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Dreiklang des Todes: „Nürnberg“

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Peer Kling. Foto: Volker Goebels
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Hintergrund
Das International Military Tribunal (IMT) war der von den vier alliierten Siegermächten geschaffene Strafgerichtshof, der den noch lebenden Hauptkriegsverbrechern des Nazi-Oberkommandos nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs den Prozess gemacht hat. Als Verhandlungsort wurde nicht zufällig genau die Stadt ausgewählt, die Hitler 1933 zur „Stadt der Reichsparteitage“ ernannt hatte: Nürnberg. Die einwöchigen Parteitage auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg umfassten Aufmärsche, Appelle Hitlers, Paraden von SA, SS, Wehrmacht und Hitlerjugend sowie die sogenannten „Lichtdome“ als nächtliche Inszenierungen. Während des Reichsparteitages 1935 wurden die antisemitischen „Nürnberger Gesetze“ verkündet, die den Weg für den Holocaust ebneten. An derselben Stelle wurden nun die Anklagepunkte verhandelt: Verbrechen gegen den Frieden, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die rechtliche Basis bildete die Londoner Charta vom 8. August 1945. Das IMT war ein historischer Präzedenzfall, in dem zum ersten Mal führende Mitglieder einer Regierung vor einem internationalen Strafgericht zur Rechenschaft gezogen wurden. Im Film „Nürnberg“ geht es ausschließlich um den ersten Nürnberger Prozess des IMT in Nürnberg, nicht um die zwölf nachfolgenden Nürnberger Prozesse des Nürnberg Military Tribunal (NMT), die ab 1946 von den USA allein geführt wurden.

Zum Film „Nürnberg“
3 x die 7: Der US-amerikanische Film „Nürnberg“ hatte am 7. September 25 beim Toronto Film Festival seine Weltpremiere, kam am 7. November 2025 in die amerikanischen Kinos und hat es am 7. Mai 2026 endlich über den Teich in die deutschen Kinos geschafft, hinein in das Land der Desaster-Ursache. Zu Beginn des 148-minütigen Films, genau an diesem Tag, werde ich in Weiß auf Schwarz an die Folgen des Hitler-Regimes erinnert: weltweit 70 Millionen Tote!

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Szene aus „Nürnberg“. Foto: Bluestone Entertainment
Regie führte der 1975 als Nachfahre des Eisenbahn- und Schifffahrtsmagnaten Cornelius Vanderbilt geborene James Vanderbilt, der seit 2003 als Drehbuchautor, Produzent und schließlich auch als Regisseur in Erscheinung tritt. Sein Film konzentriert sich auf das psychologische Duell zwischen dem Psychiater Lt. Col. Douglas Kelley der US-Armee (Rami Malek) und Hermann Göring (Russell Crowe). Diese beiden Schauspieler bilden das Rückgrat und Herzstück des Films. Auch in einer tragenden Rolle mit dabei: der Stolberger Schauspieler Tom Keune. Er spielt den führenden NS-Politiker Robert Ley (Reichsleiter der NSDAP, Leiter des Einheitsverbands Deutsche Arbeitsfront). Für Keune ist es die erste internationale Produktion dieser Größenordnung.

Der Filmstart fällt vielleicht nicht ganz zufällig fast auf den Friedenstag, den 9. Mai. Meine Freundin Yulya schreibt mir aus Russland von den im ganzen Lande am 8. Mai angesetzten Siegesfeiern. Das Militärmaterial wird aber gegenüber früher nur in sehr reduzierter Weise aufgefahren, denn es ist wohl in Richtung Ukraine unterwegs. Den Folgefilm über ein entsprechendes Tribunal werde ich wohl nicht mehr erleben, aber ich hoffe sehr, dass es ihn irgendwann gibt.

Wer sich die gesamten Verhandlungen vor dem Internationalen Militärtribunal im Originalton anhören möchte, kann sich das acht CDs umfassende Hörbuch mit 440 Minuten Spielzeit zum Preis von knapp zwei Kinokarten besorgen: „Die NS-Führung im Verhör: Originaltondokumente der Nürnberger Prozesse“. Herausgeber: Ulrich Lampen.

Als Vorbereitung auf den Film habe ich mir u. a. den deutschen Trailer angeschaut, die bombastische musikalische Untermalung noch so gerade ertragen, nicht aber die Stimmen der Synchronisierung. Also habe ich mir den Film bis in die frühen Morgenstunden in der amerikanischen Originalversion als Spätvorstellung im Aachener Eden angetan. Ich kam übrigens nicht mehr nach Hause in dieser Nacht, denn man hat mir am 7. Mai in Aachen meine BMW gestohlen.

Szene aus „Nürnberg“. Foto: Bluestone Entertainment

Der Film „Nürnberg“ verwendet dieselben Originalaufnahmen, die vom US Army Signal Corps bei der Befreiung von Buchenwald, Bergen-Belsen und anderen Lagern angefertigt und während des Prozesses gezeigt wurden, also die mit Hilfe von Bulldozern in ein Massengrab geschobenen riesigen Leichenberge mit entstellten Gesichtern, noch so gerade lebende Opfer aus Haut und Knochen usw. Die Deutschen haben damals weggeschaut und tun es noch immer. In Jülich gibt es einen Verein gegen das Vergessen. Wir waren elf Zuschauer:innen in der Vorstellung. Unvorstellbar und absolut unverständlich war mir, wie eine Frau um die 20, drei Sitze nah bei mir, nicht nur den ganzen Film hindurch, sondern auch während dieser minutenlang projizierten Schreckensbilder ununterbrochen laut raschelnd ihre Nachos aus dem Karton herausfischen und dann „crunch, crunch, crunch“ sich angestrengt hektisch einverleiben konnte. Ich habe gelitten und stillgehalten, wollte nicht auch noch stören.

