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Neues von der BERLINALE-Schlechtwetterfront: „Das finstere Tal“ – Ein Schnee-Western mit Blei-Gewitter, bald schon im KuBa-Kino zu sehen

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Kino auf der Berlinale | Foto: HERZOG
Kino auf der Berlinale | Foto: HERZOG
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Von unseren Berlinale-Korrespondenten Peer Kling und Elisabeth Niggemann (Dreamteam)

Am letzten Sonntag der Berlinale ist immer Kinowetter, denn ob Sonnenschein oder Hagel, den Kinotag lassen sich die Berliner nicht entgehen. Die Idee ist, dass die Bewohner der Stadt noch einmal so richtig Festivalluft schnuppern können und an diesem Tag sogar zu familienfreundlichen Preisen. Dann sind die Sperren auch schon mal geöffnet und die Berliner dürfen selbst über den roten Teppich zu ihrem Filmerlebnis schreiten. Stehen sie doch sonst VOR der Sperre, um ihren Stars zuzujubeln in der Hoffnung vielleicht einen Schnappschuss oder gar ein Autogramm zu ergattern. Am meisten umjubelt war dieses Jahr George Clooney, mal wieder, muss man sagen. Der im Jahre des Mauerbaus (1961) geborene Schauspieler und Regisseur besuchte schon mehrfach die Berlinale. Clooney wirkt frisch und erfrischend. Die Mauer dagegen ist Geschichte. Nur einige in Szene gesetzte Übrigbleibsel und in die Straßen eingelassene Linien erinnern noch daran. Die Stadt boomt, zieht Touristen an wie nie zuvor. Zur Berlinale waren dieses Jahr über 4000 Journalisten akkreditiert.

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„Das finstere Tal“ des 1963 in Wien geborenen Regisseurs Andreas Prochaska sahen wir im Friedrichstadt Palast. Der Streifen, nein das digitale Gewitter, feierte in der Reihe Berlinale Special seine Premiere. Der Film selbst ist so finster wie sein Titel und der helle Schein der Festival-Leuchten, der Glamour, die Girlanden und das gleißende Rot der Teppiche bilden einen starken Kontrast, zu dem, was die Zuschauer erwartet.

Wir haben uns mit zwei Freunden verabredet und sitzen eng wie im Flieger der „Holzklasse“ in dem renommierten Saal, in dem üblicherweise Revuen stattfinden, die Zuschauer aus ganz Deutschland anziehen. Die Hauptdarstellerin Paula Beer begann hier als 12jährige ihre Karriere. Als 15jährige sahen wir den „Sonnenschein“ im Kuba in dem Film „Poll“. Das damalige Credo des „Epizentrums cineastischer Leidenschaft“ lässt sich auch auf „Das finstere Tal“ übertragen: „Es gibt keine Untergänge – nur Übergänge.“  Wetterfühlig ist sie jedenfalls nicht.

Der Friedrichstadt Palast, hier eine Erinnerung an eine der Schnee- Berlinalen (2012). Immer mal wieder gibt es „Berlinale on the rocks“. Dann räumen Männer bei strammen Minusgraden die viele Zentimeter dicken Eisplatten Stückchen für Stückchen mit Bohrmeißeln von den Gehwegen zu den Kinos. Das wäre doch mal was, wenn die Stars auf Schlittschuhen einlaufen würden. Dieses Jahr gab es keinen Schnee zur Berlinale. Dabei hätte er zu dem Film „Das finstere Tal“ so wunderbar gepasst.

Die Premiere auf der Berlinale verspricht dem düsteren Schnee-Western winterliche Starthilfe in den Kinos. Links: Sam Riley als der Rächer. Mitte: Paula Beer als Luzi zwischen den Fronten. Rechts: Tobias Moretti als Hans Brenner, Wortführer der Brenner-Despoten.

