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Die Freiheit im freien Fall

The Wings of Desire

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Ein Engel in der U-Bahn | Grafik: HZG
Der versteckte Engel | Grafik: HZG
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Beim Aufräumen stieß ich letztens auf Testate aus meinem Studium, die bescheinigten, dass ich auch ein paar Semester Kunstgeschichte gehört hatte. Mein Studiengang war darin im Unterschied zu den Designern oder Goldschmieden als freie Kunst klassifiziert. Nur, was bitte ist an der Kunst frei?

Zugegeben, es gibt kleine, liebgewonnene Momente des „Freien“ in meinem Beruf. Ich habe den Keilrahmen zusammengesteckt und in den rechten Winkel gebracht, habe das Tuch darunter gelegt und umgeschlagen und von der Mitte des Rahmens her zu den Ecken hin fest getackert, immer darauf achtend, dass ich die Webfäden nicht aus dem Kreuz ziehe, weil das Wellen ergibt. Dann mit verdünntem Acryl grundieren, das Tuch spannt sich, die Champagnerkreide aufbringen, um die Gewebezwischenräume auszufüllen und zum Schluss ein Anstrich mit Titanweiß. Ein große, straffe, weiße Fläche, man kann sie auch noch schleifen, wundervoll.

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Oft stelle ich eine ganze Menge solcher Leinwände auf einmal her. Nicht dass sie durch diese Routine besser würden, nein, das sitzt, aber ich ertrage es einfach nicht, diese makellosen Erzeugnisse noch am selben Tag in die Unfreiheit und Unreinheit meines künstlerischen Tuns zu werfen. Aber am nächsten Tag gibt es kein Ausweichen mehr.

Das Glück, etwas zu meistern zählt zu den großen Erfüllungen im Leben. Nur wenn man´s kann, ist es keine Kunst – kann man es nicht, erst recht nicht, erkannte Siegfried Krakauer das Paradox des Künstlerischen treffend.

Im Schnittpunkt dieses Dilemmas finden sich Figuren wie van Gogh, der nichts zu verlieren hatte. Eingesperrt in die Selbstentsagung des niederländischen Calvinismus, kombiniert mit der Anspannung eines aggressiven wie triebhaften Gemüts und der Unmöglichkeit, diesem Charakter einen passenden Ausdruck zu verleihen, stellte die Kunst einen Weg ins Freie dar. Er wird sozusagen auf die Galeere begnadigt. Als die Kräfte versiegen, schießt er sich in die Brust. Der Schuss war nicht tödlich. Er starb an einer Blutvergiftung, heute hätte man die Kugel heraus operiert. Drei Tage lang auf dem Bett liegend und immerzu rauchend. Van Gogh hatte frei. Frei von sich selbst. Nicht mehr rudern müssen.

Im Februar hatten mich Freunde nach Portugal eingeladen. Das Land hat mir gut getan, es ist ein einziges Durcheinander. Mauern, Haine, Häuser, alles wahllos verstreut, als wenn ein Lastzug unterwegs seine Ladung verloren hätte, selbst die Trennung zwischen Land und Meer ist durch eine Nehrung verwischt. Ein dem Festland vorgelagerter Dünengürtel mit Salzsümpfen, Pinien und Tamarisken. Die Orte abgetaucht in der Brandung der rosa Mandelblüte und an den Kirchmauern die in Stein gehauenen Anker, Taue und Muscheln, der manuelinische Stil.

Aber das wirklich Unglaubliche waren diese zweirädrigen Karren. Ein mageres Pferd im Geschirr davor, Eltern, Kinder und die ganze Habe darauf, zogen sie am Rande der Autostraßen entlang. Zwei Filme, die zeitgleich aber nicht synchron abliefen und die sich ineinander projizierten, der eine farbig, der andere schwarz-weiß. Wohin fuhren sie mit dieser unglaublichen Langsamkeit in die aufsteigende Nacht? Gab es geheime Zigeunertreffen, Gitarren und blaue Sternenhimmel, vor denen schlanke Frauengestalten auf maurischen Tonleitern im Rund der Wagen die Feuer umtanzten..?