Die Vorabkritiken verarbeitend, bin ich eher zögerlich in diesen Film gegangen, aber allen Unkenrufen zum Trotz: Die Ambivalenz dieses Psychologen als Gegenspieler des größenwahnsinnigen Görings war spannend wie ein Schachspiel auf Weltniveau. „Ich werde der Schlinge des Henkers entkommen. Niemand hat mich je besiegt“, skandiert der noch lebende ranghöchste Nazi. Der amerikanische Chefankläger beißt sich die Zähne an ihm aus, erst der Brite setzt ihn schachmatt. Die Vorlage dazu hat der Psychologe geliefert.

Die Szenen mit Edda Göring (1938–2018), dem einzigen, übrigens einer künstlichen Befruchtung zu verdankenden Kind von Hermann Göring und dessen zweiter Ehefrau Emmy Sonnemann – Taufpate war Adolf Hitler –, verleihen dem Film etwas Menschliches. Sie gewinnt auf entwaffnende Art das Herz des Psychologen, der im Film letztendlich genau deshalb unehrenhaft aus der Armee entlassen wird, dem Prozess aber als Zivilist beiwohnen kann und ihm mit seinen herausgefundenen Ergebnissen eine entscheidende Wende gibt. Edda wuchs in privilegierter Umgebung auf, verbrachte ihr späteres Leben jedoch abseits der Öffentlichkeit und blieb zeitlebens von der NS-Vergangenheit ihres Vaters geprägt, den sie allerdings in der Dokumentation „Göring – Eine Karriere“ (2006) in Schutz nahm, statt seine Kriegsverbrechen zu verurteilen.

Szene aus „Nürnberg“. Foto: Sony Pictures / Kata Vermes
Die Schicksalschemikalie
Im Praktikum des ersten Semesters Chemie haben wir ordentlich mit Zyankali herumgepanscht, denn die Cyanide sind als die Salze der Blausäure trotz ihrer hohen Giftigkeit essenzielle Verbindungen in der chemischen Industrie, Metallurgie, Synthese und Schädlingsbekämpfung – auch heute noch.

Bei der gezielten Google-Suche zur verlässlich tödlichen Wirkung dieser Schicksalschemikalie – „Wie schnell stirbt man an Cyanid?“ – erscheint nichts anderes als die Nummer der Telefonseelsorge mit dem zusätzlichen Hinweis auf die 24/7-Erreichbarkeit.

Zyklon B war ursprünglich ein Blausäure-basiertes Schädlingsbekämpfungsmittel, das von den Nationalsozialisten im Holocaust als industrielles Mordwerkzeug ab September 1941 eingesetzt wurde, primär im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, wo es über eine Million Opfer forderte. Darüber hinaus nutzte die SS das Gas in weiteren Konzentrationslagern, darunter Majdanek, Mauthausen, Neuengamme, Stutthof und Ravensbrück. Das tödliche HCN-Gas kam von oben aus den Duschköpfen der Waschkauen.

Die Bindungsstärke von HCN an den Sauerstofftransporter Hämoglobin ist wie auch bei Kohlenmonoxid stärker als die Bindungsstärke von Sauerstoff. Die Sauerstoffversorgung des Gehirns versagt. Tod durch Ersticken, je nach Applikationsart und Dosierung unterschiedlich qualvoll.

Göring beißt in seiner Zelle auf eine Kapsel mit einer Cyanidlösung. Der gewichtige Mann springt damit dem Teufel von der Schippe und zugleich dem Henker von der Schippe.

Auch Douglas M. Kelley, der leitende amerikanische Psychiater während der Nürnberger Prozesse, beging 1958 auf dieselbe Weise Suizid. Als Hauptursachen gelten eine schwere Traumatisierung durch die Arbeit mit NS-Verbrechern, Enttäuschung über die Psychiatrie und psychischer Druck. Die intensive Beschäftigung mit der Psyche der führenden Nazis im Nürnberger Gefängnis war für Kelley eine zermürbende Prüfung. Er war besessen von der Frage, wie „normale“ Menschen zu solchen Gräueltaten fähig sein konnten. Diese Suche nach dem Bösen belastete ihn tiefgreifend. Kelley war fasziniert von Hermann Göring und dessen Suizid und übernahm dessen Methode, Zyankali zu schlucken, was als dramatische Inszenierung oder „makabre Parallelaktion“ interpretiert wird. Der Autor Jack El-Hai hat Kelleys Leben und Tod in seinem Buch „Der Nazi und der Psychiater“ aufgearbeitet.

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Peer Kling, typisches "KFA-Kind", nicht aus der Retorte, aber in der zweiten Volksschulklasse nach Jülich zugezogen, weil der Vater die Stelle als der erste Öffentlichkeitsarbeiter "auf dem Atom" bekam. Peer interessiert sich für fast alles, insbesondere für Kunst, Kino, Katzen, Küche, Komik, Chemie, Chor und Theater. Jährlich eine kleine Urlaubsreise mit M & M, mit Motorrad und Martin.

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