Start Magazin Festival Alles im Fluss, aber „gegen den Strom“

Alles im Fluss, aber „gegen den Strom“

Das Leben ist ein Kampf – ein Kampf gegen die Widrigkeiten des Daseins und oftmals noch unerbittlicher gegen innere Mächte. Oder um die große Liebe. Einige gewinnen den Kampf, andere nicht, manche schaffen einen Waffenstillstand, der sie weiterleben lässt. Dieses Ringen mit der Welt und mit der eigenen Seele auf der Leinwand überzeugend und gleichzeitig respektvoll und sogar unterhaltsam darzustellen, ist eine besondere Kunst. Gelungen ist dies beim renommierten Filmfestival in Lübeck gleich mehrere Male. Für die HERZOG-Redaktion besuchten Silke Möller-Wenghoffer und Peer Kling die nordischen Filmtage in Lübeck. Ein persönlicher Einblick.

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Halldóra Geirharðsdóttir als die Öko-Aktivistin Halla in der ernst zu nehmenden Komödie von Benedikt Erlingsson Gegen den Strom Foto: Nordische Filmtage / Verleih
Halldóra Geirharðsdóttir als die Öko-Aktivistin Halla in der ernst zu nehmenden Komödie von Benedikt Erlingsson Gegen den Strom Foto: Nordische Filmtage / Verleih
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In dem schwedischen Biopic Ted – Alles aus Liebe sehen wir den jungen Sänger Ted Gärdestad, gut gespielt und auch gesungen von Adam Pålsson, ganz offensichtlich kämpfen: In jungen Jahren legt er eine erfolgreiche Karriere als Schlagersänger hin. In Deutschland weniger bekannt; singt er doch nur auf schwedisch, ist er hingegen in seinem Land fast so berühmt wie ABBA, mit denen er im gleichen Studio einspielt. Er hat alles, was es für ein sorgenfreies Leben braucht: Ist gutaussehend, erfolgreich und beliebt. Statt wie zunächst vom Vater erwartet ein Tennisstar zu werden, kann er bald schon mit und von seiner Musik leben. Der Tennisstar wird dann übrigens sein Trainingspartner Björn Borg. An Teds Seite – oder eher in seinem Schatten – bewegt sich stets Teds Bruder Kenneth (Peter Viitanen), der ihm die poetischen Texte für seine Musik schreibt und ihn um die Klippen des Lebens zu schiffen versucht. Ted wirkt wenig gefestigt und ist von dem raschen Erfolg und den Schattenseiten und Belastungen, die die Popularität mit sich bringen, bald überfordert. Immer wieder schützt und stärkt Kenneth ihn. So kann Ted einen zunächst glücklichen Weg einschlagen: Bald findet er die große Liebe, er nimmt an zahlreichen Festivals und Musikwettbewerben teil und reitet auf einer Erfolgswelle – allerdings ohne wirklich surfen zu können.

Auf dem Höhepunkt seines Erfolgs trifft Ted erstmals jene düsteren Gestalten, die ihn nun sein Leben lang begleiten und immer mehr in den Abgrund ziehen werden. Er hört Stimmen und wird von Wahnvorstellungen geplagt. Medikamente und Drogen, später ein Aufenthalt in einem Kloster sollen helfen. Aber die Psychose, zur damaligen Zeit ein gesellschaftliches Tabuthema, gewinnt den Kampf. Der sonnige Lebensweg des vermeintlich strahlenden Sonnyboys trübt sich ein. Die größte Macht in der linear erzählten Lebensgeschichte ist jedoch nicht der „schwarze Mann“ sondern es ist die Liebe in Form der steten Fürsorge des Bruders Kenneth, der selbst Krisen durchzustehen hat. Er zeigt keine Neidgefühle, obwohl ihm als Urheber der Liedtexte ein ähnlich schillerndes Leben gebührte, er sich aber mit dem Schattendasein begnügen muss und ein gewöhnliches Durchschnittsleben führt. Uneigennützig und kraftvoll setzt er dabei auch sein eigens Glück aufs Spiel, alles aus Liebe für den Bruder, den er wohl als einziger versteht.

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Der Regisseur Hannes Holm gilt als einer der erfolgreichsten schwedischen Filmemachen. Adam & Eva, Der Himmel ist unschuldig blau, Die Andersons in Griechenland und Ein Mann namens Ove gehen auf sein Konto. Mit Ted ist ihm ein so spannender wie bewegender Film gelungen. Die Ausstattung, die Fahrzeuge, die Mode beleben das Lebensgefühl der 70er Jahre. Die eingängigen harmonischen Melodien finden auch Jahrzehnte später Anklang. Der Film tut gut daran, den durch die paranoide Schizophrenie provozierten Suizid im Jahre 1997 auszusparen und mit der Andeutung des erfolgreichen Comebacks der 90er zu enden.