Nach Brecht ist die größte aller Künste die Lebenskunst. Ihre Erscheinungsform ist das Lachen, das Heitere, die Muße. Das braucht nicht viel, vor allem Freiheit. Und so blüht sie gerne in Provisorien, in denen so vieles möglich ist.

Es gibt in unserer Kultur ein altes Symbol für das Streben nach Freiheit, Daedalus und Ikarus. Oft wird Ikarus ohne seinen Vater genannt, er verkörpert die Freiheit offensichtlich stärker. Das erstaunt ein wenig. Denn von Kreta zu fliehen, wäre ohne Daedalus nicht möglich gewesen. Er baute die Flügel aus Federn und Wachs und ermahnte den Sohn vor dem Abflug, der Sonne nicht zu nahe zu kommen. Doch frei sein ist ein Rausch, Ikarus ist jung, er kann fliegen und erhebt sich höher und höher, das Wachs schmilzt, Ikarus stürzt ins Meer.

Siegen, oben bleiben und sein Ziel erreichen, bilden in unserem Kulturkreis ein Wertekartell. Wie kommt es da zu der Bevorzugung des Ikarus, einem jugendlichen Heißsporn, der nicht zu belehren ist und sich zu Tode stürzt?

Der Film „Der Himmel über Berlin“ von Wim Wenders heißt im Untertitel „Wings of desire“. Die Flügel des Wünschens. Die Engel Cassiel und Damiel sehen das Elend der Welt und können nicht eingreifen. Sie sind Geistwesen, frei aber unverbunden. Da entscheidet sich Damiel gegen das frei sein und für das dabei sein und stürzt auf die Erde. Aber die Flügel des Wünschens tragen ihn. Ein neuer Ikarus. Da Wenders ein Romantiker ist, tragen die „Wings of Desire“ natürlich zu einer Frau.

Von nun ab dreht Wenders in Farbe, so als sei auch er jetzt auf der Erde angekommen. Lissabon und Havanna sind seine Orte. Bunte, quirlige Städte, Orte wie Korallenriffe aus dem abblätternden Lack gestürzter Diktaturen gewachsen. Korallen überwachsen ja alles und integrieren Fremdes, verbauen Wracks, Autoreifen, Betonblöcke in ihren Riffen und verknüpfen sie wie Assoziationen zu bunten Unterwasserwelten. Keine Reißbrettentwürfe, gelebtes Leben. Städte sind weiblich, sie haben mehr Stil als Kalkül, das gewisse Etwas, die Corniche von Havanna, die Gassen von Lissabons Alfama. Sonne und Meer, das Gespür für den Genius loci. Wo man mit Wenigem auskommt, da wird auch das Geringe wertvoll. Geld zählt nicht besonders, wenn ohnehin kaum vorhanden und ist nur eine mögliche Währung unter vielen.

Mit dem Reichtum kommt die Erhitzung, die Riffe bröckeln, der Zusammenhalt schwindet, das Kleine verliert den Halt, wird an den Rand gedrängt. Am Ende arbeitet nur noch das Geld und die Arbeit geht stempeln. Weltweites Korallensterben, Satellitenstädte. Ikarus nimmt die Flügel unter den Arm und fährt mit der U-Bahn. Er kauft am Kiosk eine Zeitung und hält sie sich bei der Fahrt vors Gesicht. Das machen alle so.

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Dieter Laue
Dieter ist hauptberuflich Künstler. Laue malt seine Bilder nicht, sondern er komponiert und improvisiert wie ein Jazzmusiker. Sein freier Gedankenfluss bring die Leser an die verschiedensten Orte der Kunstgeschichte(n). Er lässt Bilder entstehen, wo vorher keine waren. In Bild und Schrift.

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