„Ich bin eine aus dem Volk“, sagt Fatima Abellaoui. Will sagen: Im Vordergrund stehen möchte sie nicht, und es waren einige Überredungskünste vonnöten, damit sie sich dem HERZOG für ein Gespräch zur Verfügung stellte. Gute Gründe konnten ins Feld geführt werden: Die Wahl-Jülicherin gehört sicher zu einem der Gesichter, die in der HERZOGstadt für Einsatzfreude und Ehrenamt bekannt sind.
Seit Jahrzehnten im Kulturbahnhof aktiv und in der ersten Reihe in Organisation und Umsetzung im Einsatz, ist sie aktuell auch für die Finanzen des Vereins Kultur im Bahnhof zuständig. Ebenso betreut sie die Kasse des Vereins Pänz mit Hätz, der Ende September sein 30-jähriges Bestehen feierte. Wenn eine helfende Hand oder Übersetzerin beim Verein Kleine Hände gebraucht wird – ein Anruf genügt. Unterstützung beim Thekendienst? Immer!
Als Fahnenschwenkerin des nicht eingetragenen Vereins Café Cholera Karnevalsgesellschaft stand sie viele Jahre im Scheinwerferlicht. Aber immer versteht sie sich als Teil eines großen Ganzen. Das ist es, was ihr liegt. Hier sieht sie sich. „Es geht mir darum, dass jeder nur eine Kleinigkeit für die Gesellschaft machen sollte. Ich möchte die Menschen motivieren, sich zu engagieren.“
Fatima ist ständig in Bewegung. Geradlinigkeit gehöre, sagt sie verschmitzt, nicht zu ihren Tugenden. Dabei waren die Umwege des Lebens nicht unbedingt selbst gewählt. So ist es kaum zu glauben, aber Fatima ist nicht an der Rur geboren, sondern am Oued Cherraa. Als Kind eines Gastarbeiters kam sie im Zuge der Familienzusammenführung mit Mutter und Geschwistern aus Marokko nach mehreren Zwischenstationen in Jülich an – und ging… Und blieb… Und ging…
Und ist inzwischen über 30 Jahre angekommen. „Ich mag die Stadt. Es ist halt schon schön, dass man keine Nummer ist.“ Mit dem Bürgermeister sei man per „Du“. Auf direktem Wege könne man „auch mal sagen, wenn wir irgendwas nicht so toll finden“, und die Stadt biete viele Möglichkeiten. Und dennoch: „Also, ich bin immer noch nicht ganz sicher, ob ich in Jülich für immer bleiben werde“, sagt die heute 52-Jährige nachdenklich.
Derzeit ist das allerdings kein Thema. Viel unterwegs ist sie nämlich ohnehin; aktuell in Sachen „Tote Hosen“: Bei Konzerten in Hamburg, Freiburg, Minden (um nur drei zu nennen) feiert sie das angekündigte Finale der Punkikonen mit. Vor der Bühne und auch „After-Show“, denn Freund Uwe Mock ist auf Du-und-Du mit der Band, und „ich bin die Plus-1-Person“, sagt Fatima strahlend. „Musik spielt eine sehr große Rolle in meinem Leben.“
Und schon schwärmt sie nicht nur von den „Hosen“, die sie sehr geprägt hätten, sondern auch von den Zeiten, als der KuBa das Zentrum der lokalen Bands war. „Die Musikszene in Jülich war mega, und das hat den KuBa geprägt. Im Keller waren die Proberäume von den Sailors, von A.Scrum und den Socks. Da haben Lord Louis and the Enemies of Man gespielt. Das war schon eine sehr, sehr schöne Zeit.“ Dabei bekennt die Musikbegeisterte, dass sie selbst gänzlich unmusikalisch ist. Wolli Keil habe einmal versucht, ihr Gitarre beizubringen. Es scheiterte. Nicht an ihm als Lehrer, sondern an ihrer Ungeduld, wie sie grinsend bekennt.
Kaum zu glauben, denn neben der mittleren Reife und dem Fachabitur als Anschluss der höheren Handelsschule hat Fatima eine Ausbildung zur grafisch-technischen Assistentin in Aachen absolviert. Gearbeitet hat sie in dem erlernten Beruf aber nicht. Dafür kann sie, wie sie trocken feststellt, immerhin „gerade Striche machen“. Nach vielen bewegten Jahren als Kellnerin aus Leidenschaft und Berufung – bis heute, betont sie – hat sie sich nach Zwischenstationen in der Kaffeerösterei und im JuFa von Rezeption bis Leitungsfunktion noch einmal zu einer neuen Ausbildung aufgemacht.
Nachdem der Sohn auf eigenen Füßen stehen konnte, ging sie eine Umschulung zur Steuerfachangestellten an, die sie mit dem Bachelor abschloss. Das bedeutete: Zwei Jahre lang jedes Wochenende zum Blockseminar. Nach Ungeduld klingt das nicht – und auch nicht nach dem „chaotischen Leben“, das sie für sich selbst als „unstrukturierten Menschen“ diagnostiziert. Den Grund dafür kennt sie allerdings auch: „Wenn ich’s machen will und dann ein Ziel habe, bin ich richtig kraftaktiv. Dann bin ich auch strukturiert.“ Und Zahlen hätten ihr schon immer gelegen.
Und wo ist bei all den Stationen Heimat? Sie fühlt sich als „rheinisches Mädchen“, ist nicht wirklich Deutsche und nicht wirklich Marokkanerin. „Ich bin in jedem Land Ausländerin und deshalb vielleicht auch überall zu Hause“, sinniert Fatima lächelnd. Aber der KuBa, sicher, der ist eine Konstante.
















