Start Magazin Geschichte/n Gebundener Projektabschluss

Gebundener Projektabschluss

Mit 46 Aufsätzen beleuchten der Jülicher Geschichtsverein 1923 e.V. (JGV) und der Opladener Geschichtsverein von 1979 e.V. Leverkusen (OGV) in einem neuen Sammelband die Zwischenkriegszeit, also die Zeitspanne von 1918 bis 1939.

3
0
TEILEN
Foto: Jülicher Geschichtsverein
- Anzeige -

36 Autorinnen und Autoren der Geschichtsvereine und der Stadtarchive der beiden Städte blicken in dem Band „Jülich und Leverkusen. StadtRäume zwischen den Kriegen“ auf diese wechselvolle und prägende Zeitspanne zwischen 1918 und 1939. Ermöglicht hat die Publikation die NRW-Stiftung mit einer Förderung in Höhe von 21.000 Euro.

„Das Sammelbuch leistet einen wichtigen Beitrag zur historisch-politischen Bildungsarbeit. Der Blick auf das Jahr 1923 und die Folgen der Ruhrbesetzung zeigt, wie wichtig eine fundierte Auseinandersetzung mit unserer Geschichte ist.

- Anzeige -

Die beiden Geschichtsvereine arbeiten seit vielen Jahren kompetent und wissenschaftlich fundiert zusammen. Diese wertvolle Arbeit unterstützen wir gerne“, sagt Prof. Dr. Barbara Schock-Werner, Vizepräsidentin der NRW-Stiftung, anlässlich der offiziellen Vorstellung des Bandes „Jülich und Leverkusen. StadtRäume zwischen den Kriegen“.

Die Idee zum Sammelband ist im Rahmen des von der Europäischen Union geförderten mehrjährigen Stadträume-Projekts der beiden Geschichtsvereine entstanden. Ermöglicht hat die Publikation die NRW-Stiftung mit einer Förderung in Höhe von 21.000 Euro. 2023/24 präsentierten der JGV und der OGV bereits die Doppelausstellung „Jülich und Leverkusen – StadtRäume zwischen den Kriegen“.

Übersicht über die Beiträge zu Jülich
Die Jülich betreffenden Beiträge zeichnen die Zwischenkriegszeit als widersprüchliche Phase tiefgreifender Belastungen, aber auch nachhaltiger Modernisierung nach. Die belgische und französische Besatzung von 1918 bis 1929 wurde als schwerer Eingriff in die kommunale Souveränität und das Privatleben erfahren. Einquartierungen, Kontrollen, Beschlagnahmungen und Versorgungsprobleme trafen Jülich gemessen an seiner Größe besonders stark.

Gleichwohl arrangierten sich Bevölkerung und Besatzer zunehmend. Der Tod Fritz Sassenscheidts 1920 blieb der einzige tödliche Zwischenfall, wurde jedoch nationalistisch instrumentalisiert. Der separatistische Umsturzversuch von 1923 scheiterte am Widerstand eines von Stadt und Umland getragenen Selbstschutzes.

Der Aufstieg des Nationalsozialismus wird sowohl institutionell als auch biografisch erklärt. Die Lebensgeschichte des frühen Parteimitglieds Wilhelm Sauer zeigt, wie Kriegserfahrung, Entfremdung von der Demokratie, wirtschaftliche Unsicherheit und persönliche Aufstiegschancen die Bindung an die NSDAP förderten.

Bürgermeister Johannes Kintzen und der beigeordnete Verleger Adolf Fischer stehen dagegen für kommunale Kontinuität und den Ausbau Jülichs. Kintzen nutzte erhebliche Gestaltungsspielräume, blieb aber trotz innerer Distanz zum Nationalsozialismus als Verwaltungschef in dessen Verbrechen verstrickt.

Fischer prägte Politik, Vereinswesen, Geschichtskultur und Presse. Sein „Jülicher Kreisblatt“ wurde unter Besatzung und NS-Herrschaft zensiert und politisch unter Druck gesetzt.

Das gesellschaftliche Leben blieb stark katholisch geprägt. Zugleich entstanden neue Bildungs- und Jugendmilieus.

Der Jüdische Jugendverein suchte selbstständig nach einer modernen jüdischen Identität, verband anspruchsvolle Bildungsarbeit mit Sport und reagierte später auf Ausgrenzung und Verfolgung. Die höheren Schulen wurden ausgebaut, während Raummangel durch außerschulische Lernorte und pragmatische Lösungen aufgefangen wurde.

Die Spanische Grippe erscheint in der Lokalpresse zwar als ernste, aber im Vergleich zu Krieg, Hunger und Besatzung nachrangig wahrgenommene Krise. Die Biografie des Polizisten Peter Bücher verdeutlicht zudem die brüchigen Berufswege zwischen Fronterfahrung im Ersten Weltkrieg, Besatzung und politischen Systemwechseln.