Mal gleich vorneweg. So finster wie der Titel ist auch der Film. Voll von martialischer Gewalt. Von wegen gesunde Bergluft. Sie ist verdammt Blei haltig. Und die Herzen der

Protagonisten? Cold as Ice! In der Luther-Version von Psalm 23 steht geschrieben: „…Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ Die Variante nach Franz Schlachter wäre hier passender. Und für seinen Namen kann er ja nun wirklich nichts. „Und wenn ich auch wanderte durchs Tal der Todesschatten, so …“. Der Pfarrer ist übrigens einer der ersten, die im Film „an Bleivergiftung“ sterben. Er hat seine Autorität dazu missbraucht, die Missetaten, um mal bei dem Jargon zu bleiben, zu decken. Worum geht es denn überhaupt in dieser Bestsellerverfilmung? Das Presseheft und die sonstige Werbung für den Film zitiert Luzi (Paula Beer), die im Film als Erzählerin auftritt und legt damit verbrämt einen Teppich des Schweigens aus: „Es gibt Sachen, über die darf man nicht reden…!“ Also wir denken, man darf schon vorher wissen, dass es um einen Racheakt

gegen eine über Generationen despotisch herrschende Familie namens Brenner in der Abgeschiedenheit der Berge geht. Da bleibt das Unerhörte wirklich unerhört. Die Bedingungen der winterlichen Natur sind eigentlich schon lebensfeindlich genug, aber da hätten wir ja noch die besonderen Eigenschaften menschlicher Wesen, die alles noch viel schlimmer machen. Also, es kommt ein Fremder (Darsteller Sam Riley) daher, gibt sich als Fotograf aus. Und als er wieder geht, ist alles anders und die Bevölkerungsdichte im Ort ist „gesunken“. Dazwischen liegen 115 blutige Filmminuten, die aber dennoch ihre Reize haben. Worin liegen sie? Die Einer-gegen-alle-Selbstjustiz bietet der Durchschnittsseele reichlich Identifikationsspielraum, zumal der Rächer als sensible fast übernatürliche Person daher kommt. Er kommt aus einer Welt der Poesie, wenn er seine Daguerotypien, also „Spiegel, die sich Bilder merken können“ herstellt. Daraus wird dann ein Kontrastprogramm, als er sich auf den „Stecken und Stab“ im Psalm nicht getrost verlassen möchte, sondern lieber zu seinem aus den USA mitgebrachten Gewehr greift. Und schon damals war alles, was aus der Neuen Welt kommt, „bigger“, besser, schneller und genauer. Und so traut sich der „Zug´reiste“ gegen das halbe Dutzend der Brenner-Brüder anzutreten, deren Wortführer von dem breitlippigen, aber in seiner Rolle Wort kargen Tobias Moretti gespielt wird. Wir kennen ihn aus „Kommissar Rex“ oder aus „Jud Süß – Film ohne Gewissen“, in dem er die Hauptrolle spielte.

Diese Wiederbelebung des Schnee-Westerns verspricht spannendes Genre-Kino. Und Menschen sind neugierig, wie Charaktere in Extremsituationen zurechtkommen, am liebsten aus der sicheren Perspektive eines kuscheligen Kinosessels. Die atmosphärische Dichte des Films zieht den geneigten Zuschauer in den Bann der Bergwelt. Großzügige Panorama-Aufnahmen sprengen die Enge des Tals und weiten den Blick. Der 1961 geborene ehemalige Fullbright Stipendiat Matthias Weber setzt um, was er in Boston und Los Angeles an Komposition und Film Scoring gelernt hat. Seine Musik gewinnt unsere emotionale Beteiligung.

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Peer Kling
Peer Kling, typisches "KFA-Kind", nicht aus der Retorte, aber in der zweiten Volksschulklasse nach Jülich zugezogen, weil der Vater die Stelle als der erste Öffentlichkeitsarbeiter "auf dem Atom" bekam. Peer interessiert sich für fast alles, insbesondere für Kunst, Kino, Katzen, Küche, Komik, Chemie, Chor und Theater. Jährlich eine kleine Urlaubsreise mit M & M, mit Motorrad und Martin.

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