors & Socks, The Riots und Last Train Home, Girl-Punk mit Insanias, Fun-Punk mit den Mokkafurchen, Skate-Punk mit Cheese and Onion, Deutsch-Punk mit den Regionalen, Alternative mit Ascrum und Maeva, Rock mit Manticor, Jack the Rocker und Marooned, HipHop mit Syntax Terror, Mister Morris und Tanzmob2000, Heavy Metal mit Disdain, New Noise Crisis und natürlich Endoomed, den späteren Koroded. Bei deren Portrait lernte ich eine junge Fatima Abdellaoui kennen, das „Maskottchen“ der Truppe. Auch sie ist aus dem Jülicher Kulturleben nicht wegzudenken. Dazu noch die Vertreter der älteren Punk-Generation Lord Louis und Ska-Legende The Blue Beat.

Einen sehr guten Überblick über die damalige Szene können sich Interessenten übrigens über die Jülich-Sampler verschaffen, die das Dream-Team Markus & Cornel zwischen 1998 und 2024 herausbrachte. Insgesamt acht Stück. In den besten Zeiten eine Doppel-CD mit Beiträgen von 25 bis 30 Acts. Wer nun irritiert ist, weil der letzte Jülich-Sampler die Nummer 10 besitzt: Die ersten beiden waren bereits in den 80ern mit Jülicher Punks der ersten Generation entstanden. Damals noch auf Cassette oder Tape, wie es später hieß. Daran knüpfte übrigens der 3. Sampler an, der ebenfalls als analoges Medium erschien.

Kein Wunder, dass es journalistisch gesehen dermaßen viel Material gab, dass ich kaum noch wusste wohin damit. Bang, die Idee: ein eigenes Musikmagazin. Zwischen Februar 2000 und Juni 2010 gab ich immerhin 58 Ausgaben in Eigenregie heraus – stets vier DIN-A-4-Seiten auf dem Fotokopierer im Elternhaus. Daher immer in Schwarz-Weiß. Titel: „JAM“ – Jülichs Aktive Musiker. Die erste Ausgabe wurde leider nicht rechtzeitig vor der CD-Release-Party von „Under Water“ von Ascrum fertig, also habe ich sie direkt auf dem Konzert verteilt.

Fazit: Jülich hat sich in diesen Zeiten das Prädikat „Rock City“ schwer erarbeitet und rechtschaffen verdient. Es wirkt noch heute nach. In der Erinnerung derer, die damals dabei waren. Und in der Vorstellung derer, die gerne dabei gewesen wären.

Tipp: In dem offiziellen Musikvideo zu seinem „Grunge Revival“ hat Uli Sailor einige Filmausschnitte von früher eingebettet.
Tipp2: Und ich bin wahnsinnig gespannt, wie Tristan Pionkes Film „We built the City“ geworden ist.


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