Über den aus Brilon stammenden CDU-Politiker Friedrich Merz sind unlängst zahlreiche Biographien erschienen. Einige Details des Merz‘schen Lebenslaufs sind dabei auch für Jülich von Interesse. In der regionalen und überregionalen Presse wurde mehrfach über die Verwandtschaft des Bundeskanzlers und seine Jülicher Wurzeln berichtet. So wird in der 2022 erschienenen Biographie „Der Unbeugsame. Friedrich Merz, die Union und der Kampf um die Macht“ von Jutta Falke-Ischinger und Daniel Goffart ein Urahn des Bundeskanzlers, Franz Sauvigny, zur großen Überraschung der Jülich-Forscher als Kommandant der Festung in der französischen Epoche Jülichs bezeichnet.
Friedrich Merz‘ Ur-Ur-Ur-Großvater, besagter Franz (Jean-François) Sauvigny, stammte aus Étain, einer Gemeinde im Département Meuse unweit der Festungsstadt Verdun, und wurde dort vermutlich am 19. November 1765 geboren. Er kam wohl als Soldat 1794 mit den revolutionären französischen Truppen nach Jülich. Allerdings finden sich hier wenig Hinweise zu Sauvignys Biographie. 1802 heiratete der 37-Jährige Josepha Borlatti. Eine Urkunde, die heute im Stadtarchiv Jülich bewahrt wird, weist ihn als Vater des 1803 geborenen Sohnes Jean Joseph aus.
Offizier an der Rur
Schriftlich belegt ist seine Präsenz in Jülich auch als Mitglied der von französischen Génie-Offizieren 1802 gegründeten Freimaurerloge „La Bienfaisance“. In einer erhaltenen Mitgliederliste von 1805 ist er als 39-jähriger „Entrepreneur de fortifications“, also Festungsbauunternehmer, aufgeführt. Es ist also wahrscheinlich, dass Jean-François ehemals im Génie-Corps diente, bevor er selbständiger Bauunternehmer wurde. In einer Quelle wird er allerdings als ehemaliger Lazarettangestellter bezeichnet. Weiterhin ist belegt, dass er Kompagnon des ehemaligen Génie-Offiziers und bekannten Jülicher Festungsbauunternehmers, also ebenfalls ein „Entrepreneur des fortifications“, Dieudonné Chauchet (1765-1836) war, der mit Sauvigny sowohl für die französische Armee als auch für private Auftraggeber in Köln, Geldern und Mons (Belgien) arbeitete.
Durch ihre Herkunft und militärische Karriere dürften sowohl Chauchet als auch Sauvigny in privilegierter Beziehung zum französischen Militär gestanden und mit ihrer Bauunternehmung von lukrativen Aufträgen im boomenden Festungsbau profitiert haben. Chauchet ist hier als Bauunternehmer sicher nachgewiesen, Sauvignys Beteiligung darf als sehr wahrscheinlich gelten. Er hatte also offensichtlich zumindest gute Beziehungen zum französischen Festungskommandanten von Jülich, aber auch nicht mehr. Nach 1814 blieb Sauvigny in Jülich, war Besitzer des Franzissenhäuschens auf der Merscher Höhe und verzog wohl 1847 nach Aachen.
Privater Bauunternehmer
Sauvigny war in Jülich privater Bauunternehmer im militärischen Umfeld, der sicher auch gute Kontakte zum tatsächlichen damaligen französischen Festungskommandanten hatte: Colonel (Oberst) Pierre Barrère, Ritter der Ehrenlegion, ist als „Chef de la Place de Juliers“ schriftlich belegt. Ein echter „Haudegen“ der bewegten zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, der am Karriereende in Jülich einen etwas ruhigeren Posten bekleiden sollte. Am 5. August 1796 schließlich wurde Barrère zum provisorischen Kommandanten der Festung Jülich (Place de Juliers), seit 1794 unter französischer Verwaltung, im Range eines Obersten ernannt und am 28. Juli 1801 in seinem Amt bestätigt. 1808 heiratete er die Jülicherin Marie Gertrud Kaesmacher (oder Kaismacker). Nach dem für Napoleon verheerenden Ausgang des Russlandfeldzugs 1812 und der Niederlage bei Leipzig 1813 sank der Stern des Korsen, und die alliierten Truppen drängten die Franzosen zum Rückzug in Richtung Westen. Bereits im November 1813 zeigten sich die ersten Absetzbewegungen der Franzosen auch in Jülich. Den 77-jährigen Barrère hielt man in Paris wohl nicht mehr für fähig, den anrückenden feindlichen Truppen bei einer Belagerung Paroli zu bieten. Er wurde am 8. Dezember 1813 nach 17 Dienstjahren in Jülich abgesetzt und am 7. Januar 1814 in den Ruhestand verabschiedet. Er blieb auch nach dem Ende der französischen Herrschaft im Rheinland und starb am 19. Dezember 1826 im Alter von 90 Jahren in Aachen in seinem Haus in der „Rue de l‘Annonciade 732“, heute Annuntiatenbach.
Als Antwort auf die in der Überschrift gestellte Frage kann man trotz vieler Unklarheiten in der Biographie Sauvignys mit Sicherheit ausschließen, dass der französische Urahn des Bundeskanzlers Festungskommandant in Jülich war. Friedrich Merz selbst erwähnt in einem Podcast im Januar 2025, dass Sauvigny über den Festungskommandanten von Jülich nach dem sauerländischen Brilon kam, wo sein Nachfahre in eine Familie einheiratete, der schließlich auch Merz entstammt.