Mitmenschlichkeit erlebt auch die junge Isländerin Lara (Kristín Haraldsdóttir) in dem Spielfilmdebüt Atme ganz normal von Isold Uggadóttir, das auf dem Sundance Festival den directory award gewann. Lara versucht, nach einem unsteten Leben mit Drogen und falschen Freunden Fuß zu fassen und bekommt den ersehnten Job an der Passkontrolle im Flughafen. Doch dann muss sie ihre Wohnung verlassen und lebt vorübergehend mit ihrem Sohn Eldar in ihrem kleinen Auto. Ihr Kampf um ein gesichertes Leben in einem an sich nicht armen Land ist hart und kalt, insbesondere nachts in dem kleinen Wagen, der an einem trostlosen Feldrand geparkt steht.
Ausgerechnet die aus Guinea-Bissau geflohene Adja (Babetida Sadjo), die durch einen Hinweis von Lara an der illegalen Weiterreise nach Kanada in ein Leben in Freiheit gehindert wird, hilft ihr in dieser Notlage. Adja muss zunächst ins Gefängnis, dann in eine Flüchtlingsunterkunft und sie weiß nicht, ob und wann sie ihre Tochter, der es im Gegensatz zu ihr gelungen ist, auszureisen, wiedersehen wird. Dennoch unterstützt sie Lara und Eldar und so bilden die beiden Frauen eine Art Schicksalsgemeinschaft. Heldinnen sind sie beide. Das Leben ist ein Kampf, aber sie geben nicht auf, auch wenn die Umstände mehr als widrig sind und die Lage zunehmend hoffnungslos erscheint.

Island erscheint in diesem Film sehr unwirtlich in der so kargen wie tristen Umgebung zwischen dem Flughafen und der Vorortssiedlung. Es gibt keine Sonne, viel Grau und vor allem ein ständiger Wind. Er zerrt an den Haaren sowie an den Nerven und zehrt an den frierenden Körpern Der Wind und die grauen Wolken sind nicht bereit, einer hübschen isländischen Kulisse zu weichen, sondern bestimmen bis zum Schluss das Bild.

Ganz anders ist das in der ebenfalls isländischen Produktion Gegen den Strom in der Regie von Benedikt Erlingsson, der schon in Cannes das Publikum begeisterte. Hier darf Island schön, leuchtend und farbig sein. Die Sonne strahlt. Der Himmel ist hoch. Die Hügel sind weit. Und das Moos ist weich und grün. Diese Schönheit der Natur ist auch Teil der Geschichte, denn diese wunderbare Landschaft zu erhalten und nicht zerstören zu lassen durch die Interessen der großen Stromkonzerne ist Anliegen der Öko-Aktivistin Halla (Halldóra Geirharðsdóttir). Dafür kämpft sie mit tiefer Überzeugung und halsbrecherischen Sabotageakten. Ausgerüstet mit einfachen, aber wirksamen Werkzeugen, starken Fähigkeiten wie Bogenschießen und dem immensen Willen, notfalls alleine die Natur zu retten, reitet, nein, läuft Superwoman Halla durch die isländische Prärie. Sie zerstört Stromleitungen, kappt ganze Strommasten und hastet anschließend rasch zur Chorprobe, das Sabotage-Werkzeug im Rucksack versteckt. Die Staatsgewalt ist ihr bald auf den Fersen, aber es gelingt Halla immer wieder auf waghalsige, glückhafte und auch komische Art und Weise, ihren Verfolgern zu entkommen. James Bond ist nichts dagegen. Aber diese Heldin wäre keine, hätte sie nicht auch Ängste und Gefühle.Diese Seite erscheint vor allem in dem Erzählstrang der Geschichte, in dem Halla eine Familie gründen will. Ein kleines Mädchen in einem Waisenhaus der Ukraine wartet auf sie. So gibt es also auch noch einen gewissen Zeitdruck, was der Sabotagegeschichte und damit dem Film zusätzlich Tempo verschafft. Und es gibt eine verschärfte Risikolage, denn wegen Zerstörung von Strommasten im Gefängnis sitzen und in die Ukraine fahren, um Adoptivmutter zu werden, schließen sich aus.

