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Liebes Zuhause!

Ein Exil-Jülicher in Bayern schreibt einen "Brief in die Heimat".

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In der „Pähler Schlucht“. Foto: Frank Lafos
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Eigentlich geht es mich ja nix an. Menschen, die meinen, Verbote gelten nicht für sie. Also – wo kein Kläger da kein Richter. Ich frage mich jedes Mal, sage ich was oder halte ich meinen Mund. Auch gestern wieder.

In der „Pähler Schlucht“, direkt am Ammersee. 45 Minuten Fahrzeit südwestlich von München ist man nach 50 Schritten in tiefster, unberührter Wildniss. Wanderzeit zweieinhalb Stunden, mit Kindern vielleicht auch etwas länger. Feste Schuhe und Trittsicherheit sind Voraussetzung, im Sommer Antimückenspray oder es juckt nach den ersten 100 Metern an Armen und Beinen, im Gesicht. Ein herrliches Ferienabenteuer für die ganze Familie aber auch für Alleinreisende, mit oder ohne Begleitung. Man folgt glitschigen Trampelpfaden durch Tunnel aus Sträuchern und Wildstauden, klettert über umgestürzte Bäume und hangelt sich über Wurzeln und mannshohe, schroffe Steinblöcke.

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Wallgraben vor 50 Jahren. Heimatgefühl und Erinnerung ans „Ströven“. Der Weg führt zehn bis zwanzig Meter oberhalb eines kleinen Baches, den man weil verdeckt durch dschungelartiges Unterholz nur hören und erahnen kann. Tatsächlich ist diese Schlucht ein kleines Abenteuerland. Im letzten Drittel geht es herausfordernd bergab. Dann weitet sich das Tälchen und der Wasserlauf schlängelt sich knöcheltief über feinen Kies glitzernd dem Wanderer entgegen.

Ein leises, gleichmäßiges Rauschen kündigt das Ziel an. Umgestürzte Bäume, Wurzeln und Felsen laden zum Ausruhen ein. Idylle pur, wenn nur nicht die Mücken wären. Jede Wette: Johann Wilhelm Schirmer hätte hier trotzdem seine Staffelei aufgestellt. Ich benutze zeitgerecht meine Kamera. Der Blick wird von einer zwanzig Meter hohen, senkrechten Felswand gefangen. Fast in der Mitte fällt ein Wasservorhang, hinter dem sich drei Personen gut verstecken könnten, aus dem tiefblauen Himmel in einen Kessel. Angenehme Kühle bei 30 Grad produzierend.
Einziger Bruch zur Romantik sind drei sehr deutliche Warnschilder. „Betreten Verboten“, „Achtung Lebensgefahr“ und ein kreisrundes Schild mit einem ausgestreckten Arm und einer großen Hand, die einen optisch auf Abstand halten soll. Sehr eindeutig, hier lauern Gefahren.

So weit so gut. Eine kleine Weile gehört der Blick exklusiv nur mir. Dann kommen sie. Zuerst ein älteres Ehepaar, beide im fortgeschrittenen Rentneralter. Sie, ganz in weiß – inklusive goldbesetzte Sneaker – diese nicht mehr ganz weiß, der Weg hat schlammigen Musterzoll ornamentiert. Unbeeindruckt der unübersehbaren Hinweise zur eigenen Sicherheit hangelt sie sich unsicher balancierend zum Wasservorhang voran. Nur ein Gedanke in meinem Kopf: Was tun, wenn die Dame ausrutscht und abstürzt? Unvorhersehbar des Ausgangs an der Steilwand abstützend, folgt der männliche Part. Telefon raus, schnell ein paar Photos, ein kurzes Video und zurück. Wackelig. Der Spot ist wieder frei und die inzwischen eingetroffene vierköpfige Familie übernimmt den Platz. Mutter keift panisch spitz, der jüngere der beiden Jungs solle sie nicht nach unten ziehen. Vater flucht über einen unsicheren Schritt ins hüfttiefe Wassergeröll. Zigaretten, Papiere, Smart Phone und Autoschlüssel durchnässt. Kommt nur mit Mühe wieder schimpfend aufs Trockene. Foto und Video müssen’s auch hier sein. Ich sage jetzt nichts, nein. Packe meine sieben Sachen und schnalle den Rucksack an. Ein Kopfschütteln und ein böser Blick rutscht mir nonverbal über die Lippen.

Kenner der Jülicher Heimat wissen um die Tücken der Rur zwischen Jülich und Kirchberg und wie schwierig die Bergung aus diesem Gelände sein kann. Eine abgemilderte Form, zu dem was in den Voralpen und Alpen alles passieren kann. Nordsee ist Mordsee – Ebbe und Flut – auch hier gibt es bekannte, aber vermeidbare Gefahren. 112 in unerschlossener Natur bedeutet, im Notfall müssen Retter unter Einsatz ihres eigenen Lebens anderen zu Hilfe kommen. Zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Daher an Euch Urlaubsreife Corona Flüchtlinge und Abenteuerlustige auf Naturtrip ein gut gemeinter Hinweis: Warnschilder, Sturmwarnleuchten oder Absperrungen werden nicht zum Spaß installiert. Unfälle mit tödlichem Ausgang oder aufwendigste Rettungsaktionen werden täglich nötig, weil diese einfachen Regeln und deutlichen Warnungen für eine Instagramm Challenge oder aus arroganter Ignoranz missachtet werden. Die Rettungskräfte sind meistens Freiwillige, Väter, Söhne und engagierte Frauen, die ihre Dienste im Sinne der Gesellschaft leisten. Oft setzen sie freiwillig ihr eigenes Leben für andere auf Spiel. Ich wünsche sichere Ferien.
Euer Vojaganto

Anfahrt: Von München kommend die A95 München – Garmisch am Autobahnkreuz 4 Starnberg verlassen und weiter auf der A 952 Richtung Starnberg fahren. Dem Straßenverlauf folgen und weiter auf der B2 durch Starnberg fahren. Nach etwa 18 Kilometer rechts nach Pähl abbiegen. Im Ort rechts auf die Kirchenstraße abbiegen und an der Kirche parken.
Stärkung danach: Schatzbergalm – oberhalb von Dießen am Ammersee. Ca. 10 Minuten Autofahrt entfernt. Faire Preise, gutbürgerlich mit Biergarten und großem Spielplatz. Bieten auch Übernachtungen an.

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Frank Lafos
Reisender, fotografierender Menschenbeobachter, der seit über 15 Jahren Kurzgeschichten schreibt. Eingeborener Muttkrat, Karnevalist und bekennender Rheinländer. Lebt in Jülich und Starnberg. Entwickelt karnevalistisch-musikalische Bühnenstücke vom Text bis zur Regieanweisung. Über 20 Jahre Co-Autor des Ulk Magazins. Fachlich-berufliche Schwerpunkte und Veröffentlichungen zu Innovationstechniken, digitaler Kommunikation und neuen Arbeitsformen. Diplom Ingenieur, zertifizierter Coach und kreativer Gestalter.

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