Städtebaulich wuchs Jülich über den ehemaligen Festungsrand hinaus. Neue Wohngebiete, öffentliche Bauten und Infrastruktur sollten die akute Wohnungsnot lindern. Die Kommune wurde dabei zum entscheidenden Planungs- und Finanzierungsträger.

Grünzüge, Brückenkopfpark und Sportanlagen schufen dauerhaft wirksame Freizeitstrukturen und begründeten das Bild der „Stadt im Grünen“. Die Werkbundausstellung von 1929 brachte Impulse des Neuen Bauens und moderner Gestaltung in die Kleinstadt.

Gleichzeitig dienten historische Jubiläen, Heimatschauen und Kriegerdenkmäler der Identitätsstiftung, waren jedoch vielfach national und religiös aufgeladen. Kino und Rundfunk etablierten sich als neue Massenmedien und veränderten Freizeit, Öffentlichkeit und politische Kommunikation.

Wirtschaftlich entwickelte sich Jülich trotz Besatzung, Inflation und Weltwirtschaftskrise zum gestärkten Mittelzentrum: Die Einwohnerzahl stieg von 7688 im Jahr 1920 auf rund 12.000 im Jahr 1939. Eisenbahnausbesserungswerk, Gewerbe, Landwirtschaft, Handel und Dienstleistungen trugen das Wachstum.

Einzelhandel und Ladenlokale wurden modernisiert, doch viele Neugründungen überstanden die Krisen nicht. Ältere Betriebe waren dank Eigentum und lokaler Bindung widerstandsfähiger. Bahn-, Postbus- und Straßenverbindungen verbesserten die regionale Einbindung.

Den schärfsten Bruch markiert die NS-Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Boykotte, Berufsverbote, erzwungene Geschäfts- und Grundstücksverkäufe unter Wert, Deportationen und Vermögensversteigerungen bildeten einen systematischen Enteignungsprozess.

Verwaltung, Finanzbehörden, Käufer und Teile der Bevölkerung waren daran beteiligt oder profitierten. Nur wenige Betroffene konnten fliehen. Fast alle übrigen wurden ermordet.

Bis 1933 war in Jülich das Zentrum die vorherrschende politische Kraft. Mit Argwohn betrachteten die städtischen Eliten die sozialistischen und kommunistischen „Umtriebe“ der Arbeiterschaft des Eisenbahnausbesserungswerks.

Die nationalsozialistische Bewegung tat sich in Jülich anfangs schwer, aber auch hier gelang nach der Machtergreifung im März 1933 der Umbau von Staat und Gesellschaft im Sinne des Nationalsozialismus weitgehend widerstandslos. Ein erheblicher Teil der städtischen Eliten diente sich dem neuen System an, dessen verbrecherischer Charakter sich mehr und mehr enthüllte.

Die vermeintliche Stabilität, die bis 1939 eine gedeihliche Entwicklung der Kommune möglich machte, war bitter erkauft, wie der Untergang der Stadt am Ausgang des Zweiten Weltkrieges zeigt.

BUCHINFORMATION
Guido von Büren und Michael D. Gutbier (Hrsg): Jülich und Leverkusen – StadtRäume zwischen den Kriegen | Edition Wort&Wert Schweinfurt | 592 + 92 Seiten | ISBN: 978-3-69316-011-4 | 29,80 Euro

Mitglieder des Jülicher Geschichtsvereins erhalten ihr kostenfreies Exemplar zur Jahreshauptversammlung am Mittwoch, 28. Oktober.

TEILEN
Vorheriger ArtikelEinfach mal drauflos geschrieben
Eine echte Muttkrat und mit unbändiger Leidenschaft für Geschichte und Geschichten, Kurator mit Heiligem Geist, manchmal auch Wilhelm V., Referent, Rezensent, Herausgeber und Schriftleiter von Publikationen, Mitarbeiter des Museums Zitadelle und weit über die Stadtgrenzen hinaus anerkannter Historiker, deswegen auch Vorsitzender der renommierten Wartburg-Gesellschaft

§ 1 Der Kommentar entspricht im Printprodukt dem Leserbrief. Erwartet wird, dass die Schreiber von Kommentaren diese mit ihren Klarnamen unterzeichnen.
§ 2 Ein Recht auf Veröffentlichung besteht nicht.
§ 3 Eine Veröffentlichung wird verweigert, wenn der Schreiber nicht zu identifizieren ist und sich aus der Veröffentlichung des Kommentares aus den §§< 824 BGB (Kreditgefährdung) und 186 StGB (üble Nachrede) ergibt.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here