Aber zum Glück gibt es ja eine Schwester, den entfernten schrulligen Cousin und den ahnungslosen Fahrrad-Touristen Juan Camillo (Juan Camillo Roman Estrada) aus Kolumbien, in Rolle und Person ein running gag. Im Film schafft es das „geborene Unschuldslamm“ immer wieder, Verdacht zu erregen und die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich zu ziehen, so dass Halla zeitlich und räumlich Vorsprung gewinnt. Schon im preisgekrönten Spielfilmdebüt „Von Pferden und Menschen“ des gleichen Regisseurs, das 2013 die Filmtage eröffnete, liebte Juan Camillo das Leben und die Natur und war damals schon ganz Juan Camillo. Bei der feierlichen Preisverleihung im Stadttheater von Lübeck fungierte Camillo wiederum als running gag. Stellvertretend durfte der „Betriebsclown“ ganze vier mal auf die Bühne. Woman at War, so der englische Titel, wurde regelrecht überhäuft mit Preisen, darunter die beiden höchst dotierten, der Publikums- und der NDR-Filmpreis. Camillo fand immer wieder neue ausgleichende Worte für die Verdauung der Komödie mit erstem Hintergrund, die genau den Nerv der Zeit trifft.

„Stromer grüßt Stromer“: Ganz interessant, dass ausgerechnet die STAWAG mit einer ganzseitigen Anzeige an prominenter Stelle des Film-Katalogs per Dom-Foto den Stadtwerken Lübeck als Partner herzliche Grüße aus Aachen sendet. Bei aller Spannung und bei allem Humor schafft es dieser besondere Film eine hochaktuelle Botschaft zu transportieren. Der Kampf von Halla mag übertrieben wirken, eine verbissene Einzelkämpferin, mag man denken, und Island sieht doch gar nicht so zerstört aus. Aber eigentlich wissen wir es alle und erleben es in der aktuellen Diskussion um den Braunkohleabbau und um den Atomausstieg, aber auch um den Bau von Windkrafträdern und Staudämmen: Der immense Energiebedarf der Menschheit gefährdet unser Ökosystem und eine tragende Rolle spielen dabei wirtschaftliche Interessen einzelner Konzerne und Personengruppen, die Zerstörung in Kauf nehmen, um sich selbst zu bereichern. Während die isländische Natur in Gegen den Strom noch intakt wirkt, bleibt Halla in der Ukraine mit dem Bus auf einer völlig überfluteten Straße stecken – der Klimawandel mit seinen dramatischen Auswirkungen droht nicht, er hat schon begonnen. Einzige Rettung vielleicht: Wenn mehr gegen den Strom geschwommen würde. Kinostart in Deutschland: 13. Dezember 2018 Trailer:

Ein unrühmliches Kapitel der schwedischen Geschichte greift der Dokumentarfilm Der Fluss, Meine Freundin von Hannah Ambül auf: Die Zwangsumsiedlung der samischen Bevölkerung in dem Gebiet um den Fluss Lule in Nordschweden in den siebziger Jahren. Der Energiekonzern Vattenfall ließ in einem riesigen Projekt zahlreiche Dämme errichten und veränderte die Flusslandschaft unwiederbringlich. Die samische Urbevölkerung wurde in den Umsiedlungsprozess kaum einbezogen und noch weniger finanziell entschädigt. Die junge Regisseurin lässt vier sehr unterschiedliche Sami-Frauen von ihrem Leben und ihrer Verbundenheit mit dem Fluss erzählen. Sie findet eindringliche Bilder, die vor Augen führen, was durch den Eingriff in die Natur verloren gegangen ist, und in welcher Form auch in der jüngeren Vergangenheit Kolonialismus in Europa stattgefunden hat.

Ebenfalls Sami ist Maj Doris, die als erfolgreiche Künstlerin dennoch in ihrer spartanischen Hütte in der Einsamkeit Lapplands wohnen bleibt. Die Dokumentation des 31jährigen Jon Blåhed lässt einen an ihrem Alltag teilhaben: Sie hört Radio, kümmert sich um ihre Rentiere und versucht auf ihre eigene Art, die Tradition ihres Volkes zu erhalten. Allerdings ist Maj Doris nicht mehr ganz jung und es ist niemand in Sicht, der ihre Lebensform fortzuführen scheint.

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Peer Kling
Peer Kling, typisches "KFA-Kind", nicht aus der Retorte, aber in der zweiten Volksschulklasse nach Jülich zugezogen, weil der Vater die Stelle als der erste Öffentlichkeitsarbeiter "auf dem Atom" bekam. Peer interessiert sich für fast alles, insbesondere für Kunst, Kino, Katzen, Küche, Komik, Chemie, Chor und Theater. Jährlich eine kleine Urlaubsreise mit M & M, mit Motorrad und Martin.

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